Insgesamt praktizieren in München knapp 150 Kinderärzte. damit ist die Stadt eigentlich gut versorgt, doch die Statistik zeigt die Unterschiede. Im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl kommen nur zwei Ärzte auf 8663 Kinder.

Mangel in manchen Münchner Bezirken

Weite Wege für Eltern: Kinderärzte ungleich verteilt

München - Die eine Praxis wird plötzlich geschlossen, andere nehmen keine neuen Patienten mehr auf: In München sind die Kinderärzte sehr unterschiedlich verteilt. Eltern stehen darum oft vor einem Problem.

Eine Dreiviertelstunde hin, eine Dreiviertelstunde zurück. Und das ist optimistisch gerechnet. Wenn Aster Garedew mit ihrem dreieinhalbjährigen Sohn zum Kinderarzt muss, gleicht das einem Halbtagesausflug. Einmal vom Münchner Norden zur Implerstraße und zurück – zu Fuß und mit der U-Bahn. Wer wie Garedew im Hasenbergl lebt, kann nicht einfach mal schnell mit dem Nachwuchs um die Ecke gehen, um auf eine Impfung vorbeizuschauen oder ein Rezept abzuholen. Kinderärzte sind im 24. Stadtbezirk – aber nicht nur dort – extrem rar gesät.

„Hier ist es eine Katastrophe“, sagt Ruslan Litvinau. Auch er wohnt mit seiner Familie im Hasenbergl und kann Garedews Schicksal gut nachvollziehen. Wie Garedews Kind war auch sein sechsjähriger Sohn zunächst Patient bei einem Kinderarzt an der Reschreiterstraße. Als dieser vor gut einem Jahr überraschend aufhörte, wurden die Patientenunterlagen einer Praxis an der Implerstraße übergeben. Dennoch suchten beide Eltern nach einem neuen Spezialisten in der Nähe. Fehlanzeige. Zwar gibt es zwei weitere Kinderärzte vor Ort. Aber: „Wir nehmen keine neuen Patienten, sagten sie zu mir“, berichtet Garedew. Genau dasselbe bekam auch Litvinau zu hören.

Die Anzahl ist gut, doch bei der Verteilung hakt es

Insgesamt gibt es in München knapp 150 Kinderärzte. Damit ist die Stadt eigentlich überversorgt. Grundlage der Bemessung ist eine Bedarfsplanungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitssystem. Diese ermisst den Versorgungsgrad in einem Planungsbereich anhand des Verhältnisses Arzt zu Einwohnern.

Für jede einzelne Arztgruppe gibt es bestimmte Verhältniszahlen, die eine ausreichende Versorgung anzeigen. Im Fall der Kinderärzte ist das Verhältnis in München besser als vorgegeben, ja sogar so gut, dass der Planungsbereich für Neuniederlassungen gesperrt ist. Wo sich die bereits zugelassenen Spezialisten innerhalb des Planungsbereichs ansiedeln, ist diesen allerdings freigestellt. Das führt zu großen lokalen Differenzen. Laut statistischem Amt der Stadt leben im Bezirk Schwabing-Freimann 8030 Kinder bis 14 Jahre. Vor Ort gibt es 15 Kinderärzte. In Feldmoching-Hasenbergl wohnen 8663 Kinder, doch kümmern sich dort nur zwei Ärzte um sie.

Die vorhandenen Praxen sind total überlastet

Und die sind hoffnungslos überlastet. Verner Hallmen hat seine Praxis an der Rainfarnstraße. Er erhält täglich mehrfach Anfragen von potenziell neuen Patienten, muss diese aber fast immer abweisen. Nur Geschwister oder Kinder von Eltern, die einst selbst bei ihm waren, nimmt er noch auf. „Alternativen in der Gegend gibt es praktisch nicht“, sagt er.

Ein Stück weiter nördlich in einem Hochhaus praktiziert zwar Hallmens Kollege Stefan Hammann. Aber auch er ist am Limit. „Ich sehe bis zu 80 Kinder pro Tag mit gravierenden, vor allem sozialpädiatrischen Problemen, deren Lösung wegen des niedrigeren Bildungsniveaus und der Sprachbarriere oft deutlich mehr Zeit beansprucht als im Nachbarbezirk Schwabing. Dennoch wird mir nicht erlaubt, einen Kollegen anzustellen, um die örtliche Bevölkerung zu versorgen.“

Kritik an der Kassenärztlichen Vereinigung

Das Münchner Netzwerk für soziale Arbeit Regsam kritisiert die Vergaberichtlinien der Kassenärztlichen Vereinigung, vor allem die Tatsache, dass München als Gesamtraum angesehen wird. Im 24. Stadtbezirk herrsche dennoch therapeutischer Mangel, vor allem im nördlichen Hasenbergl. „Eine gerechtere und bessere Versorgung von unterversorgten Randbezirken auch innerhalb Münchens muss durch die Kassenärztliche Vereinigung gewährleistet werden“, heißt es in einem Papier.

Ruslan Litvinau war lange auf der Suche nach einem neuen Arzt für seinen Sohn. In seiner Verzweiflung fragte er sogar Mütter auf dem Spielplatz nach nahegelegenen Praxen. Die aber wussten nur Ärzte im Kieferngarten. Erst vor Kurzem wurde Litvinau dann fündig. Allerdings nicht im Hasenbergl, sondern am westlichen Rand des zwölften Stadtbezirks, Schwabing-Freimann. „Ich habe zwei Tage mit einer Praxis dort herumtelefoniert, bis ich endlich Erfolg hatte.“ Die Adresse liegt zwar nicht nah am Wohnort, doch kommt die Familie ganz flott mit dem Bus dorthin. Das ist deutlich besser als eine Halbtagesreise mit der U-Bahn.

Katrin Hildebrand

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