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Hängt eng mit dem Weltbild-Verlag zusammen: Der Buchhändler Hugendubel.

Weltbild-Verkauf sorgt für Unruhe

München - Seit sich die katholische Kirche vom Weltbild-Verlag trennen will, machen sich auch die Mitarbeiter von Hugendubel Sorgen um ihre Zukunft. Denn beide Unternehmen sind enger miteinander verflochten, als den meisten bislang klar war.

Erst vergangene Woche nahm Kardinal Reinhard Marx in der Frankfurter Paulskirche den Preis „Soziale Marktwirtschaft 2011“ der Konrad-Adenauer-Stiftung entgegen. Die Jury fand warme Worte: Er habe gezeigt, dass ein „Wirtschaftssystem ohne Menschlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit keine Moral und keine Zukunft“ hat. Und Marx hielt fest: „Soziale Marktwirtschaft ist eine Aufgabe, der man sich täglich stellen muss.“

Dass gerade Marx den Preis erhalten hat, erntet auf dem Internet-Blog des Hugendubel-Betriebsrats erstaunte Kommentare: „Ist das ein Scherz?“, empört sich einer, ein anderer schreibt von „Doppelmoral“. Enttäuscht waren auch die mehr als 1000 Mitarbeiter am Montag bei der Weltbild-Betriebsversammlung in Augsburg. Vergeblich warteten sie auf eine Stellungnahme des Münchner Kardinals, der sich wie Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa entschuldigen ließ.

Seit Ende November bei der Bischofskonferenz beschlossen wurde, dass die katholische Kirche als alleiniger Eigentümer den Weltbild-Verlag verkaufen will (wir berichteten), fühlen sich die 6500 Weltbild-Beschäftigten mit ihren Sorgen alleine. Noch weiß keiner, wie es weitergeht. Und auch beim Buchhändler Hugendubel fragen sich die Mitarbeiter, welche Auswirkungen der Verkauf auf ihren Arbeitsplatz haben könnte. Kurz gesagt ist der Betriebsrat in Sorge, dass der Käufer von Weltbild das Buchgeschäft ganz ins Internet verlagern könnte. Das wäre das Ende fürs Filialgeschäft und viele Mitarbeiter.

Weil sich die Hugendubel-Geschäftsleitung in München bedeckt hält, wälzen die Betriebsräte nun die Vertragsordner, um sich über die komplizierte Konzernstruktur klar zu werden. Für die Mitarbeiter haben sie eine vereinfachte Erklärung online gestellt. Bis 2006 war die „H. Hugendubel GmbH & Co. KG“ noch vollständig im Besitz der Familie. Dann wurde die Deutsche Buch Handels GmbH“ (DBH) gegründet und alleinige Eignerin. An der DBH beteiligt sind zu je 50 Prozent die Hugendubels und die Verlagsgruppe Weltbild. Über diesen Zwischenschritt gehört Hugendubel also zur Hälfte Weltbild – beziehungsweise der Kirche.

Dazu kommt: „Wir wissen eigentlich überhaupt nicht, wer wo mitredet“, sagt einer aus den vorderen Reihen des Betriebsrats, der ungenannt bleiben möchte. Weltbild-Chef Carel Halff hatte jedoch in einem Interview mit der Wirtschaftswoche erklärt: „Weltbild und Hugendubel arbeiten längst so eng verzahnt wie eine Firma.“ Im Fernsehen zeigt sich das in gemeinsamen Werbespots, die Hugendubel und Weltbild für das Weihnachtsgeschäft laufen lassen. Ebenso betreiben sie gemeinsame Filialen. „Das gesamte Filialnetz hängt am Tropf von Weltbild“, sagte der Konzernbetriebsratsvorsitzende Uwe Kramm dieser Zeitung. Nicht nur die Ware werde großteils aus Augsburg geliefert, von dort komme auch personelle Unterstützung. Und schließlich werde die Online-Plattform komplett von Weltbild aus geregelt.

Im Januar war dies schon einmal Thema. Der Hugendubel-Betriebsrat hatte der Geschäftsleitung in seinem Blog Zensur vorgeworfen. Im Hugendubel-Webshop hatten automatische Filter die gleichen Bücher ausgeblendet wie bei Weltbild – hauptsächlich kirchenkritische, schwul-lesbische, esoterische und kommunistische Titel. Nach Protesten wurde der Filter entfernt. In seinem erweiterten Warenangebot tut es Hugendubel aber weiterhin Weltbild gleich und handelt inzwischen auch mit Simmertöpfen, Schneefräsen und sogar Fahrrädern.

In einem offenen Brief hat Hugendubel-Betriebsrat Bernhard Rieger die „anstößige“ Expansionspolitik kritisiert, die zu Lasten der Beschäftigten gehe. Der Konzern praktiziere einen „Buchhandel ohne Buchhändler“, gefragt seinen zunehmend Minijobber, Praktikanten und Leiharbeiter. „Die Arbeitsbedingungen sind geprägt von fehlender Zukunftsperspektive.“

Der Weltbild-Betriebsrat will nun für einen Zukunftssicherungsvertrag kämpfen, notfalls mit Streiks. Er fordert neben der Tarifbindung: keine betriebsbedingten Entlassungen in den nächsten vier Jahren, keine Zerschlagung der Gruppe und Erhalt der DBH-Beteiligungen im Konzern – also auch Hugendubel. Die Verhandlungen sollen vor Weihnachten beginnen. Weltbild-Chef Carl Halff hat Gesprächsbereitschaft signalisiert.

Bei Hugendubel will Betriebsratschef Kramm die nächsten Informationsveranstaltungen auf Anfang 2012 legen. Momentan seien die Mitarbeiter zu sehr in das Weihnachtsgeschäft eingebunden.

Solange wartet er auf eine Antwort des Kardinals. Schon lange vor den Verkaufsplänen hatte er ihn um Hilfe gebeten, weil die Verhandlungen um einen Sozialtarif mit der Geschäftsleitung ins Stocken geraten waren. Marx schrieb, er wolle sich umhören. „Seitdem kam nichts mehr von ihm“, sagt Kramm. „Ich glaube, der Kardinal hat kein Interesse mehr, sich mit Hugendubel auseinanderzusetzen.“

Katharina Fuhrin

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