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Horst Henke vom BRK Kreisverband Rosenheim hat am Freitag eine 48-Stunden-Schicht angetreten.

Wenn das Fest in Trauer endet

Tragödien an Heiligabend: Ein KID-Teamleiter erzählt

München - Horst Henke vom Kriseninterventionsdienst (KID) des Bayerischen Roten Kreuzes erscheint immer dann, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Hier sein dramatischer Bericht vom Heiligabend 2015.

Mein Name ist Horst Henke. Ich bin Teamleiter des Bayerischen Roten Kreuzes, Kriseninterventionsdienst (KID) Rosenheim und 55-jähriger Familienvater. Am 23. Dezember um 20 Uhr begann mein 48-Stundendienst. An Heiligabend wachte ich noch ganz normal auf. Kein Einsatz in der Nacht. Ich konnte gemütlich mit meiner Frau frühstücken. Mein Sohn schlief. Die Zeitung danach konnte ich aber nicht mehr ganz fertig lesen …

„Erst dachte ich, er schläft, ...“

Das Kriseninterventionsteam kommt zu Menschen in Ausnahmesituationen.

Um 9.40 Uhr ging der Meldeempfänger los. „Das KID Rosenheim über Telefon die Leitstelle rufen“, war die Meldung. Beim Anruf erfuhr ich, dass nach einer erfolglosen Reanimation eine Ehefrau und die Tochter zu betreuen seien. Schnell verständigte ich meinen Teampartner, und schon war ich unterwegs. Dort war der Rettungswagen noch vor Ort. „Frohe Weihnachten“, begrüßte ich die Kollegen und wusste gleich, dass das die falschen Grußworte waren. „Erfolglose Reanimation, die Angehörigen sind in der Küche“, war die Antwort. In der Zwischenzeit war auch mein Teampartner eingetroffen. Die Angehörigen des toten Rentners waren sehr aufgelöst und traurig. Die Frau sagte: „Er war schon zehn Tage schlecht beieinander. Ich habe immer wieder gesagt, er soll zum Arzt gehen. Erst dachte ich, er schläft, aber er hat nicht reagiert. 

Sofort habe ich die 112 angerufen. Die sind dann schnell da gewesen. Sie haben Schläuche und Kabel angeschlossen, und dann haben sie gesagt, er ist tot. Wir wollten doch nachher in die Kirche gehen. Es ist doch Weihnachten.“ Viel ging den Betroffenen durch den Kopf. Immer wieder wurde geweint. Nur langsam wurde der Tod begreifbar. Die Rettungsassistenten hatten den Toten auf dem Sofa aufgebahrt. Gemeinsam zündeten wir eine Kerze an und sprachen ein Gebet. Die Ehefrau und die Tochter verabschiedeten sich liebevoll von dem Verstorbenen.

An solchen Tagen, wie familiären Feiern oder kirchlichen Feiertagen, dauert die Betreuung oft länger. Meist sind eineinhalb bis zweieinhalb Stunden notwendig, um die Betroffenen wieder handlungsfähig zu machen, ihre Reaktionen zu erklären und auf die weiteren Schritte hinzuweisen. Um 13.40 Uhr verabschiedeten wir uns.

Eine kurze Nachbesprechung mit dem Partner, eine Butterbreze und ein Cappuccino beim Bäcker: „Um 14 Uhr machen wir aber zu!“

So lange hatten wir gar nicht Zeit. Um 13.57 Uhr alarmierte uns die Rettungsleitstelle. Es gebe einen Toten nach einer Wohnungsöffnung. Die Eltern und die Polizei seien vor Ort. Als wir ankamen, standen die Eltern des Toten im Treppenhaus. Die Wohnung wurde aufgrund einer unnatürlichen Todesfolge zum Tatort erklärt. Von der Polizei erfuhr ich, der Tod könnte durch Drogen erfolgt sein. 

Eltern können sich nicht vom toten Sohn verabschieden

Die Auffindesituation und die Umstände erforderten umfangreiche Ermittlungen. „Der Tote ist beschlagnahmt.“ Eine Verabschiedung war hier und heute nicht möglich. Nun standen wir mit den verzweifelten Eltern im kalten Treppenhaus. Wie wünschte ich mir da wieder einen Einsatzbus mit Sichtschutzfolien an den Fenstern, mit einem Besprechungsraum, um die Betroffenen aus dem Geschehen zu nehmen und von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Im Winter sollte er auch eine Standheizung haben.

Leider fehlt dafür das Geld. Die Krisenintervention der Hilfsorganisationen und der Notfallseelsorge ist zum Großteil ehrenamtlich und für die Betroffenen auf jeden Fall kostenfrei. Vielleicht findet sich ja irgendwann einmal ein Sponsor …

Die Eltern machten sich große Vorwürfe. Der Sohn war drogenabhängig und hatte sich schon länger nicht mehr gemeldet. Die Mutter wollte ihn gerne noch einmal sehen. Wir erklärten den Eltern, wie es jetzt weitergeht und dass eine Verabschiedung auch später beim Bestatter am offenen Sarg im würdigen Rahmen möglich sei. Nach einiger Zeit einigten wir uns darauf, das Treppenhaus zu verlassen und die weitere Betreuung in der Wohnung der Eltern fortzuführen. 

Die Schwester des Toten musste noch verständigt werden. Die Mutter: „Wie sag’ ich ihr das denn bloß?“ Die klaren Worte, „er ist gestorben“, fallen so schwer, sind aber am einfachsten zu verstehen. Um 18.30 Uhr konnten wir die Familie wieder verlassen. Wir wurden von der Mutter fest gedrückt. „Vielen Dank, dass Sie da waren!“ Das sind die für uns emotionalen Momente, bei denen meine Augen auch feucht werden.

Als wir ins Auto einsteigen wollten, alarmierte uns die Leitstelle erneut. Eine laufende Reanimation bei einer Familienfeier. Als wir vor Ort waren, war die Reanimation schon abgebrochen worden. Der Patient, ein Mann in seinen besten Jahren, war verstorben. Fünf Erwachsene und vier kleine Kinder waren in der Wohnung. Der Arzt hatte aufgrund einer Herzerkrankung einen natürlichen Tod festgestellt. Keine Polizei. Aber der Totenschein kann erst in vier Stunden durch einen anderen Arzt ausgestellt werden. Ich half dem Rettungsdienst, den Verstorbenen im Schlafzimmer würdig aufzubahren. 

„Wie sollen das die Kinder begreifen?“

Unter den Erwachsenen herrschte große Trauer und Entsetzen. Die Kinder spielten schon wieder mit den Geschenken. Die Reanimation hatten die Kinder nicht mit angesehen. Die Frage „Wie sollen die Kinder das begreifen?“ stand im Raum. Wir erklärten den Erwachsenen, wie Kinder das verarbeiten. Dass sie in dem einen Moment nicht daran denken und spielen, danach könnten sie aber fragen oder weinen. Eine Verabschiedung kann hier hilfreich sein. Noch einmal den Verstorbenen anfassen und spüren, dass sich etwas verändert hat. Sehr junge Kinder sehen, dass die Mimik fehlt und begreifen, dass etwas anders ist. Wir haben uns mit der ganzen Familie ums Bett gestellt. Eine Kerze wurde angezündet, ein Gebet gesprochen und ein Weihnachtslied wurde von der Familie für den Toten gesungen. Nachdem der Arzt da gewesen war und den Totenschein ausgefüllt hatte, konnte der Bestatter den Leichnam abholen. Um 23.15 Uhr verabschiedeten wir uns von der Familie.

Kurz bevor ich zu Hause war, ging schon wieder ein Alarm ein. Treffen bei der Polizeidienststelle zur Überbringung einer Todesnachricht. Eine Frau hatte sich Sorgen um ihre Schwester gemacht und die dortige Polizei verständigt. Die Schwester war seit 14 Tagen krank und meldete sich nicht. Die Polizei hatte in der Folge die Tür öffnen lassen und die tote Schwester vorgefunden. Wir fuhren mit der Polizei zu der Frau. Was erwartet uns da? Eine Familie nach der Weihnachtsfeier? 

Die Frau war alleine und noch auf. Sie hatte noch auf eine Nachricht von ihrer Schwester gewartet. Die Polizisten überbrachten ihr sehr einfühlsam die Todesnachricht. Sie beschrieben die Situation, die ihre Kollegen vorgefunden hatten. Die Frau war sehr gefasst. Sie bot uns Tee und Plätzchen an und erzählte von der Schwester. Sie hatte mit der Nachricht gerechnet.

Um 1 Uhr nachts war ich dann zu Hause. Meine Familie schlief schon fest. Der Baum war geschmückt, die elektrischen Kerzen am Christbaum waren noch an. Unter dem Baum lag ein Geschenkpaket. Ob das für mich ist? Ich gönnte mir ein kleines Bier. Am Morgen freute sich mein Sohn, dass ich das Geschenk in seinem Beisein öffnete und ich bis 20 Uhr keinen Einsatz mehr hatte.

Dieses Jahr habe ich also wieder Bereitschaftsdienst. Hoffentlich geht kein Alarm ein. Damit es auch eine frohe Weihnacht bleibt.

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