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Die Angst vor dem Partner: Sina Reichel (vorne) wurde von ihrem Ex-Mann bedroht und geschlagen. Angelika Bauer von der Beratungsstelle „Imma“ (im Hintergrund) hilft Reichel und ihrer Tochter Sara, das Erlebte zu verarbeiten

Häusliche Gewalt

Wenn Papa die Mama schlägt

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München - Horror in den eigenen vier Wänden: Über 3500 Fälle von häuslicher Gewalt wurden 2013 in München angezeigt. Für die Kinder ist das traumatisch. Und für Frauen löst eine Anzeige das Problem nicht immer. Treffen mit einem Opfer.

Sina Reichel erinnert sich noch genau an den Tag, als ihrem Ehemann erstmals die Hand ausrutschte. Vier Jahre ist es her, das Paar hatte mal wieder gestritten. Er war aggressiv. „Wenn es Streit gab, flüchtete er gerne aus der Wohnung“, sagt Reichel, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. Nur diesmal stand sie im Türrahmen, ihr Mann kam nicht vorbei. Da schlug er ihr ins Gesicht. Reichel machte das einzig Richtige und rief die Polizei. Sie erstattete Anzeige. Kurz darauf zog sie sie wieder zurück. „Ich wollte das ohne Polizei regeln“, sagt Reichel. Dabei hatte man sie bei der Frauenhilfe noch gewarnt: „Es wird sich wiederholen.“ Und so kam es auch.

3574 Fälle von häuslicher Gewalt wurden 2013 beim Polizeipräsidium München angezeigt – ein Anstieg um zwei Prozent zum Vorjahr und gar um 49 Prozent seit 2004. „Das Problem geht durch alle Kulturen und alle Schichten“, sagt Angelika Bauer, Sozialpädagogin bei „Imma“, einer Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen. Einen Teil des Anstiegs erklärt die Polizei damit, dass die Fälle seit 2009 genauer erfasst werden. Und doch zeigen auch die aktuellen Zahlen nicht das wahre Ausmaß partnerschaftlicher Gewalt. „Es gibt ein hohes Dunkelfeld“, sagt Bauer. Sie zitiert Studien, nach denen „jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von häuslicher Gewalt betroffen ist.“ Doch manchmal schlagen auch Frauen zuhause zu. Rund 21 Prozent der bei der in München angezeigten Personen sind weiblich.

Bei Imma gibt es eine Gruppe für Mädchen im Grundschulalter, die häusliche Gewalt miterlebt haben. „Familien mit Kindern sind häufiger betroffen, weil hier die Überforderung besonders groß ist“, sagt Bauer. „Die Kinder sind oft traumatisiert.“ Bei Imma können sie in einem sicheren Umfeld das Erlebte verarbeiten. Seit Februar ist auch Sina Reichels Tochter Sara mit dabei. „Sie hat schlimme Erfahrungen gemacht“, sagt Reichel.

Sina Reichel lernt ihren Mann im Jahr 2005 kennen. Im Oktober 2006 kommt Sara auf die Welt, das Paar heiratet. Die Probleme der Sekretärin beginnen, als ihr Arbeitgeber sie nach der einjährigen Elternzeit nicht weiter beschäftigen will. Einmal arbeitslos, gerät sie in die finanzielle Abhängigkeit ihres berufstätigen Mannes. „Er hat das versucht auszunutzen“, sagt Reichel. Immer häufiger streitet sich das Paar, ihr Mann ist hochgradig eifersüchtig. „Ich stoß’ dich vom Balkon“, droht er ihr einmal. „Ich zerschneide dir das Gesicht, dann guckt dich keiner mehr an“, ein andermal. Als ihm 2010 die Hand ausrutscht, nimmt die Polizei ihm den Schlüssel weg und verweist ihn der Wohnung. Doch nachdem Reichel ihre Anzeige zurückzieht, lebt das Paar wechselnd getrennt und wieder zusammen. „Frauen ziehen Anzeigen oft zurück, weil sie unter Existenzangst leiden“, sagt Sozialpädagogin Bauer. „Veränderungen machen Angst. Da werden lieber schlagende Männer geduldet.“

Als es nicht mehr geht, beantragt das Paar beim Familiengericht eine Umgangsregelung. Alle 14 Tage soll Sara ein Wochenende lang bei ihrem Vater übernachten, verfügt das Gericht. „Ihr Vater hat sie oft enttäuscht, die Termine oft abgesagt“, sagt Reichel. Immer wieder gibt es neue Regelungen des Gerichts. Dass es ständig zwischen ihren Eltern kracht, bekommt Sara hautnah mit. Das Mädchen steht zwischen den Fronten. Im August 2012 lässt sich das Paar scheiden. Im Januar 2013 steht Sina Reichels Ex-Mann kurzfristig ohne Wohnung da. Reichel lässt ihn noch einmal in ihrer Wohnung übernachten. Ihr Ex-Mann bekommt mit, wie Reichel mit einer männlichen Bekanntschaft telefoniert. Da rastet er komplett aus, reißt vor den Augen seiner Tochter das Telefonkabel aus der Wand. „Leb wohl, such dir einen anderen Papa“, brüllt er.

Im September 2013 kommt ihr Ex-Mann vorbei, um die Tochter abzuholen. Es beginnt ein Streit, ihr Ex schubst Sina Reichel in den Hauseingang. Sie fällt und verletzt sich am Arm. Sara weint, sie will nicht mit ihrem Vater mitgehen. Als er sie mit Gewalt mitzerren will, greift ein Nachbar ein. Sina Reichel fährt mit ihrer Tochter zur Polizei und erstattet Anzeige. Eine Richterin erlässt ein Kontaktverbot. Es gilt nur für acht Wochen.

Sina Reichel arbeitet wieder Vollzeit. Manchmal würde sie gerne mit Sara Reißaus nehmen und wegziehen. Doch das geht nicht: Sie hat trotz allem nicht das alleinige Sorgerecht. Saras Vater darf seine Tochter weiter regelmäßig sehen. Ein vom Gericht bestellter Umgangspfleger wacht darüber. Auch an Tagen, an denen Sara ihren Vater nicht sehen möchte. „Sie müssen ihrem Kind gut zureden, dass es zum Papa mitgeht“, hat der Umgangspfleger der Mutter gesagt. Weigern sich Mütter, kann das laut Bauer negative Folgen für sie haben: „Ein Umgangspfleger hat viel Einfluss. An seinen Berichten orientiert sich das Gericht.“ Es sei absurd: „Dann ist plötzlich die Mutter schuld.“

Sina Reichel will nach vorne schauen. Beratungsstellen wie die Frauenhilfe oder Imma unterstützen sie und ihr Kind. „Aber manchmal“, sagt sie, „zieht es dir den Boden unter den Füßen weg.“

Von Angelo Rychel

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