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Abgeholt statt zugestellt: Wieder einmal musste Daniela Koplin ein Paket im Briefzentrum abholen.

Wenn der Postmann gar nicht klingelt

Massive Probleme bei der Paketzustellung

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München - Probleme bei der Paketzustellung sorgen in München für Ärger: DHL-Kunden müssen in Postfilialen Schlange stehen, um Packerl abzuholen, deren Wohnungs-Zustellung wieder einmal gescheitert ist.

Daniela Koplin ist stinksauer. Dreimal binnen einer Woche ist sie von ihrer Wohnung im Arnulfpark zum 1,7 Kilometer entfernten Briefzentrum an der Arnulfstraße 195 gefahren. Dort hat sie sich in eine lange Warteschlange eingereiht, um ein Paket abzuholen, das ihr angeblich nicht zugestellt werden konnte. „Dabei war ich garantiert daheim“, sagt die 33-Jährige, die in der IT-Branche tätig ist und derzeit zu Hause arbeitet. Der Zusteller, so ihre Überzeugung, habe überhaupt nicht geklingelt, sondern, um Zeit zu sparen, gleich den Mitteilungszettel in den Briefkasten geworfen.

Ein schwacher Trost ist es Koplin, dass sie mit ihrem Ärger nicht allein ist: „Der Mann an der Ausgabe hat gesagt, bei ihm werden straßenweise Pakete abgegeben“, berichtet sie. Manchmal landen die Pakete irgendwo: Eine Sendlingerin berichtete unserer Zeitung von Irrläufern, die einfach auf den Briefkästen ihrer Wohnanlage abgelegt werden. „Die sind an Leute adressiert, die nicht in unserem Haus wohnen und deren Namen auch auf keinem Klingel- oder Briefkastenschild steht“, sagt sie.

„Auch bei uns kommen solche Meldungen an“, bestätigt Elmar Müller, Vorstand des Deutschen Verbandes für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation (DVPT). Die Organisation, 1968 als Verband der Postbenutzer gegründet, sieht sich als Interessenvertretung der Verbraucher. „Die Zusteller stehen offensichtlich unter Druck“, beobachtet Müller. Der Internethandel habe das Paket-Aufkommen kräftig steigen lassen, „und die Personalentwicklung hat damit wohl nicht Schritt gehalten“. Vor allem in den Großstädten wüchse den Zustellern die Arbeit über den Kopf. Die Folge: Hochhäuser oder weitläufige Wohnanlagen, in denen die Zustellung zeitraubend zu werden droht, könnten so manchen Zusteller verleiten, das Verfahren abzukürzen. „Wir haben Fälle, wo wir vermuten dürfen, dass der Zusteller schon mit dem roten Zettel aus dem Auto gestiegen ist“, sagt Müller.

So düster will Post-Sprecher Klaus-Dieter Nawrath die Situation nicht sehen. Gewiss, es gebe Reklamationen dieser Art, gibt er zu. Doch verglichen mit der Masse der Sendungen komme derlei eher selten vor. Dennoch: „Jeder Fall ist einer zuviel“, sagt Nawrath. „Fakt ist: Der Zusteller muss klingeln und auch eine angemessene Zeit warten, ob jemand aufmacht.“ Und zur Wohnungstür bringen müsse er das Paket „unabhängig davon, ob der Empfänger im Erdgeschoss oder im vierten Stock ohne Aufzug wohnt.“

„Wenn niemand öffnet, wird der Zusteller eine Ersatzzustellung machen, in der Regel beim Nachbarn, wenn der einverstanden ist“, fährt Nawrath fort. Doch das sei gerade in München schwierig, „weil man sich in vielen Wohnanlagen gar nicht mehr kennt“. Für Menschen, die selten daheim sind und keinen hilfreichen Nachbarn haben, hat die DHL eine Reihe von Angeboten.

Daniela Koplin will einfach nur, dass die DHL das erfüllt, wofür der Absender bezahlt hat: Zustellung zur Wohnungstür. Es klingt nach Galgenhumor, wenn sie erzählt, was sie mit Freunden diskutiert hat: „Ob es helfen würde, ein Plakat an den Balkon zu hängen: Liebe DHL – ich bin da, bitte klingeln!“ Sie fragt sich, „ob sich hier heimlich, still und leise eine neue Vorgehensweise etabliert, nach welcher das Paket nicht mehr zum Empfänger, sondern der Empfänger zum Paket kommt“.

Koplins Groll richtet sich nicht gegen die Zusteller. „Ich weiß, dass die viel zu tun haben“, sagt sie. Wütend ist sie auf das Unternehmen, denn „ich sehe System dahinter“. Und das nicht nur bei der DHL: Die Erfahrungen mit anderen Paketdiensten seien nicht besser.

Dass Paketzusteller, egal bei welchem Unternehmen, häufig überlastet sind, bestätigt Verdi-Gewerkschaftssekretär Anton Hirtreiter. Vor allem in den bundesweit 1000 DHL-Zustellbezirken, die an Subunternehmen ausgegliedert seien, herrschten „katastrophale Zustände“. Es sei „mehr als problematisch“, zu welchen Bedingungen die Post hier eine wichtige Dienstleistung ausgliedere.

Aber auch die DHL-Angestellten, die für 1862 Euro brutto fünf Tage die Woche Pakete schleppen, kämen vielerorts nicht mehr nach, so Hirtreiter: „Da ist landunter, wegen des Spar-Wahns bei der Post.“ Im Februar seien Zeitverträge bewährter Kräfte nicht verlängert worden. „Jetzt suchen sie neue, die der Arbeitsmarkt nicht hergibt.“

Aktuell suche die DHL München 35 Paketzusteller, bestätigt Post-Sprecher Nawrath. Allerdings nur befristet bis Mitte Januar. Wenn die weihnachtliche Packerlflut vorüber ist, wird wieder alles beim Alten sein.

Peter T. Schmidt

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