Bilder wie diese soll es durch den Werdenfelser Weg künftig nur noch selten geben. dpa

„Werdenfelser Weg“: Pflege ohne Gurt und Gitter

München - Mehr als 2000 Münchner werden in Heimen per Gerichtsbeschluss mit Gittern und Gurten in ihren Betten fixiert. Immer wieder kommt es zu Todesfällen. Um das zu vermeiden und die Betroffenen würdevoller zu betreuen, beschreitet das Amtsgericht einen neuen Weg.

Sie läuft weg. Sie stürzt. Sie verletzt sich. Um seine demenzkranke Mutter zu schützen, wendet sich der Sohn als Betreuer ans Amtsgericht München. Die 66-Jährige solle ans Bett fixiert werden, fordert er. Doch Rudolf Mayer, Leiter des Betreuungsgerichts am Amtsgericht München, lehnt den Antrag ab, bemüht sich stattdessen um ein Gespräch mit dem Sohn, den Pflegekräften im Heim sowie einem unabhängigen Verfahrenspfleger. Das Ergebnis: Die Frau bekommt ein niedrigeres Bett anstatt eines Bauchgurtes und einen Multifunktionsrollstuhl, in dem sie unangegurtet sitzen kann, ohne herauszufallen.

Früher hätte das Betreuungsgericht die Fixierung der Frau angeordnet, ohne nach Alternativen zu suchen. Das ist nun anders, und darauf ist Rudolf Mayer stolz. Er freut sich, eine Geschichte wie diese berichten zu können. Der Fall ist einer von denen, mit denen die 16 Betreuungsrichter am Amtsgericht getestet haben, ob der „Werdenfelser Weg“ auch in der Großstadt funktioniert.

Am Mittwoch hat das Amtsgericht München den offiziellen Startschuss gegeben. Jetzt soll alles so laufen wie im Werdenfelser Land, wo sich seit Beginn des Projektes im Jahr 2007 die Zahl der Fixierungen um 70 Prozent reduziert hat. Um nach Alternativen zu suchen, setzen sich dort Justiz, Behörden, Heim und Angehörige zusammen. Hinzu kommen als Novum Pflege-Fachkräfte. Diese unabhängigen Experten besuchen den Patienten, beraten Angehörige, die oft aus falsch verstandener Fürsorge eine Fixierung befürworten, und reden mit Pflegekräften, um ihnen die Angst vor der Haftung zu nehmen.

Eine der Piloteinrichtungen im Werdenfelser Land ist der Lindenhof der Inneren Mission. Dort bewertet man das Modell positiv. „Es werden nun alle Möglichkeiten ausgeschöpft, und wir sind glücklich damit“, sagt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Altenhilfe der Inneren Mission. Einziger Wermutstropfen: Die Krankenkassen würden nicht immer mitziehen.

„Wir stehen am Anfang“, sagt Amtsgerichtspräsident Gerhard Zierl. Doch das Ziel hat er klar formuliert: Derzeit gibt es für 18 Prozent der 10 150 Bewohner in den 58 Senioren- und Pflegeheimen sowie 34 Altenheimen in München und im Landkreis richterliche Anordnungen für freiheitsentziehende Maßnahmen. Dieser Wert soll auf unter zehn Prozent sinken.

Ein Ziel, das „Münchenstift“ längst erreicht hat. „Wir liegen bei acht Prozent und wollen Ende des Jahres bei Null ankommen“, sagt Geschäftsführer Gerd Peter. Auch er kennt das Problem mit den Krankenkassen. Aber, meint er: „Bei allen Beteiligten ist die Sensibilität gewachsen.“

Das könnte Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) helfen, die das Projekt bayern- und deutschlandweit vorantreiben will. „Es gibt einen klaren Aufwärtstrend bei den freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“, sagt sie bei der Vorstellung des Projektes. „Die Fixierung ist nicht nur ein massiver Eingriff in die Freiheit eines Menschen“, sagt Merk. „Sie kann auch einen qualvollen Tod bedeuten.“ Immer wieder würden sich Betroffene erdrosseln, weil sie versuchen, sich zu befreien.

Merk appelliert für einen würdevolleren Umgang mit Pflegebedürftigen. Daher habe sie dieses Thema auch in der Justizministerkonferenz angesprochen. Für aussagekräftige Zahlen soll die Katholische Stiftungsfachhochschule sorgen, die das Projekt jetzt wissenschaftlich begleitet.

Bettina Link

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