Die S-Bahn ist fast leer. Doch das ändert sich ab Montag wieder, wenn die Schule losgeht.
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Die S-Bahn ist fast leer. Doch das ändert sich ab Montag wieder, wenn die Schule losgeht.

Am Montag beginnt die Schule – und die Züge werden voller

Wie gefährlich sind volle Busse und Bahnen?

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  • Klaus Vick
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  • Stefan Sessler
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  • Wolfgang Hauskrecht
    Wolfgang Hauskrecht

In Oberbayern gilt Corona-Warnstufe Dunkelrot. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt überall über 100, in manchen Landkreisen wie Rosenheim und Dachau sogar über 200. Restaurants sind geschlossen, genauso Theater, Zoos, Fitnessstudios. Weil sich die Menschen dort zu nahe kommen. Aber wahrscheinlich nicht so nahe wie in einer Pendler-S-Bahn oder in einem vollen Bus. Trotzdem bleiben die öffentlichen Verkehrsmittel unangetastet. Sie sind systemrelevant, wie man in diesen Zeiten sagt. Aber wie sicher sind sie wirklich? Ein Überblick.

Was weiß man über Infektionen im ÖPNV?

Die Berliner Charité hatte Ende Juni 1073 Mitarbeiter der Deutschen Bahn untersucht. Bei 20 Personen wurde eine überstandene Corona-Infektion festgestellt, bei nur einer Person eine akute Infektion.

Eine aktuelle Umfrage des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) unter 94 Nahverkehrsunternehmen ergab 233 bestätigte Corona-Infektionen unter 80 000 Beschäftigten seit Beginn der Pandemie. Das entspricht einer Quote von 0,29 Prozent. Mit 0,54 Prozent, so der VDV, liege die bundesweite Quote fast doppelt so hoch.

Über Ansteckungen unter Fahrgästen lässt sich wenig sagen, da die Fahrten anonym und schwer rückverfolgbar sind, wie auch Ingo Wortmann, Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) einräumt. „Gleichwohl bestätigen führende Virologen und auch das Robert-Koch-Institut, dass der öffentliche Nahverkehr bisher keine besondere Rolle beim Infektionsgeschehen spielt. Busse und Züge sind keine Hotspots.“ Auch ein Sprecher der S-Bahn, die derzeit zu 70 Prozent ausgelastet ist, betont: „Bahnfahren ist sicher.“ Die Sicherheit hänge aber auch vom Verhalten der Fahrgäste ab: Abstand, Maske tragen.

Welche Maßnahmen gibt es in den Zügen?

Die Züge werden regelmäßig gereinigt, Türen schließen automatisch (wo möglich), die Lüftungen arbeiten mit Frischluftzufuhr. Zudem würden durch automatisches Öffnen aller Türen an jedem Halt die Züge gut durchlüftet, so der Bahn-Sprecher. Laut Wortmann werden bei der U-Bahn Berührflächen untertags zusätzlich gesäubert. An Knotenbahnhöfen gebe es Infektionsspender. Zudem halte man den Fahrplan nahezu vollständig aufrecht, um das Platzangebot möglichst groß zu halten. „Derzeit bauen wir in allen Bussen Trennscheiben am Fahrerplatz ein, damit wir den Vordereinstieg wieder freigeben können.“ Getestet wird gerade eine UV-Desinfektion von Handläufen an Rolltreppen. Zugabteile nur für Senioren hält Wortmann für nicht umsetzbar. „Eine Separierung könnten viele zudem als Bevormundung auffassen.“ Mehr Züge seien auch kaum noch möglich. „In den Hauptverkehrszeiten sind alle Fahrzeuge und Fahrer im Einsatz.“ Auch die S-Bahn betont: „Alles, was rollen kann, rollt!“

Welche Ideen gibt es für Schüler & Senioren?

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist kürzlich mit einem Vorschlag vorgeprescht. Er bat die Senioren in seiner Stadt, den Stadtbus zu meiden und aufs Radl oder Taxi umzusteigen. Palmer bekam sofort Ärger mit dem Landesseniorenrat. Altersdiskriminierung, hieß es. Aber die Idee hat einen ernsten Hintergrund. „Wir müssen uns einfach klarmachen: Bei Menschen über 80 gab es 500 Mal mehr Todesfälle als bei denen unter 40. Dieses Virus ist extrem altersdiskriminierend. Darüber klagen nutzt nichts“, sagt der Grünen-Politiker. MVG-Chef Ingo Wortmann hält vom „Tübinger Appell“ nicht viel. „Der ÖPNV unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen öffentlichen Bereichen“, sagt er. Menschen aus Risikogruppen werde empfohlen, generell vorsichtiger zu sein. Über sein Verhalten müsse letztlich jeder selbst entscheiden. „Es steht mir nicht zu, pauschale Ratschläge zu geben.“

Eine andere Idee findet Wortmann viel besser – die Entzerrung des Schulbeginns. „Die Beeinträchtigung des Schulbetriebs wäre minimal, wenn die jüngeren Kinder gegen acht Uhr starten würden und die älteren zeitversetzt – zum Beispiel eine Stunde – später“, sagt Wortmann, der auch VDV-Präsident ist. Der Effekt wäre enorm. Der freie Platz in den Fahrzeugen würde „sofort um mindestes 20 Prozent steigen“. Wortmann beklagt, dass derlei Maßnahmen an verschiedenen Zuständigkeiten in den Behörden scheitern würden.

Die Auslastung von U-Bahn, Bus und Tram in München

Was sagt Bayerns Verkehrsministerin?

Viele Bürger seien darauf angewiesen, „mit Zug oder Bus zur Schule oder Arbeit zu kommen“, sagt Kerstin Schreyer (CSU). Der Öffentliche Personennahverkehr gehöre zur systemrelevanten Infrastruktur. „Wir beobachten die Entwicklung genau und stehen in engem Austausch mit Verkehrsunternehmen und Kommunen.“

Was sagen Münchner Verkehrsexperten?

Gudrun Lux ist verkehrspolitische Sprecherin der Grünen in München. Gerade in Corona-Zeiten hält sie den ÖPNV für extrem wichtig. „Wir brauchen ihn als Rückgrat der Mobilität.“ Eines dürfe aber nicht passieren: „Als Ausweichreaktion auf das Auto umzusteigen, ist bei den überfüllten Münchner Straßen keine Alternative.“

Genau diesen Eindruck hat aber der CSU-Fraktionschef im Stadtrat, Manuel Pretzl: „Viele Menschen, die Risikogruppen angehören, nutzen wieder verstärkt das Auto und meiden den ÖPNV.“ Er glaube, dass Bus, Bahn und Tram im Normalfall kein erhöhtes Risiko darstellten. Es sei denn, die öffentlichen Verkehrsmittel seien überfüllt wie unlängst beim Streik – den er daher für unverantwortlich gehalten habe.

Nikolaus Gradl, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion, sagt, er habe selbst keine Bedenken, den ÖPNV zu nutzen. „Man spürt auch, dass die Fahrgastzahlen wieder ansteigen.“ Das freue ihn. Es gebe keine Belege dafür, dass etwa das Berühren der Aluminiumstangen in den öffentlichen Verkehrsmitteln riskant sei.

Was machen andere Städte im Nahverkehr?

In Moskau werden die Metro-Züge nach jeder Fahrt desinfiziert. Durch UV-Lampen, die in rund der Hälfte des Fuhrparks in den Klimaanlagen verbaut sind, sei dies sechsmal schneller möglich als per Handarbeit, heißt es. Auch die Bahnsteige, Ventilationsschächte und Technikräume werden mit Sprüheinrichtungen thermisch desinfiziert.

In Rom darf nur eine begrenzte Zahl Passagiere in Busse und Züge. Entlang der Metrolinien fahren zusätzlich Busse, um lange Wartezeiten zu vermeiden. In Amsterdam ist es verboten, sich in volle Busse zu quetschen, auch die Griechen haben Kapazitätsbegrenzungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und auf Fähren. Wer eine Fähre betritt, muss zudem eine Selbsterklärung ausfüllen – ob er Krankheitssymptome aufweist oder kürzlich in einem Risikogebiet war. In Aserbaidschans Hauptstadt Baku ist man rigoroser. Der Metro-Betrieb wurde komplett eingestellt. Nur Busse und Taxis fahren weiterhin.

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