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Die Parade führt auch heuer wieder über den ­Stachus.

Christopher Street Day 2017 

Wie geht es Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender in München?

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München feiert an diesem Wochenende den Christopher Street Day: die große Party der Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender. Wie geht’s ihnen in dieser Stadt und wie war’s früher? Wir haben nachgefragt.

Jahrzehnte voll Kampf & Liebe

Als Dieter Klein merkt, dass es einfach nicht aufhört, dass er immer nur Jungs anziehend findet, da weiß er sich nicht anders zu helfen. Er geht zu einer Psychiaterin. „Ich habe gefragt, ob sie etwas dagegen tun kann. Ich wollte Hormonspritzen von ihr bekommen. Alle sagten, Schwule seien krank.“ 17 Jahre war er damals. Und nein, er war nicht krank, sondern einfach homosexuell.

Heute ist Dieter Klein 75 und lebt glücklich mit seinem Partner Robert Hölzl (54). Zusammen werden sie am Wochenende beim CSD dabei sein. Sie sind in der Münchner Selbsthilfegruppe Gay & Gray für ältere Schwule und Senioren aktiv. „Wir haben mehr mitgemacht als die Jungen. Wir haben noch erfahren, wie Schwulsein gesetzlich verboten war“, sagt Hölzl. „Uns ist es wichtig zu zeigen, dass das Ganze trotz aller Fortschritte auch immer wieder kippen kann – durch politische und religiöse Bewegungen.“

Wie hart das Leben als Homosexueller früher war, hat vor allem sein 21 Jahre jüngerer Partner miterlebt: „Ich glaube, dass mein Vater und mein Großvater schon schwul waren. Mein Großvater ist öfter in ein Bad gegangen, das als heimlicher Schwulentreff galt. Trotzdem haben sie immer gesagt, Schwulsein gehört sich nicht! Auch nach dem Krieg wurden Schwule noch lange verfolgt wie im Dritten Reich.“ Tatsächlich stellte Paragraf 175 sexuelle Handlungen unter Männern bis 1994 in Strafe. Erst ab 1969 wurde der Paragraf langsam abgeschwächt und reformiert.

Robert Hölzl (l.) und sein Partner Dieter Klein.

Für Hölzl selbst war das Outing nicht ganz so schwer. „Ich bin im tiefsten Niederbayern in einer Kleinstadt aufgewachsen“, erzählt der Computerspezialist. „Ich habe es mit Frauen versucht und war sogar verlobt. Aber mit 18 Jahren habe ich meinen Eltern erzählt, dass ich schwul bin. Sie haben es akzeptiert – und nie wieder darüber geredet.“ Im Ort erfährt keiner vom schwulen Sohn. Der zieht nach Straubing mit seinem ersten Freund. „Anfang der Achtziger war man zwar offener. Aber ich erinnere mich, dass uns Nachbarn auf der Straße vor die Füße gespuckt haben.“

Gerade Gleichaltrige machen es den Schwulen oft auch heute noch schwer, da sie konservativ aufgewachsen sind. Das hat Hölzl auch in der Selbsthilfegruppe gemerkt, als es um das Thema Altersheim ging. „Wir haben bei Münchnenstift an einem Werbefilm mitgewirkt. Die öffnen sich langsam gegenüber Homosexuellen – das begrüßen wir. Aber viele vermeiden es trotzdem, in ein Heim zu gehen. Die Diskriminierung in unserer Generation ist noch zu groß.“

Klare Regeln beim CSD

Thomas Niederbühl (M.) mit OB Dieter Reiter (l.) und Zweitem Bürgermeister Josef Schmid.

Seit Mitte der 80er-Jahre ist Thomas Niederbühl (56, für Rosa Liste im Stadtrat) bei der Organisation des CSD dabei. Für Gruppen, die teilnehmen wollen, gibt es klare Regeln. Unternehmen, die Produkte bewerben wollen, gehören etwa nicht auf die Parade. Auch Parteien bekommen nicht automatisch eine Zusage. „Die Partei muss sich explizit für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzen.“ Diskussionen gebe es etwa immer wieder, warum die CSU einen Wagen habe. „Aber es ist nicht die CSU, sondern die Untergruppe LSU. Und die will, dass sich die Union beim Thema Schwule und Lesben bewegt.“ Wei

Damen müssen hier raus!

Dorothea E. (55) und ihre Tochter Tambrey (28) trauen ihren Ohren nicht: Die Touristinnen aus Rheinland-Pfalz sitzen am Montag vor dem Schwulenlokal Edelheiss in der Pestalozzistraße und genehmigen sich ein paar Getränke, als sie um 20 Uhr aus dem Lokal geworfen werden. „Da war Bedienungswechsel, und der neue Kellner teilte uns mit, wir seien nicht erwünscht. Die Männer wären gerne unter sich“, erzählt sie der tz. „Wir waren völlig überrascht. Wir haben nichts gegen Schwule, im Gegenteil. Und jetzt werden wir hier diskriminiert?!“ 

Dorothea und Tochter Tambrey flogen aus dem Edelheiss.

Die tz hakte nach – und tatsächlich: Am Abend und am Wochenende heißt es im Edelheiss „Men only – nur Männer“. Wie in zwei weiteren Szenekneipen in dieser Ecke gilt: Homosexuelle zuerst – auch nach dem CSD! „Bei uns ist das Konzept“, sagt Engelbert Gillitschka (52) vom Edelheiss. „Das tut uns ja auch leid. Aber das hat nichts mit Intoleranz zu tun. Es gibt immer weniger Lokale für Schwule. Und wir haben sehr wenig Platz. Wenn da zu viele gemischte Gruppen kämen, würden diese die Schwulen verdrängen.“ Dorothea E. sagt: „Ich verstehe das Argument, finde es aber schade…“

Das Programm des Christopher Street Day

Organisatoren des CSD sind die Münchner Aids-Hilfe, die LeTRa Beratungsstelle des Vereins Lesbentelefon, die Wähler-Initiative Rosa Liste und das schwule Zentrum Sub. Politischer Auftakt zur Parade am Samstag: ab 11 Uhr am Marienplatz. Die Parade beginnt um 12 Uhr und verläuft 4,5 Kilometer durch die Innenstadt und das Glockenbach-Viertel. Das Motto: „Gleiche Rechte. Gegen Rechts“. Endpunkt gegen 15 Uhr ist wieder der Marienplatz. Dort und am Rindermarkt feiern die Teilnehmer bei einem Straßenfest und Shows am Samstag und am Sonntag. Am Jakobsplatz gibt es am Samstag eine „Regenbogenfamilien-Area“. Ab 22 Uhr bis 5 Uhr Sonntag-morgen tanzen Feierwütige beim CSD-Clubbing im Rathaus. Letzte Tickets gibt es am Samstag ab 11 Uhr am Infopoint (Marienplatz, hinter großer Bühne).

Lesen Sie diesen Gastbeitrag: München, du hast noch immer ein Problem mit Homophobie!

N. Bautz, C. Wörmann, R. Weise

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