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Sie hat den Krieg und die Zeit des Aufbaus in München als junge Erwachsene erlebt: die 90-Jährige Carolina R. Kleines Bild: Der Gedenkstein für „die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration“am Marstallplatz.

Streit um Denkmal

Trümmerfrauen-Debatte: "Wir haben eben geholfen"

München - Heftig wird in München über das Trümmerfrauen-Denkmal debattiert. Nun meldet sich Merkur-Leserin Carolina R. (90) zu Wort. Sie hat miterlebt, wie die Stadt nach dem Krieg vom Schutt befreit wurde und sagt: "Es hat hier keine Trümmerfrauen gegeben."

Carolina R. verfolgt die Diskussion über den Gedenkstein für Trümmerfrauen aufmerksam. Sie las davon, dass die Grünen-Abgeordneten Katharina Schulze und Sepp Dürr das Denkmal aus Protest verhüllten. Und sie las, wie sie dafür viele wütende Reaktionen ernteten. Dann wandte sich Carolina R. an unsere Zeitung. Denn sie sagt: „Die meisten, die jetzt über das Denkmal diskutieren, haben doch keine Ahnung, worüber sie sprechen – sie waren schließlich nicht dabei. Ich schon!“  Und sie will ihre Geschichte erzählen.

Der Hintergrund: Seit Mai würdigt ein Gedenkstein auf einer Fläche des Freistaats am Marstallplatz „die Trümmerfrauen und die Aufbaugeneration“. Die rot-grüne Stadtratsmehrheit in München hat sich stets gegen ein solches Denkmal ausgesprochen. Wie viele Historiker ist sie der Meinung, in München habe es nachweisbar kaum Trümmerfrauen gegeben. Die Stadt sei von professionellen Baufirmen und von früheren Nationalsozialisten vom Schutt befreit worden – als Sühneleistung und unter Zwang. Außerdem ehre das Denkmal pauschal eine Generation, die durch ihr Verhalten maßgeblich zu den Gräueln des „Dritten Reichs“ beigetragen habe und sende somit ein falsches Signal. Diese Haltung vertreten auch die Grünen Schulze und Dürr, die den Stein in einer äußerst umstrittenen Aktion kurzzeitig verhüllten.

München - auferstanden aus Ruinen

München - auferstanden aus Ruinen

Die Befürworter des Denkmals, unter anderen die Münchner CSU unter ihrem Vorsitzenden Ludwig Spaenle und der Verein, der das Denkmal aufgestellt hat, halten dagegen: Sehr wohl habe es in München Trümmerfrauen gegeben, ihrer zu gedenken sei richtig. Schließlich sei maßgeblich durch ihre Arbeit München wieder aufgebaut worden.

Carolina R. hat ihre persönliche Sicht auf die Dinge.  Die 1923 geborene Münchnerin war zu Kriegszeiten eine junge Frau. Sie erinnert sich noch gut an zerbombte Häuser, Fliegeralarm und den täglichen Kampf ums Überleben. Auch die Zeit nach dem Krieg hat sie noch lebhaft vor Augen. Sie ist sich sicher: „Es hat hier in München keine Trümmerfrauen gegeben.“

Nachbarschaftshilfe, ja, das sei zu diesen Zeiten selbstverständlich gewesen, erzählt Carolina R. Die lebhafte 90-Jährige wohnte zu Kriegszeiten mit ihrer Mutter und ihren acht Geschwistern in der Aßlingerstraße in Berg am Laim. Als eines Morgens das Nachbarhaus von einer Bombe völlig zerstört war, packten sie und andere Frauen an und klopften Mörtel von Ziegelsteinen. „Da haben wir mitgeholfen, abends, nach der Arbeit“, erzählt Carolina R.. Dafür ein Denkmal aufzustellen? Absurd, findet sie. Auch von Trümmerfrauen will sie nichts wissen. „Wir waren doch keine Trümmerfrauen! Wir haben eben ein bisschen geholfen, wenn gerade Not am Mann war.“

1943 wurde das Haus der Familie R. durch einen Bombeneinschlag völlig zerstört. Alle Familienmitglieder überlebten, sie zogen nach Wartenberg im Landkreis Erding. Erst nach Kriegsende kehrte Carolina R. mit ihrer Familie zurück in das zerbombte München: „Es war ein schlimmer Anblick.“

Amerikaner haben Aufräumen organisiert

Dass München trotz der immensen Zerstörungen so schnell wieder aufgebaut wurde, das verdanke man vor allem den Alliierten, sagt Carolina R. „Die Amerikaner haben das Aufräumen organisiert. Mit professionellen Geräten haben die riesige Schuttberge weggeräumt und für Ordnung gesorgt“, erinnert sie sich. „Wir Frauen hätten das gar nicht bewerkstelligen können.“

Außerdem hätten viele Frauen schon bald nach Kriegsende wieder eine feste Anstellung gehabt. Andere hätten sich zuhause um die Kinder kümmern müssen. Ob ehemalige Nationalsozialisten zum Aufräumen zwangsverpflichtet wurden, weiß Carolina R. nicht. „Während des Krieges gab es einen Arbeitsdienst, aber was danach war, kann ich nicht sagen.“

Das Denkmal am Marstallplatz, meint die 90-Jährige, „ist nur Wichtigtuerei“.  Selbstverständlich habe man einander auch in den schweren Zeiten nach dem Krieg geholfen, doch diese Hilfe habe sich auf das Private beschränkt. Trümmerfrauen, die regelmäßig und gegen Bezahlung auf öffentlichen Plätzen Trümmer räumten, habe es nicht gegeben.

Von Tami Holderried

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