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Ein kostspieliges Prosit: Im Schnitt hat die Mass Bier auf dem Oktoberfest im vorigen Jahr 10,55 Euro gekostet.

Politik und Machtspiele auf der Wiesn

Wirte gegen Preisbremse: Der Eklat ums Oktoberfest-Bier

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Bierkrieg in München: Seit Wiesn-Chef Schmid den Mass-Preis deckeln will, sind die Wirte narrisch. Mancher droht schon, die Tischdecken einzusparen. Gestern kommt es zum Eklat. Eine Geschichte über Politik und Machtspiele auf dem Oktoberfest.

Der Kampf ums Wiesn-Bier wird neuerdings per E-Mail geführt. Es ist Dienstag, kurz nach 10 Uhr, da schickt Wiesn-Chef Josef Schmid sämtlichen Wiesn-Wirten, den Roiderers, Schottenhamels, Ables, Käfers und all den anderen, eine Nachricht ohne Anrede, ohne „Grüß Gott“ oder andere ortsübliche Freundlichkeiten: „Mit persönlichen Angriffen auf mich als Repräsentant der Landeshauptstadt München hat der Wirte-Sprecher diese Basis verlassen“, ist da zu lesen. Und: „Deswegen sehe ich derzeit keine Gesprächsgrundlage für das von mir für morgen anberaumte Gespräch mit den Wiesn-Wirten.“ Eiszeit mitten im Frühling.

Josef Schmid, CSU, ist grantig, schuld sind die Wiesn-Wirte, im besonderen aber Wirte- Sprecher Toni Roiderer, 72, dem das Hacker-Festzelt gehört, der Himmel der Bayern. Denn auf der Wiesn gibt es gerade ein beispielloses Kompetenzgerangel. Wer ist mächtiger? Der Besitzer des bayerischen Himmels oder der Wiesn-Chef?

„Gerechte Geschichte“: Wiesn-Chef Josef Schmid will mehr Geld von den Wirten eintreiben.

Roiderer sieht das Pendel gerade Richtung Schmid ausschlagen. Die Abendzeitung zitiert den Wiesn-Wirt am Dienstag mit den Worten: „Der Gott spricht und die Gläubigen müssen zu ihm aufblicken.“ Mit Gott meint Roiderer Schmid, der auch Zweiter Bürgermeister in München ist. Gleichzeitig wirft er ihm vor, „despotisch“ und ein „Komiker“ zu sein. Starker Tobak.

Seit Schmid fordert, dass der Bierpreis drei Jahre lang bei 10,70 Euro eingefroren wird, brennt der Baum. Und das, obwohl der Stadtrat erst noch entscheiden muss. Schmid will von den Wirten außerdem fünf Prozent Pacht auf den Umsatz. Den Umsatz, um den ein Geheimnis gemacht wird wie um sonst nichts auf der Welt, will er schätzen. „Wobei die Wirte gerne ihre Steuererklärung in meinem Referat abgeben dürfen“, sagt Schmid gestern unserer Zeitung. „Das hat aber bislang noch keiner gemacht.“

Will jetzt doch eine einvernehmliche Lösung im Streit ums Bier: Wiesn-Wirt Toni Roiderer.

Schmid will mit der Umsatzpacht 8,5 Millionen Euro einnehmen – und davon fünf Millionen Mehrkosten für die Sicherheit bestreiten. Schon voriges Jahr seien zu Stoßzeiten 450 statt 150 Ordner nötig gewesen. „Heuer haben wir die Oide Wiesn wieder mit dabei – und das Oktoberfest dauert 18 Tage.“ Vom Taschen- und Rucksackverbot komme man nicht mehr weg. „Die abstrakt erhöhte Gefährdungslage ist unverändert.“ Und dann soll es noch eine neue Beschallungsanlage für Durchsagen geben, die auch in den Zelten zu hören sein müssen. Das wird nicht billig. Für die Stadt darf die Wiesn kein Minusgeschäft sein, deswegen sollen die Wirte zur Kasse gebeten werden. Schmid hält das für eine „gerechte Geschichte“: „Dort, wo die großen Umsätze gemacht werden, müssen auch die Lasten in besonderer Weise angesiedelt werden.“

Die Wirte finden den ganzen Vorgang ungeheuerlich. Von „Eingriffen in die Marktwirtschaft“ ist die Rede, andere Wirte fühlen sich an DDR-Praktiken erinnert. Bräurosl-Wirt Georg Heide hat sogar schon angedroht, die Tischdecken im Zelt einzusparen, um seinerseits die Kosten zu drücken. Kurzum: Die Nerven liegen selbst für Wiesn-Verhältnisse ziemlich blank.

„Setzt euch zusammen“, rät das Wirte-Urgestein Richard Süßmeier den Streithanseln.

Einer, der den Heckmeck genau verfolgt, ist Richard Süßmeier, 86, einst Gastro-Größe und Wirte-Sprecher, also ein Vorgänger von Roiderer. „Es wäre viel gescheiter“, seufzt Süßmeier, „wenn die sich alle in Ruhe zusammensetzen würden.“ Aber er weiß auch, wie sich so ein Streit hochschaukeln kann. 1970 gab es schon mal einen Bierkrieg – und er war mittendrin.

Es war Sommer, alles war ausgekartelt. Die Wiesn-Wirte, an ihrer Spitze Süßmeier vom Armbrustschützenzelt, hatten eine Preiserhöhung angekündigt: Die Mass sollte im Herbst 2,75 Mark kosten, 35 Pfennige mehr als im Vorjahr. Gewerkschaften protestierten, Süßmeier bekam Morddrohungen und sogar die Katholische Kirchenzeitung schlug sich auf die Seite der Biertrinker. Der CSU kam das gerade recht: Im November stand die Landtagswahl an, und mit Bier hat sich in Bayern schon immer gut Wahlkampf gemacht.

münchen.tv-Video: Geplante Bierpreisbremse verärgert Wiesn-Wirte

An einem heißen Sonntag ließ also der bayerische Wirtschaftsminister Otto Schedl die Wiesn-Wirte in seinem Ministerium antanzen. Er servierte schottischen Whisky, Richard Süßmeier erinnert sich gut: „Da hat man schnell gemerkt, dass die Wiesn-Wirte es nicht gewöhnt waren, am Nachmittag Whisky zu trinken.“ Es wurde rauschig und hitzig. Draußen vor der Tür warteten die Journalisten, drinnen wurde gestritten und geplärrt – so laut, dass Süßmeier mahnte: „Macht’s die Fenster zu!“ Es half nichts. Die Stadt war sauer, dass sich die Staatsregierung einmischte, und auch Wirte und Minister gingen im Streit auseinander. Aus Rache ließ Schedl die Bücher der Wirte prüfen: „Bei mir hat er angefangen“, sagt Süßmeier, „aber gefunden hat er nix.“

Dann kam Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) aus seinem Sommerurlaub zurück – und lud die Streithanseln in den Ratskeller ein. Süßmeier hat die Speisekarte von damals aufgehoben, es gab Waldorfsalat, Schweinshaxe und viel, viel Weißwein. Am Ende stand ein Kompromiss: Die Stadt ging mit der Platzmiete runter, die Brauerei senkten den Bierpreis um ein paar Pfennige und die Wirte auch. Die Mass kostete ein Zehnerl weniger als geplant und OB Vogel war der Held der feuchtfröhlichen Stunde.

Der aktuelle OB Dieter Reiter, SPD, äußert sich am Dienstag nicht. Er hatte ja schon mal säuerlich mitgeteilt, was er von dem Streit hält: „Die Art und Weise der derzeit ausschließlich über die Medien geführten Auseinandersetzung ist unwürdig, nicht zielführend und schadet dem Ansehen der Stadt München.“ Und auch die anderen Wirte halten gerade still: „Kein Kommentar“, heißt es gestern von allen Seiten.

Bierpreisbremse? Das sagen die Münchner

Aber Schmid will nicht klein beigeben. Wenige Stunden nach seiner E-Mail erzählt er kampfeslustig, dass er, wenn nötig, noch ein paar Ideen hätte, um die Wiesn-Wirte zu triezen. „Nachdem die Wirte ja wenig besonnen reagiert haben, kann ich mir noch weitere Überlegungen vorstellen“, sagt er. „Dass man zum Beispiel auch Speisen ins Bierzelt mitnehmen darf.“ Er meint damit Speisen, die man nicht beim Wiesn-Wirt kauft, sondern draußen bei einem der Stände. Eine frontale Attacke. Aber auch auf der Wiesn wird meistens nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Am Nachmittag nämlich wird in der Sache noch eine Nachricht verschickt, diesmal per Fax und mit extrafreundlichem Gruß. Absender: Toni Roiderer, im Namen der Münchner Wiesn-Wirte. „Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schmid, lieber Sepp, ich bedauere außerordentlich die Belastung der Gesprächssituation durch die Berichterstattung in der Presse.“ Er will das so nicht gesagt haben. Von Hitzköpfigkeit keine Spur mehr. „Ich bin mir sicher, dass die Stadt München einen guten Weg für das Oktoberfest finden wird.“ Am Mittwoch, schreibt er noch, würde er sehr gerne für ein konstruktives Gespräch zusammenkommen. Josef Schmid hat zugesagt. Waffenruhe im Wiesn-Zirkus, vorerst zumindest.

Video: snacktv

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