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Sie sind nicht auf ­Reisen, sondern haben schlicht ihr ganzes Hab und Gut dabei: Wohnungslose in Deutschland.

Schockierende neue Erhebungen

Bedrohlicher Trend: Zahl der Wohnungslosen steigt auf fast 700.000

Die Entwicklung der Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist weiter dramatisch. Das fördert die neueste Erhebung zutage. Auch München liegt im Bundestrend.

  • Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt - laut der neuesten Erhebung sind es bereits678.000 Menschen.
  • Binnen eines Jahres nahm die Zahl um19 Prozent zu.
  • In München haben 9000 Menschen derzeit keine Wohnung.

München - Nicht nur im Herbst und Winter ist die Wohnung Start- und Mittelpunkt eines Lebens in Geborgenheit - aber da ganz besonders. Doch während in Deutschland die Zahl der Einkommensmillionäre seit 2009 stetig steigt, wächst auch die Masse der Menschen, denen selbst so etwas Elementares wie private vier Wände fehlen.

Arm in Deutschland: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schlägt Alarm

So schlug am Montag abermals die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Berlin Alarm. Ihre Erhebungen sind schockierend. Die tz gibt einen Überblick über die Lage der Wohnungslosen.

Arm in Deutschland:  Wie hat sich die Zahl der Wohnungslosen entwickelt?

Im Laufe des Jahres 2018 waren rund 678.000 Menschen (Jahresgesamtzahl) in Deutschland ohne Wohnung - ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber 2017. Besieht man sich indes die sogenannte Stichtagszahl, nämlich wie viele Menschen zum 30. Juni wohnungslos waren, dann verstärkt sich noch die Dramatik: 19 Prozent Zuwachs binnen eines Jahres.

Arm in Deutschland: Wohnungslos gleich obdachlos?

Nein. Als wohnungslos gelten die Menschen, die in Einrichtungen wohnen, in denen die Aufenthaltsdauer begrenzt ist und in denen keine Dauerwohnplätze wie Übergangswohnheime, Asyle und Herbergen zur Verfügung stehen. Hinzu zählen auch Betroffene, die bei Freunden untergekommen sind. Auch anerkannte Asylsuchende in Flüchtlingsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer werden berücksichtigt.

Arm in Deutschland: Wie viele Menschen sind tatsächlich obdachlos?

41.000 Menschen leben ohne jegliche Unterkunft obdachlos auf der Straße, teilte BAGW-Geschäftsführerin Werena Rosenke mit. Dazu zählten auch Menschen, die sich in Notunterkünften und nur zeitweilig in sogenannten niederschwelligen Einrichtungen aufhalten.

Arm in Deutschland: Wer ist besonders von Wohnungslosigkeit betroffen?

Laut Schätzung der BAGW sind mehr als zwei Drittel aller Wohnungslosen alleinstehend. Der Anteil der wohnungslosen Kinder und Jugendlichen betrage acht Prozent.

Schutz vor der Kälte: Ein Obdachloser übernachtet in Berlin vor einem Hauseingang.

Arm in Deutschland: Wie sieht es in München aus?

Die Stadt folgt, wen wundert’s, dem Bundestrend: Aktuell sind knapp 9000 Menschen ohne Wohnung. Franz Herzog, Leiter einer Tagesstätten-Hilfseinrichtung, der „Teestube komm“, kann das ganz unmittelbar bestätigen. „Die Streetworker wissen gar nicht, wo sie zuerst hingehen sollen - die Anzahl nimmt seit Jahren zu.“

Arm in Deutschland: Woran liegt es?

In München, erklärt Herzog, fallen jedes Jahr viele Wohnungen aus der Sozialbindung heraus. Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt oder luxussaniert. So geht immer mehr bezahlbares Wohnen verloren. Hinzu kommt der Preisdruck durch den Zuzug von finanzstarken Neubürgern. Aus Sicht der Wohnungslosen ist die Lage „schier zum Verzweifeln!“

Arm in Deutschland: Wie kann es besser werden?

Für Herzog ist die Antwort einfach: „Günstig bauen, bauen, bauen! Die Miete deckeln und dafür sorgen, dass nicht noch mehr Wohnungen dem Markt entzogen werden.“ Und ganz ausdrücklich spricht er auch die Konzerne in München an. „Es wäre eine echte Hilfe, wenn wieder mehr Mitarbeiterwohnungen entstehen würden.“ Die großen Firmen aquirieren viele neue, oft tatsächlich hochbezahlte Mitarbeiter, was den Druck auf den Wohnungsmarkt weiter verschärft. Früher gab es zahlreiche Wohnungen der Bahn oder Post - daran müsse man wieder anknüpfen.

Eine alleinerziehende Mutter aus München stand mit ihren beiden Kindern plötzlich ohne Wohnung da - weil sich die Bewilligung eines Bafög-Antrags in die Länge zog. Eine vierköpfige Familie aus Oberbayern verlor trotz eines Einkommens ebenfalls die eigenen vier Wände - weil sie in sieben Monaten keine neue Wohnung fanden, wurden sie obdachlos.

Michael Brommer

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