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Im Amt für Wohnen und Migration sitzen oft verzweifelte Menschen auf Wohnungssuche.

Sicherheitspersonal wird aufgestockt

Wohnungsnot: Angriffe auf städtische Mitarbeiter

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München - Wohnungsnot und Armut in München nehmen dramatische Züge an: Immer häufiger gibt es Übergriffe auf Mitarbeiter des Sozialreferats. Beim Amt für Wohnen und Migration soll nun mehr Sicherheitspersonal für Abhilfe sorgen.

Das Amt für Wohnen und Migration hat einen Spitznamen: „Amt für Weinen und Frustration“ nennen es viele Münchner. Hierher an die Franziskanerstraße kommen Menschen, die verzweifelt eine Wohnung suchen. Doch die meisten bekommen nur eine Antwort: Warteliste. Denn in München fehlen tausende Sozialwohnungen für eine wachsende Zahl armer Menschen. Das sorgt bei vielen für Weinen und Frustration.

Bei manchen kommt es aber aber auch zu Aggression. Mehr als 100 Übergriffe auf Mitarbeiter hat das Sozialreferat im Jahr 2015 verzeichnet. 61 davon fanden im Jobcenter statt, 27 in den Sozialbürgerhäusern und 18 im Amt für Wohnen und Migration. In den Jahren 2012 und 2014 waren es erst 73 beziehungsweise 80.

Allein im Amt für Wohnen und Migration gehen täglich rund 1000 Menschen ein und aus. „Die Situation ist hoch konfliktträchtig“, sagt Referats-Sprecher Frank Boos. „Wohnungslose sind in einer schwierigen Lebenslage, und wir können nicht alle zufriedenstellend bedienen.“

Rund 24 000 Münchner haben heuer eine Wohnung beantragt, davon wurden 8600 in die höchste Dringlichkeit eingestuft. Vergeben werden konnten laut Sozialreferat nur 3000 Wohnungen. Zum Vergleich: 2011 waren es 18 000 Anträge, davon 5300 in der höchsten Dringlichkeit. Das Amt verwaltet 71 000 städtische Bleiben, davon 43 000 Sozialwohnungen. Zur Belegung sind jährlich 3200 frei.

Mit der zunehmenden Verzweiflung steigt offenbar auch die Wut. Beleidigungen von Mitarbeitern sind laut Boos an der Tagesordnung, auch körperliche Übergriffe und Drohanrufe – sogar eine Messerattacke gab es. Menschen weigerten sich zu gehen, Hausverbote müssten erteilt werden. Zudem wachse die Zahl psychisch auffälliger Menschen, sagte Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) letzte Woche. 2015 verzeichnete ihr Haus insgesamt 22 Strafanzeigen und 39 Hausverbote.

Um die Sache in den Griff zu bekommen, will das Kommunalreferat, das die Gebäude verwaltet, nun den Sicherheitsdienst im Wohnungsamt aufstocken. Im Frühsommer 2017 eröffnet das Amt an der Werinherstraße einen zweiten Standort. Dort sollen künftig die Leistungen für Asylbewerber ausgezahlt werden. Zurzeit stehen zwischen all den Wohnungssuchenden im Amt hunderte Flüchtlinge Schlange, um ihr Taschengeld abzuholen. Der neue Standort werde zu einer erheblichen Entlastung des Publikumsverkehrs an der Franziskanerstraße beitragen, hofft Boos. Die klassischen Wohnungsanliegen bleiben am alten Standort.

Trotz des Teilauszugs soll das Sicherheitspersonal an der Franziskanerstraße weiter verstärkt werden. Anfang des Jahres waren dort zu Spitzenzeiten wie montagvormittags 17 Sicherheitsleute im Einsatz, sie leisteten 294,5 Wochenstunden. Seit dem Sommer sind es 22, und etwa so viele sollen es bleiben: Künftig sind 482,5 Wochenstunden vorgesehen. An der Werinherstraße sind zusätzlich ab Mai vorerst 502,5 Wochenstunden eingeplant. Insgesamt will das Sozialreferat für die Bewachung der zwei Standorte jährlich 1,62 Millionen Euro ausgeben. Stimmt der Stadtrat heute zu, wird die Dienstleistung ausgeschrieben.

Zu den Kernaufgaben der Sicherheitsleute gehört laut Boos, dass sie den Parteienverkehr steuern, deeskalierend wirken, Hausverbote durchsetzen und präventiv arbeiten, also Konflikte gar nicht erst entstehen lassen.

Dass das Sozialreferat sein Sicherheitspersonal derart verstärken will, passt laut Personal- und Organisationsreferat in das allgemeine Sicherheitskonzept, über das heute ebenfalls das Plenum entscheiden soll. Wie berichtet, hatte der Verwaltungs- und Personalausschuss letzte Woche einen neuen Leitfaden abgenickt, demzufolge die Referate in vier „Gefährdungsstufen“ eingeteilt werden: Je nachdem, wie viel Publikum bei ihnen ein- und ausgeht, sollen sie Maßnahmen ergreifen, um ihre Mitarbeiter zu schützen. Die Palette reicht von Alarmknöpfen bis hin zu Zugangskontrollen. In den kommenden Monaten sollen die Referate individuelle Konzepte ausarbeiten. Schiwy kritisierte die Vorschläge als nicht weitgehend genug.

Ein weiteres Problem bleibt, dass die Verwaltung im Wohnungsamt dem Zuzug nicht hinterherkommt. Im Sommer befanden sich erst 6700 Anträge in Bearbeitung. Um den Berg abzutragen, hat das Amt seine Öffnungszeiten reduziert: Bis auf Weiteres findet montags kein Publikumsverkehr statt, eine Hotline für Notfälle ist geschaltet (089/ 233-968 20). Geöffnet ist mittwochs und freitags von 8.30 bis 12 Uhr, mittwochs zusätzlich von 15 bis 17 Uhr.

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