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Wohnmobil-Familie: die Winklers aus München.

Wohnwagen-Rekord in Deutschland

Die große Freiheit auf vier Rädern

Oh wie schön sind Ferien! Viele Familien haben keine Lust auf Hotelurlaub – zu unflexibel, zu stressig mit den Kindern. Viele machen sich mit dem Wohnmobil auf die Reise. Das rollende Zuhause wird immer beliebter, die Zahl der Zulassungen ist so hoch wie noch nie. Familie Winkler aus München erklärt, was an der Art zu reisen so faszinierend ist.

Es riecht neu hier. Der Sitzbezug quietscht leise, als Christian Winkler, 40, sich auf den Fahrersitz setzt. Der ist umgedreht, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, ebenso der Beifahrersitz, davor ein kleiner Tisch mit gemütlicher Sitzbank. Das ist das reisende Wohnzimmer der Familie Winkler, gleichzeitig auch Küche, Schlafzimmer, Bad und Fortbewegungsmittel. Oder kurz: ein Wohnmobil. Das riecht nicht nur neu, es ist es auch: In ein paar Tagen werden die Winklers, Vater Christian, Mutter Christine, 38, und die beiden Töchter Mona, 11, und Stella, 6, damit zum ersten Mal auf Tour gehen.

Es ist die große Freiheit, die viele Menschen gerade suchen – aber trotzdem soll es, bitteschön, so angenehm wie möglich sein. Luxuscamping am Fuße der Zugspitze, selbst aufblasbare Matratzen, vegetarische Camping-Kochbücher, mobiles WLAN und am besten noch ein gigantischer Flachbildschirm im Wohnmobil. Wer in Deutschland heute Camping sagt, der sucht neuerdings oft nicht wie früher die Einfachheit. Sondern er will alles so wie zu Hause, nur für unterwegs. Für die Toskana oder vielleicht doch nur für den Bayerischen Wald.

In Deutschland sind gerade so viele Wohnmobile zugelassen wie noch nie. Die Zahl der Neuzulassungen steigt seit Jahren stetig, 2016 wurden laut dem Caravaning Industrieverband Deutschland über 35 000 neue Fahrzeuge angemeldet, beinahe ein Viertel mehr als im Vorjahr. Nach den ersten Monaten sieht es ganz danach aus, dass die neu zugelassenen Fahrzeuge 2017 diesen Rekord knacken könnten.

Eines davon ist das der Familie Winkler. Mit dem sind sie zwar bald zum ersten Mal unterwegs, ihre allererste Reise im Wohnmobil liegt aber schon lange zurück: Da sind Christian und Christine, noch unverheiratet und kinderlos, im Toyota-Campingbus durch Neuseeland gefahren. Romantisch? „Auch. Aber vor allem: eng“, sagt Christian Winkler und lacht. „Wenn man mit jemandem im Wohnmobil unterwegs ist, merkt man schnell, ob man wirklich zusammenpasst.“ Gepasst hat es offenbar: Denn nicht nur die Liebe zueinander, sondern auch die zum Wohnmobil hält bis heute. Auf der Hochzeitsreise der Winklers ging es im Wohnmobil durch Kanada.

Bei der ersten Tour war das Wohnmobil für die Winklers einfach die günstigste Möglichkeit, durchs Land zu kommen. Dann, nach einer „traumatischen Woche im Hotel auf Mallorca“, in der sie abwechselnd allein beim Abendessen saßen, weil immer einer mit quengelndem Kind auf dem Zimmer blieb, haben sie erkannt, dass der Urlaub im Wohnmobil für sie als Familie der beste Weg ist. Spontaneität und Freiheit, das sind die Begriffe, die Christan Winkler damit verbindet. „Ich bin mein eigener Herr, kann stehen bleiben, wo es mir gefällt, kann die Route ändern, wann es mir passt“, sagt er, „für unsere Art zu reisen gibt es da eigentlich keine Alternative.“

Ihre Art zu reisen, und das gefällt immer mehr Leuten: das Gegenteil von Cluburlaub und Frühstücksbuffet. Also sind die Winklers, etwa ein Jahr nach Geburt der zweiten Tochter, zu einer siebenwöchigen Norwegen-Tour aufgebrochen, im ersten eigenen Wohnmobil Richtung Nordkap. Und haben dann ihr Hobby zum Beruf gemacht: Seit fünf Jahren schreiben sie Wohnmobil-Reiseführer, für Großbritannien, Südeuropa, Österreich, Rumänien. Mehrere Wochen im Jahr sind die Winklers mittlerweile unterwegs.

Klar, wenn vier Leute mehrere Wochen auf engstem Raum zusammenleben, kann das zur Belastungsprobe werden. Beim Urlaub in Rumänien hat es die ersten zwei Wochen durchgeregnet, mit einem Kleinkind „geht das an die Substanz“, sagt Winkler. Aber: So viel Zeit wie im Wohnmobil kann man als Familie im Alltag nur selten miteinander verbringen. Auch die gemeinsamen Erlebnisse schweißen zusammen. Die Menschen, die man trifft, die Orte, die man erkundet. „Wir erleben auf jeden Fall mehr als der Durchschnitts-Urlauber“, sagt Winkler. Sie sind eher nicht die typischen Campingplatz-Camper, stehen lieber jede Nacht woanders.

Christian Winkler glaubt, dass sie damit zu der neuen Generation Wohnmobil-Camper gehören, durch die sich das etwas spießige Image des Wohnmobil-Reisens als Senioren-Urlaub gerade ändert. Sicher, es gibt immer noch die, die am Standplatz erst mal den Rollrasen auslegen und die Gartenzwerge aufstellen. Aber es kommen immer mehr junge Familien, Individualisten und Ex-Backpacker, die ein neues Camping-Gefühl suchen: das Abenteuer, die Nähe zur Natur, die große Freiheit.

Einer ihrer schönsten Urlaube, sagt Winkler, war in Rumänien, „einem der letzten Winkel in Europa, wo man tatsächlich noch Abenteuer erleben kann“. Nachdem viele sie gewarnt hatten, vor Kriminalität und mangelnder Sicherheit, waren die Winklers begeistert von der Gastfreundschaft der Menschen dort. Als sie einmal ganz im Osten unterwegs waren, nahe der Grenze zu Moldawien und der Ukraine, und ihnen den ganzen Tag kein Gegenverkehr außer ein paar Pferdegespannen begegnet war, wurden sie plötzlich von einer Polizeistreife gestoppt. Komisches Gefühl, erst mal. Die Polizisten betrachteten eher unaufmerksam die Papiere und offenbarten dann den wahren Grund für die Kontrolle: „Die beiden hatten noch nie so ein Fahrzeug gesehen und haben ganz freundlich gefragt, ob sie sich das mal von innen anschauen dürfen.“

Christian Winkler könnte sich vorstellen, irgendwann mit seiner Frau längere Zeit im Wohnmobil zu leben, mit nur einer kleinen Wohnung als Basis. In 15, 20 Jahren vielleicht, wenn die Kinder aus dem Haus sind. „Viele meinen, für ein gutes Leben braucht man ein Haus, einen Garten, einen Grill“, sagt er, „aber nach ein paar Wochen mit einfacher Schlafgelegenheit, Wasch- und Kochnische und winzigem Klo merkt man: Eigentlich vermisse ich nichts. Eigentlich taugt auch die Welt ganz gut als Garten.“

Trotzdem geht der Trend bei den Fahrzeugen zu mehr Luxus, mehr Komfort, mehr Länge. Auch das neue Wohnmobil der Winklers misst fast sieben Meter und hat einen Fernseher. Der bleibt aber so oft wie möglich aus, wenn es nach Christian Winkler geht. Er sagt: Ein neues Wohnmobil kaufen dann doch noch oft ältere Urlauber, bei denen das Geld stimmt. Oder Vielfahrer wie sie. Für alle anderen gibt es die Möglichkeit zu mieten oder gebraucht zu kaufen. Doch die Nachfrage ist groß: „Der Markt für Gebraucht-Mobile ist so gut wie leer“, sagt Winkler.

Das von Familie Winkler hatte sogar einen Namen: Lutz. Als sie Lutz und seinen neuen Besitzern nachgeschaut haben, wie die langsam außer Sichtweite rollten, hatten alle einen dicken Kloß im Hals. „Da hängen einfach unheimlich viele Erinnerungen dran“, sagt Christian Winkler. Lutz ist in guten Händen, bei einer anderen Münchner Familie. Das neue Winklersche Wohnmobil heißt Roberto.

von Anne-Nikoline Hagemann

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