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Nöth will auf dem Areal auch Künstler ansiedeln, die sich mit den Bewohnern austauschen. „Wir müssen endlich auch mal handeln“, sagt er. „Ich bin das ständige Gequatsche in den Talkshows so leid.“

Das Gegenteil von Ghetto

Ein Ort für Flüchtlinge und Künstler: Nöths neuer Plan für München

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München - Dieses Projekt hat Vorbild-Charakter für die Stadt: Im Nordosten Münchens sollen Flüchtlinge nach ihrer Anerkennung ein würdiges Obdach bekommen. Für „Hallenkönig“ Wolfgang Nöth haben junge Architekten ein Quartier entworfen, in dem Neuankömmlinge gemeinsam mit Künstlern wohnen.

Ihren Flohmarktbesuch Ende September werden Benedict Esche und seine Freundin Lena Kwasow bestimmt nie vergessen. Die junge Architektin wollte ihrem Freund nach Berlin nachziehen und hatte auf dem Flohmarkt in Freimann noch ein japanisches Schmuckkästchen ergattert. Da kamen die beiden mit einem älteren Herrn mit langen weißen Haaren ins Gespräch. Der fluchte lauthals darüber, wie man in Deutschland mit Flüchtlingen umgehe. Irgendwann stellte sich heraus: Dem Mann gehört der Flohmarkt.

„Es war total surreal, wir wussten natürlich nicht, wer Wolfgang Nöth ist“, erinnert sich Esche. Drei Monate später arbeiten Nöth, 72, Münchens bekanntester Hallen-Unternehmer und Erfinder des Kunstparks Ost, und die jungen Architekten zusammen. Gemeinsam werden sie Flüchtlingen in Johanneskirchen eine besondere Bleibe bauen.

Die gemischte Nutzung ist bereits genehmigt

Bereits Anfang Dezember hat die Stadt für das Grundstück im äußersten Münchner Nordosten eine „gemischte Nutzung“ genehmigt. Genau das ist es, was Nöth und die Kollegen Esche, Kwasow und Jonas Altmann vom Architekturbüro „kollektiv-a“ vorhaben: mindestens 200 Flüchtlingen einen lebenswerten Ort schaffen, an dem sie auch noch sozialen Anschluss und Kontakt zu Kunst und Kultur haben. Integration statt Ghettoisierung.

„Hallenkönig“ Wolfgang Nöth startet mit einer Herzensangelegenheit durch: In Johanneskirchen will er ein Quartier bauen, in dem anerkannte Flüchtlinge eine menschenwürdige Bleibe finden – und am Leben in München teilhaben können.

In zwei Hallen an der Musenbergstraße 40, in denen bis jetzt eine Holzhandlung ihren Sitz hatte, können nach Umbauten Kinderbetreuung, offene Werkstätten, Künstlerateliers, Übungsräume und sogar eine Konzerthalle einziehen – in einem dritten Haus, das die Architekten neu errichten wollen, soll in Holzbauweise Platz für Flüchtlinge mit anerkanntem Bleiberecht entstehen, insgesamt 2300 Quadratmeter. „Die Menschen kommen aus den Erstaufnahmeunterkünften – und fallen danach durch alle Raster. In Berlin gibt es ja schon die Schreckensszenarien, wie die Leute am Wohnungsamt anstehen“, sagt Esche. Und Nöth fügt hinzu: „Bei uns werden sie integriert und sie lernen etwas.“ Nöth mietet das Grundstück für 15 Jahre, und er trägt auch die Investitionssumme für die Baumaßnahmen, etwa 3,8 Millionen Euro. Dass er mit dem kulturellen Teil des Areals Geld verdienen will, liegt also auf der Hand.

Es soll Dorfcharakter haben

Die wahren Gründe für Nöths Engagement aber liegen wohl in seiner Kindheit: Seine Familie ist im Holocaust umgekommen, seine jüdische Mutter hat ihm nach seiner Geburt 1943 das Leben gerettet, als sie ihn in einem Persil-Karton vor einem Gasthaus in Würzburg abstellte. An die große Glocke hat er das nie gehängt, aber er sagt: „Ich bin im Heim aufgewachsen, ich kenne den ganzen Zirkus – wenn man Leute zusammenpfercht, braucht man sich nicht wundern, wenn sie aggressiv werden.“

Auf dem Areal in Johanneskirchen soll das ganz anders aussehen: „Das Wohnhaus soll den Charakter von Münchner Reihenhäusern haben – nur auf drei Stockwerken übereinander und erschlossen über Laubengänge. Jede Familie hat ihre eigene Einheit, es gibt auch kleine Gärten.“ Gleichzeitig zum selbstbestimmten Leben solle es aber auch die Möglichkeit zur Interaktion geben, eine Art Marktplatz. „Es soll Dorfcharakter haben“, sagt Nöth.

Bei der Stadt ist man voll des Lobes

Bei der Stadt ist man voll des Lobes für das Projekt: „In Sachen Wohnungslosigkeit kommt 2016 einiges auf München zu“, sagt Thomas Rehn, leitender Baudirektor in der Lokalbaukommission. „Das Projekt hat wegen seiner Integrationswirkung absolut Vorbild-Charakter für München.“ Rehn sagt, seine Behörde werde Nöth keine Steine in den Weg legen: „Wenn da was zu genehmigen ist, dann werden wir das nach Möglichkeit tun.“ Auch das Bundesamt für Wohnen und Migration zeigt sich begeistert – und will mit seiner Münchner Zweigstelle auf das Areal ziehen.

Wenn alles gut läuft, so hofft Benedict Esche, können im Frühsommer bereits die ersten Künstler und Flüchtlinge in ihrem neuen Schmuckkästchen in Johanneskirchen einziehen. „Meine Freundin“, sagt er lachend, „hat ihre Münchner Wohnung jetzt übrigens doch nicht aufgegeben. Wir haben hier einfach zu viel zu tun.“

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