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Das Bild oben zeigt Christian Liebig im Irak, in der Hand hält er ein Satellitentelefon. Es ist das letzte Foto von dem 35-Jährigen, aufgenommen wenige Tage vor dem Einschlag der Rakete.

2003 starb Christian Liebig im Irak

Zehn Jahre nach dem Albtraum

München - 2003 stirbt der Journalist Christian Liebig im Irak. Seine Freundin hilft heute in seinem Namen Kindern in Afrika.

Zehn Jahre ist der Anruf her, der Beatrice von Keyserlingks Leben in wenigen Sekunden für immer veränderte. An jenem Nachmittag des 7. April 2003 war sie in der Schweiz, auf einer Messe, als die Redaktion des Focus ihr am Telefon sagte, dass ihr Lebensgefährte Christian Liebig tot sei. Dieser war zu dem Zeitpunkt gerade als Journalist im Irak. Liebig begleitete die amerikanische Armee bei ihrer Invasion. Wenige Stunden vor dem Anruf, gegen Mittag, tötete ihn die Explosion einer Rakete, die unmittelbar neben ihm einschlug. Er war der erste und bislang einzige deutsche Reporter, der im Irak starb.

Zehn Jahre später sitzt Beatrice von Keyserlingk, 44, in einem Restaurant in der Münchner Altstadt und bestellt Cappuccino. Die gelernte Goldschmiedin arbeitet in der Nähe als Händlerin für antiken Schmuck, gerade hat sie Mittagspause. Sie erzählt von dem Tag damals, wie ihre Eltern noch am selben Tag mit dem Auto in die Schweiz fuhren, um sie abzuholen. Von dem Albtraum, von den Stunden, die wie in Trance vergingen. Und von den Monaten und Jahren danach, in denen sie die Trauer um ihren Lebensgefährten in der Arbeit um sein Vermächtnis erstickte. „Ich habe viel Zuspruch erfahren, darunter viele Briefe von älteren Frauen, die ihre Männer im Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Das hat mich sehr berührt.“

Zusammen mit den Eltern von Christian Liebig und dem Herausgeber des Focus, Helmut Markwort, entschloss sie sich, eine Organisation zu gründen, um in Liebigs Namen etwas Gutes zu tun: die Christian-Liebig-Stiftung e.V. Seit damals setzt sich der Verein, unterstützt von vielen Prominenten aus Politik und Gesellschaft, für Kinder und Jugendliche in Afrika ein, baut Schulen und Wohnhäuser.

Chris tian Liebigs damalige Freundin Beatrice von Keyserlingk gründete zusammen mit Liebigs Eltern und Helmut Markwort vom Focus einen Verein, der sich für Kinder und Jugendliche in Afrika stark macht.

Afrika, das war für Liebig und von Keyserlingk der Ort, an dem sie eigentlich ihr Leben verbringen wollten. „Der Plan war, dass Christian als Korrespondent in Südafrika arbeitet und wir beide dort hinziehen“, sagt Beatrice von Keyserlingk. Die beiden diskutierten nächtelang über Afrika, über die Probleme dort, über Lösungen.Zuvor hatten sie bereits mehrmals den Kontinent bereist. Doch auch ein sehr persönliches Interesse steckte hinter dem Plan, auszuwandern. Beatrice von Keyserlingk machte ihrem Freund klar, dass sie nicht die Frau sein will, die zuhause sitzt und sich Sorgen macht, während ihr Mann in irgendwelche Krisengebiete fährt. Die beiden wollten heiraten, eine Familie gründen. Das alles war wenige Monate, bevor Liebig in den Irak ging, um dort ein letztes Mal über den Krieg zu berichten. Bevor ihn diese Rakete in den Tod riss.

In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, hat der Verein viel getan. Über 20 Schulen hat er gebaut, hauptsächlich in Malawi. In Zusammenarbeit mit der Regierung dort. Diese Woche wird ein Wohnhaus für 70 Mädchen eingeweiht. Mit einer Mauer drumherum und Wachpersonal. Der Grund: Viele der Mädchen, die die Schule besuchen, müssen kilometerweit laufen. Deshalb wohnen sie oft zur Miete in einem näher gelegenen Dorf. Weil sie kein Geld haben, zahlen viele der Jugendlichen und Kinder ihre Miete mit sexuellen Gefälligkeiten – sie prostituieren sich. „Auch Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung“, sagt von Keyserlingk. „Viele Männer glauben noch immer, dass Sex mit Jungfrauen vor Aids schützt.“ Es ist ein stille, alltägliche Tragödie abseits von Kriegsschauplätzen.

Beatrice von Keyerslingk sagt, ihr Mann sei alles andere als ein Draufgänger gewesen. Sie trinkt ihren Cappuccino aus, sie lächelt und fragt: „Haben Sie Bilder von ihm gesehen? Er sah eigentlich immer ein bisschen aus wie ein Streber. Er war ein bescheidener Typ.“ Aber auch einer, der seine Augen nicht verschließen wollte. Jahre vor seinem Einsatz im Irak berichtete er aus dem Kosovo, auf eigene Faust, ohne Verlag im Rücken.

Für seinen Aufenthalt im Irak bereitete er sich akribisch vor, absolvierte ein spezielles Training der Bundeswehr für Journalisten. Wenige Tage vor dem Einschlag der Rakete schrieb er seiner Freundin eine Mail. Er wollte vor Ostern zuhause sein. „Pünktlich zur Spargelzeit“, sagt von Keyserlingk. Es sei der Versuch gewesen, sich die das Grauen des Krieges im Irak nicht anmerken zu lassen. Das Grauen, verursacht durch amerikanische Panzer, die über Autos fuhren, in denen Menschen saßen. Das Grauen vor Sprengstofffallen der irakischen Armee. Dinge, über die er berichten wollte.

Beatrice von Keyserlingk zieht sich ihre Jacke an, draußen regnet es wie aus Kübeln. Am nächsten Tag wird ihr Flug nach Malawi gehen. Sie will bei der Einweihung der Wohnhauses dabei sein. Schauen, wo es noch hapert, wo noch etwas getan werden muss. Der Preis, den von Keyserlingk für die Hilfe in Afrika bezahlt, kann man weder in Euro noch in Dollar messen. Die Arbeit, die vielen Kindern eine Zukunft ermöglicht, lässt sie die Vergangenheit nie vergessen.

Patrick Wehner

Spendenkonto

Christian-Liebig-Stiftung e.V. Kontonummer: 700 3 700 Bankleitzahl: 700 700 24 Deutsche Bank München IBAN: DE20 700 700 240 7003700 00 Swift Code: DEUTDEDBMUC

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