John Browner feiert den fünften Geburtstag seines Second-Hand-Ladens für englische Bücher an der Augustenstraße. kh

Zwei Mal im Jahr zwei Tonnen Literatur

München - Die Munich Readery in der Augustenstraße ist auf englische Bücher aus zweiter Hand spezialisiert. Das Geschäft läuft gut.

Das größte Problem ist das Ausbalancieren. Der Stapel schwankt und schwankt - und schließlich landet eines der Bücher auf der Augustenstraße. Angela Heil war einkaufen. In der „Munich Readery“ in der Maxvorstadt hat sie für ihre Kinder und sich Bücher in englischer Sprache gekauft. Schlechte Literatur wird auch diesmal nicht darunter sein, da ist sie ganz sicher. Warum sie nicht einfach im Internet bestellt? „Hier bekomme ich Bücher, die ich online nie bekomme“, schwärmt sie, „Empfehlungen zu amerikanischer Geschichte zum Beispiel.“ Im Netz hingegen lande man doch immer wieder nur bei den Beststellern.

Bei John Browner hingegen stößt sie immer wieder bei Geheimtipps. Die Idee zur englischen Second-Hand-Buchhandlung kam dem freundlichen Amerikaner mit der runden Brille bei seinen München-Besuchen in den 90er-Jahren. „Acht oder neun Mal war ich bei Freunden“, erzählt er. Beim Blick in die Regale fiel dem Buchhändler eines auf: Alle Deutschen schienen englische Literatur in Originalausgaben zu besitzen.

Aus dieser Entdeckung wurde 2003, als er mit seiner Frau einige Monate hier verbrachte, eine Idee. In München gab es zwei Buchhandlungen für englische und amerikanische Literatur. Diese handelten aber mit Neuware. „Wenn es die Nachfrage für zwei Buchläden gibt“, habe er sich gedacht, „dann gibt es auch genügend Interesse für Second-Hand-Bücher“, erzählt Browner.

Browner und seine Frau entschlossen sich, ihre Zelte in North Carolina in den USA, wo er ebenfalls einen Second-Hand-Buchladen betrieb, abzubrechen und nach München zu ziehen. Einen Beschluss, den er in den fünf Jahren nicht bereut hat, seit der Laden an der Augustenstraße 104 im Februar 2006 eröffnete. Er schwärmt von der Offenheit der Münchner für Literatur. „Die Leute kommen und lassen sich beraten“, sagt er, „das ist ganz anders als in den USA.“

Wenn man die Readery betritt, blickt man gleich auf ein Regal mit Empfehlungen. Doch vieles funktioniert auch im Gespräch. Alle paar Minuten kommen Kunden herein, die den Chef persönlich um Rat fragen. Der führt sie dann durch die Räume, die übervoll sind mit Büchern aus Belletristik, Geschichte oder Science Fiction. Der Platz an den Wänden reicht nicht mehr für die mehr als 30 000 Bücher, und so schlagen die großen braunen Regale Schneisen durch die beiden Räume.

Jedes einzelne Buch hat der 56-Jährige selbst ausgewählt. Zwei Mal im Jahr reisen seine Frau und er in die USA, um Literatur aufzukaufen. „Das ist richtig viel Arbeit“, sagt er, „es gibt keinen Großhandel für Second-Hand-Bücher“. So kauft er zum Beispiel bei Krankenhäusern Bücher an, denen die Literatur gespendet wurde. Per Schiff kommen die ausgewählten Bücher dann über den Atlantik. „Ungefähr 5000“ sind das jedes Mal, schätzt Browner, bis zu zwei Tonnen Literatur.

Dass die „Munich Readery“ der Krise der kleinen Buchläden trotzt, führt er auf die Spezialisierung zurück. Er ist sich sicher, dass seine Frau und er noch lange Bücher an der Augustenstraße verkaufen. „Und wenn man die Versandkosten mitrechnet, sind wir eben doch meistens billiger als das Internet“.

Oft wird er gefragt, ob es denn wirklich genügend englischsprachige Münchner gebe. „Reich wird man hier nicht“, sagt er. Und zwei Drittel der Kunden seien ohnehin Deutsche mit Liebe zu englischen Texten. Viele deutsche Eltern kaufen auch Kinderbücher für ihre Kleinen, die früh Englisch lernen sollen. Wie Angela Heil, die sicher bald wieder einen Bücherstapel über die Augustenstraße balancieren muss.

Felix Müller

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