CSU zweifelt an zweitem S-Bahn-Tunnel

München - Die Zukunft des Bahnknotens Münchens mit dem Bau einer zweiten S-Bahn-Stammstrecke bleibt ungewiss.

Auch bei einer Anhörung im Landtag konnten sich Verkehrsexperten, Staatsregierung, Bahn und Landtag nicht auf eine Lösung verständigen. Im Gegenteil: Die Zweifel am Bau der 40 Meter tief gelegenen Röhre zwischen Haupt- und Ostbahnhof wachsen. Vor allem die CSU meldete Bedenken an.

Dabei hatte es das Schicksal gut gemeint mit denen, die auf einen schnellen Bau des zweiten Tunnels drängen. Am Mittwoch hatte eine Computerpanne die Stammstrecke lahmgelegt. „Ich weiß nicht, ob die S-Bahn damit ein besonderes Augenmerk auf die Problematik werfen wollte“, frotzelte Erwin Huber (CSU), der Vorsitzende des Verkehrsausschusses. Laut Bahn jedenfalls hätten in der zweiten Röhre die S-Bahn-Züge bequem umgeleitet werden können.

Doch so richtig will der Bau des Tunnels nicht vorankommen. Seit neun Jahren planen Bahn und Freistaat. Nun drängen sie mit Hilfe von OB Christian Ude (SPD) und dem MVV zu Taten. „Wir haben eine Gesamtkonzeption, die wir schon zu den Winterspielen 2018 realisieren können“, sagte MVV-Chef Alexander Freitag. Das ist zum einen die zweite S-Bahn-Stammstrecke, zum anderen der Ausbau der S 8 im Münchner Osten, wo Express-Züge gen Flughafen rauschen sollen.

Auf Drängen der CSU war diese Lösung noch einmal mit dem Bau des Nordtunnels vom Hauptbahnhof zur Münchner Freiheit verglichen worden. Die vom Verkehrsministerium beauftragten Gutachter kamen zu dem Schluss, dass die Stammstrecken-Ostkorridor-Variante mit 2,9 Milliarden die billigere und wirtschaftlichere Gesamtlösung sei.

Bei der Anhörung geriet diese Studie jedoch erneut unter Beschuss. Zum Beispiel, weil die Gutachter Kosten von rund 400 Millionen Euro für einen Tunnel zwischen Johanneskirchen und Zamdorf nicht einkalkuliert hatten. „Sie präsentieren einen Nutzen-Kosten-Faktor, der dies nicht berücksichtigt“, schimpfte Münchens CSU-Chef Otmar Bernhard.

Auch die erhoffte Fertigstellung des Tunnels bis zu Olympia 2018 dürfte wohl schwierig werden. Bei einem geplanten Baubeginn Ende 2012 und einer Bauzeit von sechseinhalb Jahren wären die Spiele längst vorbei, wenn der erste Zug fahren würde. Vor diesem Hintergrund könnte es für Verkehrsminister Martin Zeil (FDP) auch schwer werden, Sondermittel für die Stammstrecke beim Bund locker zu machen.

Zeil jedoch hält am Ziel Olympia fest. Per Pressemitteilung ließ er, der selbst nicht bei der Anhörung zugegen war, wissen: Nur mit der zweiten Stammstrecke und dem Ausbau des Ostkorridors „können wir bis zu den Olympischen Winterspielen 2018 die angestrebten Verbesserungen für den Bahnknoten München erreichen“. Der CSU-Abgeordnete Markus Blume schäumte. „Es hätte Herrn Zeil im Sinne des Erkenntnisgewinns gutgetan, an der Anhörung teilzunehmen. Dann wüsste er, dass der Tunnel bis Olympia 2018 nicht realisierbar ist.“

Noch ein weiterer Punkt ist mittlerweile unstrittig. Regionalzüge bisheriger Bauart könnten die Stammstrecke nicht nutzen. Dazu müsste ein neuer Wagentyp entwickelt werden. Wie berichtet, hatte das Verkehrsministerium zuletzt erwogen, den Tunnel für den Regionalverkehr zu öffnen, um den Nutzen der zweiten Röhre zu erhöhen.

Unklar ist nun, wie es weitergeht. Erwin Huber dringt auf eine schnelle Entscheidung, „um an Bundesgelder zu kommen“. Vorher müsse man aber die Gutachten noch einmal durchrechnen. Aus Sicht der CSU gilt es derzeit als nicht ausgeschlossen, die Stammstrecke umzuplanen, um sie für Regionalzüge zu ertüchtigen.

„Ich glaube, die CSU ist sich ihrer Verantwortung nicht bewusst“, schimpfte SPD-Stadtrat Ingo Mittermaier, der die Veranstaltung als Zuhörer begleitete. Seine Fraktion im Rathaus unterstützt den Bau der zweiten Stammstrecke. Bei seinen Parteikollegen aus dem Landtag scheint das nicht so klar. Sie stellten bei der Anhörung keine einzige Frage.

Matthias kristlbauer

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