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Ein Schild weist den Weg nach Dachau.

Die letzten Kriegstage 1945

Die letzten Kriegstage: Der Schock der Befreier

München – Es sind Momente, die sie nie mehr loslassen: In den letzten Kriegstagen 1945 rücken US-Soldaten in Oberbayern ein. Blutjung sind sie. Und unerfahren. Plötzlich stehen sie vor dem Konzentrationslager von Dachau und haben keine Ahnung, was sie dort erwartet. Ein Veteran erinnert sich.

Der Krieg ist schon fünf Tage vorbei, als es die amerikanische Militär-Zeitung der 45. Division auf den  Punkt bringt:  „Dachau gives the answer to why we fought“, lautet die große Schlagzeile auf der Titelseite. Wer die monatelangen Entbehrungen, das Sterben und Töten, das Leid und Elend mitmachen musste, fand in Dachau die Antwort, warum sich das alles gelohnt hatte. Der Einsatz gegen Hitler und Nazi-Deutschland – jetzt machte er auch für den letzten US-Soldaten Sinn.

Alan W. Lukens ist 21 Jahre alt, als er sich am 29. April 1945 mit der 20th Armored Division von Westen her nähert. Eigentlich wollen sie nach München. „Wir kamen nichtsahnend in Dachau an, als wir den Stacheldraht und die Wachtürme sahen“, erinnert sich der Amerikaner 70 Jahre später im Gespräch mit unserer Zeitung. „Vom Dach des Hauptgebäudes wehte eine weiße Flagge, also dachten wir, dass sie sich ergeben. Aber dann haben plötzlich Scharfschützen auf uns gefeuert und unseren Oberst getötet.“ Der Schreck ist gewaltig. Doch nach einem kurzen Kampf ist der deutsche Widerstand gebrochen.

Ehemaliger Soldat: "Wir waren darauf einfach nicht vorbereitet"

Die jungen US-Soldaten wissen nicht, was sie drinnen erwartet. Die Deutschen dagegen wussten seit Tagen, dass die Amerikaner kommen. Schon zwei Wochen vorher hatte Heinrich Himmler die „Totalevakuierung“ befohlen. Große Gruppen verließen daraufhin das Lager Richtung Süden – die Todesmärsche. In Dachau trifft am 27. April ein Eisenbahnzug aus dem Lager Buchenwald ein. Viele, sehr viele Häftlinge haben den Transport nicht überlebt. Sie sind verhungert, verdurstet, an Schwäche gestorben.

Als der junge Alan Lukens das Lager am nächsten Morgen betreten will, muss er an diesem Zug vorbei. 37 Waggons. Voll mit Leichen. Später wird ihre Zahl mit 2300 angegeben. Selbst für einen Soldaten, der schon viel Schlimmes erlebt hat, ein unglaublicher Anblick. „Wir waren darauf einfach nicht vorbereitet.“ Drinnen, im Lager, werden sie sofort von ausgemergelten Körpern umringt. Umarmt. Gefeiert. „Es war wunderbar und verstörend zugleich“, sagt Lukens. „Sie sahen furchtbar aus, die meisten wogen noch 40 Kilogramm. Trotzdem waren sie so glücklich. Sie konnten nicht glauben, dass sie frei waren. Sogar eine amerikanische Flagge hatten sie heimlich gemacht.“

Zustände im Lager waren Ende April 1945 chaotisch

91 Jahre alt ist Alan Lukens inzwischen. Er hat nach seiner Militärzeit im Auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten Karriere gemacht. Martinique, Paris, Dakar, Ankara. Im Kongo diente er sogar als US-Botschafter. Aber Dachau hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. Immer wieder ist er in den letzten Jahren zurückgekommen. Hat Reden gehalten, ehemalige Häftlinge getroffen. Ihre Geschichten erfahren. Er musste nachholen, wofür in den hektischen letzten Kriegstagen keine Gelegenheit bestand. „Wir hatten einfach keine Zeit.“

Die Zustände im Lager sind Ende April 1945 chaotisch. Generalmajor Max Ulich hat die deutsche 212. Volksgrenadier-Division bereits am 28. April vom Lagergelände abgezogen, um unnötige Verluste zu vermeiden. Auch die Häftlinge, so erinnert sich Lukens, wussten dank BBC längst, dass die Amerikaner im Anmarsch waren. Als die 45. und die 42. Infanterie-Division schließlich ins Lager einmarschieren, greifen einige der Gefangenen schon zur Selbstjustiz. „Die meisten Wachen waren geflohen, ein paar der Aufseher wurden erschossen“, sagt Lukens. „Es gab einen unglaublichen Hass auf die Kapos.“ Innerhalb des Lagers hatte sich ein Häftlingskomitee gegründet, welches das Schlimmste verhindern wollte.

"Was wir sahen, war so furchtbar und so schrecklich . . ."

Auch die US-Soldaten stoßen an ihre Grenzen. „Was wir sahen, war so furchtbar und so schrecklich . . .“, beginnt Lukens seinen Satz und lässt ihn unvollendet. Tatsache ist, dass etliche SS-Wachen sterben. Auch durch US-Soldaten. Am Todeszug aus Buchenwald werden vermutlich 17 SS-Männer einfach erschossen.

Lukens darf nur ein paar Stunden im Konzentrationslager bleiben. „Dann haben uns die Ärzte weggeschickt. Sie wollten nicht, dass wir uns mit Typhus anstecken. Außerdem sollten wir nicht zu großzügig zu den Gefangenen sein, deren Körper konnten so viel Essen gar nicht verarbeiten.“

Seine Division fährt weiter Richtung München. „Gott sei Dank gab es keine Kämpfe mehr.“ Es geht so schnell, dass er sich 70 Jahre später nicht mehr an Gespräche mit Münchnern erinnern kann. Auf dem Weg durch den Chiemgau aber, so viel weiß Lukens noch, trifft man immer wieder auf deutsche Soldaten, die man zwar entwaffnet, aber laufen lässt. „Wir wussten gar nicht mehr, was wir mit ihnen machen sollen. Also haben wir sie einfach weitergeschickt.“

91-jähriger Ex-Soldat wird bei Gedenkfeier in Dachau sprechen

Den letzten Kriegstag erlebt Lukens in Salzburg, danach ist er zwei Monate lang in der Nähe des Chiemsees stationiert. „Unsere Division war im Gegensatz zu anderen Einheiten während der Kämpfe verhältnismäßig glimpflich davongekommen. Deshalb sollten wir nach Japan verlegt werden.“ Doch während er einen kurzen Urlaub in den USA machen darf, kapituliert Japan am 2. September. „Da hatten wir viel Glück.“

In der kommenden Woche wird sich der 91-Jährige noch einmal ins Flugzeug nach Deutschland setzen. Am 3. Mai darf er als Befreier bei der Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager sprechen, eine Botschaft von Barack Obama überbringen. Die Rede hat Lukens schon genau vorbereitet. Er darf ja nur vier Minuten sprechen, obwohl es doch so viel zu sagen gäbe. Angela Merkel, sagt der ehemalige Botschafter ganz wertneutral, hat zwölf Minuten.

von Mike Schier

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