Spekulationen über Nachfolger laufen

Nach Oktoberfest-Beben: Wiesn-Größe packt aus - „Was ich gar nicht laut sagen darf ....“

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  • Sarah Brenner
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Die Nachricht, dass Wirtsfamilie Heide das Wiesnzelt Bräurosl aufgibt, ist taufrisch, da schießen die Spekulationen über den Nachfolger ins Kraut.

  • Der erste Oktoberfest-Wirt in München gibt sein Wiesn-Zelt wegen der Corona-Pandemie ab.
  • Entscheidend für den Wiesn-Ausstieg ist das unkalkulierbare Risiko.
  • Die Heide-Familie plant nun einen Neustart bei München. Wer tritt die Nachfolge an?

Update vom 10. Juli, 10.02 Uhr: Nach dem überraschenden Rücktritt der Wirtsfamilie Heide vom traditionellen Wiesn-Zelt Bräurosl hat sich jetzt Edi Reinbold, Wirt des Schützenfestzelts gegenüber der Abendzeitung geäußert: „Das mit der Bräurosl war ein Schock! Von diesem Donnergewitter muss ich mich erst erholen – wir alle,“ so der Wirt. 

Nach Oktoberfest-Beben um Wirte:  Wiesn-Größe plaudert aus dem Nähkästchen - „gar nicht laut sagen darf ....“

Weiter plaudert der Wirt gegenüber der Zeitung aus dem Nähkästchen und äußert sich zur Corona-bedingten Absage des diesjährigen Oktoberfests: „Es werden bei allen Wiesnwirten hohe Zahlungen aufgerufen, obwohl die Wiesn heuer abgesagt wurde – was ich übrigens richtig finde, auch wenn man das als Wiesnwirt wahrscheinlich gar nicht laut sagen darf,“ so Reinbold.

Update, 6. Juli, 22.45 Uhr: Diese Nachricht hat ein wahres Wiesn-Beben ausgelöst. Die Wirtsfamilie Heide gibt ihr Zelt auf, bewirbt sich nicht mehr für die Bräurosl – und das hat Folgen. Die Nachricht war noch taufrisch, da wurden am Montag schon Spekulationen um die Nachfolge laut. Als Favorit gilt dabei für viele Lorenz Stiftl (55), der bereits das kleine Wiesnzelt Zum Stiftl betreibt.

Wiesn-Zelt Bräurosl: Wer tritt die Nachfolge der Wirtsfamilie Heide an?

Jetzt liegt der Ball bei Hacker-Pschorr, denn die die Bräurosl ist ein Brauereizelt. Hacker-Pschorr hat das Vorschlagsrecht für den Festwirt (und muss mindestens zwei Alternativen angeben). Die Stadt nickt in der Regel den ersten Vorschlag ab. „Da halten wir uns raus“, sagt Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner (CSU). „Wir werden den Kandidaten lediglich auf Zuverlässigkeit prüfen.“ Heißt: Die Stadt analysiert, ob der Anwärter neben der allgemeinen Qualifikation einen gastronomischen Großbetrieb zu führen weiß und zuverlässig ist. Stiftl kann da auf lange Erfahrung sowohl auf der Wiesn wie in Münchner Restaurants verweisen. 

Und was sagt er selbst zu den Aussichten? Klar – er kann gut mit der Brauerei. „Ich arbeite seit Jahrzehnten mit Hacker-Pschorr zusammen. In allen meinen Betrieben schenke ich Hacker-Pschorr oder Paulaner aus“, sagt Stiftl. Er führt unter anderem das Hackerhaus an der Sendlinger Straße, die Gastro im Grünwalder Stadion und bewirtet das Theater in Ingolstadt. Zudem ist Stiftl schon lang ein Großer unter den kleinen Wiesnwirten: Seit 2008 betreibt er sein 440 Plätze großes Festzelt Zum Stiftl, davor hatte er sechs Jahre lang das Wienerwald-Zelt.

Könnten sie bald Bräurosl-Chefs werden? Lorenz Stiftl mit seiner Frau Christine.

Der Stadtrat ist ihm zumindest nicht abgeneigt. 2014 stand Stiftl schon kurz davor, Bierzelt-Gigant zu werden. Er wurde auf der Bewertungsliste Zweiter, direkt hinter Siegfried Able und seinem Marstall. Damals ging es um die Nachfolge von Sepp Krätz*, der nach einem Steuer-Verfahren mit seinem Hippodrom von der Wiesn flog. Dass Wirte ein lukratives Zelt von sich aus aufgeben, kommt hingegen selten vor. Zuletzt hatte sich Anfang der 2000er Jahre die Familie Kreitmair aus Altersgründen nicht mehr für das Winzerer Fähndl – heute Paulaner-Festzelt – beworben.

Oktoberfest-Beben 2020: Wirte ziehen sich überraschend zurück - OB Reiter lässt emotionales Statement folgen

Auf die Frage, ob Stiftl denn nun Lust hätte, die Bräurosl zu übernehmen, sagt er zwar weder Ja noch Nein, aber: „Ich bin Vollblut-Wirt.” Gespräche mit der Brauerei habe es allerdings noch nicht gegeben.

Seitens der Stadt hält man sich mit Spekulationen zurück. Dort muss das Ende der Ära Heide noch verarbeitet werden. OB Dieter Reiter (SPD), der derzeit um einen neuen S-Bahn-Tunnel in München kämpft, sagte auf tz-Anfrage: „Das war für mich eine völlig überraschende Nachricht. Ich habe es am Wochenende erfahren und bedauere, dass mit der Familie Heide eine sehr traditionsreiche und bodenständige Wirtsfamilie nicht mehr auf der Wiesn vertreten sein wird.“ Wiesn-Chef Baumgärtner sieht’s ähnlich: „Das ist eine Dynastie. Familie Heide hat viel Gutes getan fürs Oktoberfest. Ich bin schockiert und traurig, dass die Entscheidung so getroffen worden ist.“

Bräurosl: Wirtsfamilie zieht sich zurück - und schildert „Worst-Case-Szenario“

Update 6. Juli, 17.35 Uhr: „Im Moment ist es das Richtige” – sagt Georg Heide über die Entscheidung seiner Familie, das Wiesnzelt Bräurosl aufzugeben. Das Zittern in seiner Stimme verrät, dass ihm das Abwägen alles andere als leicht gefallen sein muss. 53 Jahre lang hat er in der Bräurosl gearbeitet – wobei das für ihn viel mehr war als nur ein Job, sondern vielmehr Familiengeschichte. Seit 1936 haben die Heides das Festzelt geführt. Entsprechend oft kämpften Georg (66), seine Frau Renate (65) und Tochter Daniela (37) mit den Tränen, als sie bei einer Pressekonferenz über die Aufgabe des Zelts sprechen. „Wir haben die Risiken gegengerechnet und entschieden, es nicht zu tun“, erklärte Georg. 

Bräurosl-Wirt Georg Heide ist die Bestürzung ins Gesicht geschrieben.

Seit Corona die Welt auf den Kopf stellte, habe die Familie gegrübelt, ob sie sich erneut bei der Brauerei Hacker-Pschorr für den Betrieb des Zelts bewerben sollten – und sei am Ende auf die Antwort Nein gekommen. Grund sei vor allem das hohe finanzielle Risiko. „Es steht ja noch nicht fest, ob die Wiesn 2021 überhaupt stattfinden wird. Keine Versicherung zahlt einen Ausfall“, sagt Daniela. Für Georg Heide war der Ausstieg eine Entscheidung für die Tochter – verbunden mit Verantwortung für die Gesellschaft. „Wir wollen nicht als der Tönnies aus dem Würmtal bekannt werden“, sagte er. Die zugehörige düstere Vision: Was wäre, wenn sich viele Menschen in einem Wiesnzelt mit Corona anstecken würden – und der Wirt als Buhmann dasteht?

Die Familie will sich nun voll und ganz auf die Gaststätte Heide-Volm in Planegg konzentrieren. „Da stecken wir jetzt unser ganzes Herzblut rein“, so Daniela (siehe unten). Ihre Vision: „Wir wollen ein Wirtshaus und ein Biergarten für junge Familien sein.“ Für Georg und Renate heißt der Abschied vor allem eines: Endlich mehr Zeit für sich. Bereits letztes Jahr hatten sie sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. „Wir sind ja jetzt im Renten­alter und haben auch all die Jahre schön in die Rentenkasse einbezahlt“, sagt Georg –und er lächelt. Nun wolle er endlich einen Traum realisieren, der ihm wegen er Wiesn immer verwehrt blieb: „Einmal bei einer Weinlese dabei sein.“ Nach 53 Wiesn-Jahren hat er sich das allemal verdient...

Oktoberfest-Schock 2020: Der erste Wiesn-Wirt gibt wegen Corona auf! - Aber Plan B steht

Ursprungsmeldung:

München - Dass die Wiesn wegen eines Virus ausfällt: Wer hätte sich das vor einem Jahr vorstellen können? Jetzt ist es traurige Wirklichkeit – wegen der Corona-Pandemie*. Millionen von Gästen, die zum Oktoberfest* nach München* gekommen wären, bleiben daheim, und den Wirten entgehen Millionen-Einnahmen. Das hat nun Folgen: Jetzt gibt der erste Wiesn-Wirt eines großen Zelts auf, weil ihm das Risiko zu hoch wird. Ein Oktoberfest-Beben!

Nach tz-Informationen wird die Familie Heide ihr Festzelt Bräurosl abgeben. Sie will sich zukünftig auf ihren Stammbetrieb in Planegg konzentrieren. Tochter Daniela (37) plant mit ihrem Mann dort einen Neustart.

Das Bräurosl-Festzelt auf dem Oktoberfest München in Vor-Corona-Zeiten (Archivbild)

Wiesn-Beben in Corona-Krise

Seit dem Jahr 1901 ist die Pschorr-Bräurosl (6400 Plätze) auf der Wiesn vertreten – damals das erste Zelt mit elektrischer Beleuchtung. Seit 1936 hatte die Familie Heide das Festzelt geführt, mittlerweile in der dritten und vierten Generation. Das Zelt stand im vergangenen Jahr zum letzten Mal in seiner bisherigen Form auf der Theresienwiese: Heuer sollte es runderneuert aufgebaut werden – dafür gab’s sogar schon aufwändige Arbeiten für neue Fundamente auf der Theresienwiese. Jetzt ist der Neustart wegen Corona auf 2021 verschoben, und die neue Bräurosl wird dann auch einen neuen Wirt haben. Die Familie Heide beantragt nach tz-Informationen keine Wiesn-Zulassung mehr.

Die Hintergründe für diese Entscheidung sind vielfältig. Zum einen fehlen Wirt Georg Heide die Wiesn-Einnahmen von heuer. Außerdem wären im nächsten Jahr hohe Investitionen im neuen Wiesnzelt angestanden. Das hätte zwar die Brauerei Hacker-Pschorr gebaut und gezahlt, aber auf die Familie Heide wären ebenfalls zusätzliche Kosten für neue Ausstattung wie zum Beispiel Küchengeräte zugekommen. 

München/Coronavirus: Oktoberfest-Wirt gibt auf - „Es ist ein Entschluss, mit dem...“

Entscheidend für den Wiesn-Ausstieg scheint aber das unkalkulierbare Risiko zu sein. Denn: Erst nach der offiziellen Zusage durch die Stadt, die traditionell im Mai erfolgt, können sich die Wirte gegen einen möglichen Ausfall des Oktoberfests versichern. Theoretisch zumindest. Praktisch scheint schon jetzt klar zu sein, dass kaum eine Versicherung die Verluste durch eine ­mögliche neue Pandemie übernehmen würde – auch für den Fall, dass den Wirten durch eine abgespeckte Version des Oktoberfests Verluste entstehen. Die Kosten für die Wiesn-Vorbereitung (Personal, Material), die traditionell schon Mitte Januar beginnt, wären daher im Fall einer Absage zum zweiten Mal in Folge verloren. Für ein Familien-Unternehmen könnte das existenzbedrohend werden.

Planungssicherheit gibt es also nicht. Nach tz-Informationen hat die Familie Heide deshalb schon jetzt entschieden: Die Wiesn wird ab sofort ohne sie stattfinden. „Natürlich sind alle traurig, dass das Kapitel Wiesn nach vielen Jahrzehnten nun endet. Aber es ist ein Entschluss, mit dem die Familie sich wohlfühlt“, sagt ein Insider. Denn die Familie habe ohnehin vorgehabt, ihren Betrieb umzustrukturieren: Ihre ganze Kraft und Leidenschaft soll nun in das traditionsbewusste Wirtshaus Heide-Volm in Planegg (Kreis München) fließen, das die Familie seit 1931 führt. 

München/Coronavirus: Weg von der Wiesn – und Vollgas in der Heide-Volm

Die Eheleute Georg und Renate Heide ziehen sich dort nach tz-Informationen aus der Geschäftsführung zurück und übergeben die Leitung an Tochter Daniela (37) und Schwiegersohn Pascal (37), die auch schon Verantwortung auf der Wiesn getragen haben – Daniela im Management und Pascal als Küchenchef der Bräurosl. „Der Plan, die Heide-Volm neu auszurichten, stand ohnehin“, sagt der Insider. „Mit Corona hatte das nichts zu tun.“ Doch die unsichere Lage durch das Virus hat die Familie nun darin bestärkt, neue Wege zu gehen: Weg von der Wiesn – und Vollgas in der Heide-Volm. Die Mitarbeiter des Restaurants haben gestern auf einer Betriebsversammlung von dem Plan erfahren.

Bräurosl-Wirt Georg Heide (v.l.) mit Frau Renate und Tochter Daniela (r.) im Jahr 2018 beim Einzug der Wiesnwirte im Jahr 2018

Spannend wird nun, wen Hacker-Pschorr als Nachfolger Georg Heides für das Oktoberfest 2021 vorschlägt. Die Bräurosl ist nämlich – anders als etwa die Schottenhamel-Festhalle oder der Marstall – ein brauereigebundenes Zelt, bei dem das Unternehmen einen Wirt auswählt und ihn dann bei der Stadt vorschlägt.

Das Münchner Oktoberfest fällt in diesem Jahr zwar aus - Ende Juli startet allerdings der „Sommer in der Stadt“. Hier stellen wir die Attraktionen der Mini-Wiesn vor.

Stichwort Bräurosl 

Die Pschorr-Bräurosl ist eines der großen -Zelte auf dem Oktoberfest. Viele Stammgäste aus München und der Region schätzen die gemütliche Atmosphäre. Die Bräurosl ist aber auch international bekannt: Zur ganz besonderen -Mischung aus -Tradition und Moderne gehören hier unter -anderem eine hauseigene -Jodlerin und die beliebte Rosa Wiesn am Gay Sunday. Ausgeschenkt wird - logisch - Hacker-Pschorr. Das wird auch bei der nächsten Wiesn so sein - dann allerdings in einem komplett neu aufgebauten Zelt.

Eine große Geschichte geht zu Ende 

Was für die Familie Heide ein Neuanfang ist - nämlich die Konzentration aufs Restaurant Heide-Volm -, ist für viele Wiesn-Gäste das Ende einer langen Geschichte. Erinnerungen werden wach an Georgs Vater Willy Heide († 91): Mit seinen 1,57 Metern galt er als kleinster Großgastronom der Stadt - wobei seine Weggefährten vor allem immer das riesige Herz des Mannes erwähnten, der von 1984 bis 2001 auch Sprecher der Wiesnwirte war. 

Er und seine Familie vergaßen nie, vor dem Oktoberfest um den Segen von oben zu bitten: Die Kerzenweihe in Maria Eich bei Planegg gehörte auch nach dem Tod Willy -Heides im Jahr 2011 immer zu den festen Ritualen vor dem größten Volksfest der Welt. 

*tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Felix Hörhager

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