Ein Viertel verändert sein Gesicht: Die roten Gebäude solle n neu entstehen, die blau markierten aufgestockt werden.

Flächen werden versiegelt, Bäume gefällt

Anwohner protestieren: Fürstenried West schießt in die Höhe

  • Andrea Lindner
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Gebäude werden aufgestockt, durch Anbauten ergänzt, andere ganz neu hochgezogen: Es wird viel passieren in Fürstenried West. Die Anwohner protestieren.

München - Die Anwohner der Appenzeller Straße, der Forst-Kasten-Allee, der Graubündener Straße, der Zuger Straße und der Bellinzonastraße sind unzufrieden. Unzufrieden mit den Planungen der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) in ihrem Viertel. Denn die will nicht nur ihre Gebäude dort aufstocken und neue Hochhäuser bauen (mehr als 14 Stockwerke), sondern auch ein bestehendes Haus abreißen. Außerdem sind die Nachbarn entsetzt, weil laut der aktuellen Planung viele Flächen versiegelt und 184 Bäume gefällt werden sollen. Obendrein drohe ein Verkehrschaos, befürchten sie. Denn es sollen nach der neuesten Planung nicht mehr nur 540, sondern 660 neue Wohnungen in dem Areal rund um die Appenzeller Straße entstehen – und damit noch mehr Menschen in das Viertel ziehen. Die Anwohner treibt die Sorge, dass die Infrastruktur diese Menschen nicht aufnehmen kann.

Die BVK hingegen sieht mit dem Bauvorhaben auf dem 13,5 Hektar großen Areal eine Möglichkeit, in München dringend benötigten Wohnraum im mittleren Preissegment zu schaffen. Der Kritik tritt die BVK zum Beispiel mit ihren Planungen zur Infrastruktur entgegen: Es sollen drei neue Kitas sowie ein Supermarkt an einem Quartiersplatz errichtet werden.

Anwohner kritisieren Nachverdichtung harsch

Alle Beteiligten haben noch Zeit, ihre Anliegen vorzubringen, bevor die Bauarbeiten losgehen: Mit einem Baubeginn vor 2022 ist nicht zu rechnen. Im Moment befindet sich das komplette Bauvorhaben in einer Phase, in der die Beteiligten über den Bebauungsplan informiert werden und jeweils zu einer Stellungnahme aufgefordert werden. Er rechne im Herbst mit der Billigung des Bebauungsplans durch die Stadt, so Daniel Kubitscheck von der BVK.

Die Anwohner – allen voran die Mitglieder des Vereins „Pro Fürstenried“ – kritisieren die Nachverdichtung jedoch harsch. Sie haben Angst, dass ihr Viertel zubetoniert wird. Die Straßen seien jetzt schon überlastet und die U-Bahn oft überfüllt. „Wir befürchten, dass wir Anwohner das unserer Meinung nach kurzsichtige Vorgehen der Stadt auf Jahre hinaus ausbaden müssen“, sagt Andreas Art von der Bürgerinitiative. Nicht nur die stark gestiegene Zahl der Wohnungen (von 540 auf 660) stört die Anwohner, auch die geplanten Parkplätze im Naturschutzgebiet, die Tiefgaragen-Zufahrten an der Bellinzonastraße, der Parkplatzschlüssel von nur 0,53 pro Wohnung und der Wegfall des Fahrradwegs an der Forst-Kasten-Allee. „Das ganze Vorhaben überfordert die Infrastruktur, da wird aber keine Rücksicht drauf genommen“, sagt Art von „Pro Fürstenried“. Die plötzliche Erhöhung der Wohnungszahlen, der Plan, jetzt doch bestehende Wohnungen zum Teil abzureißen, sieben Jahre Umbau im Bestand – „das ist alles Bürgerverarsche“, schimpft Art. „Denen geht es doch nur um Gewinnmaximierung!“

„Die rennen nur der Planung hinterher“

Die Bürgerinitiative kritisiert jedoch nicht nur die BVK, sondern auch den Bezirksausschuss Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln (BA). „Die rennen nur der Planung hinterher. Ich wünsche mir da mehr Kritik, mehr Widerstand“, sagt Art. „Aber ich habe das Gefühl, denen geht es nur um die neuen Wohnungen.“ Die Bürgerinitiative kritisiert, dass die Stellungnahme des BA aus „nicht konkreten Pauschalaussagen“ zu einem Bauvorhaben besteht, das „dramatische Verschlechterungen der Lebensqualität von so vielen Menschen zur Folge haben wird.“

Geht es nach dem BA, muss an dem aktuellen Plan in der Tat gar nicht viel geändert werden. In der Stellungnahme, die die Lokalpolitiker jüngst beschlossen haben, ist jedenfalls nicht viel Kritik zu finden. An einer Stelle wird die Überbauung des kompletten Gehwegs ab dem zweiten Stock abgelehnt, da sie „in keinster Weise gebietstypisch“ sei. Beim Thema Bürgerbeteiligung fordert der BA, dass auf „alle Einwendungen detailliert geantwortet wird“. Allerdings sei zu befürchten, dass bei der bereits sehr konkreten Planung Einwände kaum mehr berücksichtigt werden und der Bürgerwille außen vor bleibt, heißt es in der Stellungnahme.

Lediglich in Bezug auf die Prognosen zum Verkehr kritisieren die Lokalpolitiker die „völlig unrealistischen“ Annahmen. So werde zum Beispiel auf der Neurieder Straße keine Verkehrszunahme prognostiziert. Die CSU-Fraktion warnte die anderen BA-Mitglieder eindringlich vor einem möglichen Verkehrskollaps. Doch der dringend benötigte Wohnraum – wie viele Lokalpolitiker betonten – scheint am Ende zu überwiegen. Grüne und FDP sehen das Projekt besonders positiv. So lobt der BA in der Stellungnahme den Quartiersplatz „mit Einzelhandel, Gewerbe, Mobilitätsstation und sozialen Angeboten“, die Dachgärten und Dachbegrünung sowie die „Aufwertung bestehender Freiflächen, Spielplätze und Erholungsflächen.“

Ab 2022 wird gebaut

Laut BVK wird wahrscheinlich ab 2022 gebaut. Ab dann wird es gravierende Einschnitte geben: Einige Mieter müssen komplett ausziehen. Die BVK erklärt dazu: „Die Betroffenen haben einen Anspruch, nach der Baumaßnahme wieder an die alte Adresse zurückzukehren.“ Auf Wunsch könnten sie allerdings auch „in den Ersatzwohnungen bleiben“.

Die Anwohner sehen noch Hoffnung, denn auch wenn der Billigungsbeschluss im Herbst 2019 vorliegen sollte, können sie weiterhin Kritik äußern. „Nach Prüfung der Äußerungen und Anregungen wird dem Stadtrat das Planungskonzept erneut zur Entscheidung (zum Satzungsbeschluss) vorgelegt. Erst dann kann der Bebauungsplan in Kraft treten“, erklärt Thorsten Vogel vom Planungsreferat. Die Bürgerinitiative wird weiter versuchen, den Bau nach dem jetzigen Plan zu stoppen: „Im besten Fall wird gar nicht gebaut“, sagt Art. Und: Sie hätten schon viel erreicht. „Ohne uns wäre das schon lange alles durch. Die BVK ist auf jeden Fall unglücklich, dass es uns gibt.“

Andrea Lindner

München kämpft gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum. Ein aktueller Bericht aus dem Sozialreferat zeigt alarmierende Zahlen.

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