Wer beerbt Gauweiler?

Wahlkreis München-Süd: Das sind die Direktkandidaten für die Bundestagswahl

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Am 24. September wird auch im Wahlkreis München-Süd der neue Bundestag gewählt. Hier finden Sie die Direktkandidaten.

Alle Kandidaten: Sie wollen für München in den Bundestag

München - Im Süden geht es ums Erbe Peter Gauweilers: Seit 15 Jahren war der Wahlkreis 219 fest in der Hand des CSU-Querdenkers. Bis dieser in der vergangenen Legislaturperiode etwas zu quer dachte und aus Ärger von seinem Mandat zurücktrat. Seitdem muss der Wahlkreis zwischen Sendling und Solln ohne direkt gewählten Abgeordneten auskommen. Jetzt streiten sich zehn Bewerber ums direkte Ticket nach Berlin. Die größten Chancen rechnen sich Stadtrat Michael Kuffer (CSU) und Sebastian Roloff (SPD) aus. Würde der Sozialdemokrat direkt in den Bundestag gewählt, wäre das ein Paukenschlag. Zuletzt gelang es Christoph Moosbauer im Jahr 1998, den Münchner Süden für die SPD zu erobern.

Bei der vergangenen Bundestagswahl waren die Verhältnisse klar: Platzhirsch Peter Gauweiler holte das Direktmandat mit souveränen 43,3 Prozent der Erststimmen, sein SPD-Kontrahent Christian Vorländer musste sich mit 28,5 Prozent zufrieden geben. Einen Achtungserfolg konnte der Grüne Jerzy Montag erringen. Der langjährige Bundestagsabgeordnete hatte 11,4 Prozent der Stimmen für sich verbucht. Trotzdem reichte Platz 16 auf der Landesliste nicht für den Wiedereinzug in den Bundestag. Anders bei der Linken Nicole Gohlke. Sie sitzt seit 2009 im Parlament und ist auch heuer mit einem sicheren Listenplatz versorgt.

Das müssen Sie zur Bundestagswahl 2017 wissen.

Besonders interessant dürfte die Frage werden, wie der AfD-Kandidat Wolfgang Wiehle abschneidet. Der ist ein AfD-Mitglied der ersten Stunde. Bei der letzten Bundestagswahl vor vier Jahren konnte sein Vorgänger Andre Röhm 3,0 Prozent der Wähler für sich überzeugen.

Hier finden Sie alle Kandidaten des Wahlkreises München-West,

Michael Kuffer (CSU)

In den vergangenen Wochen und Monaten musste sich Michael Kuffer im Stadtrat immer häufiger einen ständig wiederkehrenden Satz anhören: „Gottseidank sind wir Sie ja jetzt bald los.“ Man freue sich auf den Tag, an dem der CSU-Mann vom Münchner Stadtrat nach Berlin in den Bundestag wechselt.

In München hatte Kuffer zuletzt für Aufsehen gesorgt, als er für das Hauptbahnhofviertel einen bewaffneten kommunalen Sicherheitsdienst forderte. Für ihn kein Populismus, sondern eine pure Notwendigkeit angesichts der Kriminalität rund um den Hauptbahnhof. „Eine Millionenstadt wie München muss das in den Griff bekommen“, sagt er. Tut sie ja auch, sagen seine politischen Gegner und zeigen sich mitunter genervt. Kuffer übertreibe maßlos, wird ihm entgegengehalten, er schüre Hysterie und befördere Ängste. Selbst die Polizei bewertet Kuffers Vorstöße kritisch. 

„Das treibt mich an.Ein Politiker muss unbequem sein.“ - Kuffer über die Kritik an ihm.

Kuffer stört diese Kritik nicht. Im Gegenteil: „Das treibt mich an. Ein Politiker muss unbequem sein.“ Wenn er das Wort ergreife, tue er dies ja schließlich nicht, „damit sich der Stadtrat gut fühlt, sondern für die Wähler“, erklärt der 45-Jährige. Da handele er ganz im Sinne eines Leitspruchs von Peter Gauweiler: „Ein Politiker, der nicht umstritten ist, taugt nichts.“

Michael Kuffer sagt, FDP-Chef Christian Lindner sei ein interessanter Typ. Die Partei müsse aber auch mal zeigen, „was ihr Kern ist“. Was die Grünen betrifft, meint der seit 2008 dem Stadtrat angehörende Politiker: „Ich mag deren Ideen, aber nicht deren Missionierungswillen.“ Die Frage sei ohnehin, ob die politische Schnittmenge mit den Grünen so groß sei, „dass es für eine stabile Regierung reicht“. Das Zuwanderungsthema begünstige nicht gerade ein schwarz-grünes Bündnis.

Kommunalpolitisch setzt sich der CSU-Kandidat im Süden ferner dafür ein, bei allem Wachstum die „liebenswerte Seite Münchens“ zu erhalten. Wenn es Proteste aus der Bevölkerung gegen neue Wohnbaugebiete gebe, sollten diese zusammen mit Bürgerinitiativen entwickelt werden. Er stelle häufig fest, den Menschen sei am Wichtigsten, dass sich neue Architektur verträglich in die Umgebung einfüge. Dafür könne die Stadt dann höhere Dichten zulassen. „Wir brauchen mit den Münchnern einen New Deal in der Stadtplanung“, drückt es Kuffer mit einem Anglizismus aus.

Kuffer soll Gauweilers Nachfolge als Wahlkreisvertreter im Münchner Süden antreten. Dass er das Mandat erobern wird, daran zweifeln die Wenigsten. doch eine Wohnung in Berlin hat der Wahlkreis-Favorit noch nicht. „Da bin ich extrem abergläubisch“, sagt er.

Sebastian Roloff (SPD)

Sein Widersacher von der SPD, Sebastian Roloff, kämpft indes unverdrossen weiter. „In München gibt es nie ein aussichtsloses Rennen“, sagt er. Und er glaube auch nicht, dass Kuffer aufgrund seiner medienwirksamen Kampagnen bekannter und beliebter geworden ist. „Diesen Eindruck habe ich bei meinen Veranstaltungen nicht.“

Roloff über seine Chancen: „In München gibt es kein aussichtloses Rennen“

Der 34-Jährige ist wie Kuffer gelernter Jurist und in dieser Eigenschaft derzeit bei der IG Metall beschäftigt. Roloff ist ein junger SPD-Mann, der mit sozialpolitischen Themen sein Profil zu schärfen versucht: Eine rigide Anwendung der Mietpreisbremse, höhere Steuern auf Spekulationsgewinne – mit diesen Themen will er punkten.
Was seinen Wahlkreis im Süden betrifft, hat er unlängst noch das Grünwalder Stadion als Thema entdeckt. Die Stadt müsse eine Erhöhung der Zuschauerkapazität in der Kultstätte auf Giesings Höhen über die geplanten 15.000 hinaus ermöglichen, fordert er. Die Löwen-Fans werden es gerne hören. 

Eine Ampel oder Rot-Rot-Grün – für Roloff wäre prinzipiell beides denkbar. Allein eine Mehrheit dafür ist derzeit in weiter Ferne. Sebastian Roloff kündigt bereits vorsorglich an, sollte es diesmal mit dem Direktmandat nicht klappen – über die Liste ist er nicht abgesichert – werde er in vier Jahren wieder antreten.

Thomas Sattelberger (FDP)

Es gibt eine Geschichte im Leben des Ex-Telekom-Managers Thomas Sattelberger, 68, die sollte man kennen. Als junger Student gründete der Mann, der heute für die FDP in den Bundestag will, den Kommunistischen Arbeiterbund der Marxisten und Leninisten mit. 1971 schmissen sie ihn raus, weil er Joschka Fischer getroffen hatte. „Joschka war für die ein autonomer Kleinbürger, der war nicht links genug.“ Sattelberger begann eine duale Ausbildung bei Daimler-Benz.

Geblieben sei ihm eine Abneigung gegen vernagelte Ideologen, sagt er. Politiker ist Sattelbeger seit 2014. Vorher saß der Diplom-Volkswirt im Vorstand von Lufthansa, Continental und Telekom, dort hat er die 30-Prozent-Frauenquote initiiert. Diese „andere Perspektive“ will er jetzt im Bundestag einbringen. „Ich wäre der einzige ehemalige Topmanager, der im Bundestag sitzen würde.“ Das sei der „altruistische Grund“ für seine Kandidatur. Der egoistische sei: „Ich bin noch nicht durch.“

Die Leidenschaft packt Sattelberger, wenn er über Politik spricht: „Wie werden wir wieder ein Land der Ideen? Wie werden wir attraktiv für Experten aus aller Welt? Wie schaffen wir nicht bloß bessere Pisa-Ergebnisse – sondern mehr Kreativität? Wie bringen wir die Gründerszene nach vorn?“ Der Ex-Manager Sattelbergersagt: „Innovation kommt nicht von alten Riesen – sondern von außen!“ 2013 sei schlimm gewesen für die FDP – „aller Würde entkleidet“. Ihm imponierte aber, wie sich die Partei selbst aus dem Schlamm gezogen habe. Im November 2014 schrieb er eine SMS an Christian Lindner: „Lieber Herr Lindner, ich würde Ihnen gern helfen!“

Heute steht Sattelberger auf Listenplatz 5 – er hat gute Chancen. Lindner sei für ihn der „erfolgreichste Politiker Deutschlands“. Für jeden Politiker hat Sattelberger einen Rat: „Zwei Wochen Sterbehospiz, eine Woche Schweigen im Kloster. Sich besinnen: Was ist Menschsein?“ Im Wahlkampf sei es klug, alles auf Lindner zu setzen. „Nach der Wahl muss damit Schluss sein. Wir müssen es auf breitere Beine stellen. Wir haben tolle Talente!“ Er sagt es nicht, aber er meint damit wohl auch einen 68-jährigen Ex-Manager.

Nicole Gohlke (Die Linke)

Eine Linke in Bayern gilt immer noch als exotisches Gewächs. „Dabei sind wir in den Städten mittlerweile gut verankert“, sagt Nicole Gohlke, die im Münchner Süden als Direktkandidatin für ihre Partei Die Linke antritt. Seit 2009 sitzt die 42-Jährige im Parlament und ist mit Platz Zwei der Landesliste gut abgesichert. Trotzdem kämpft sie entschlossen um die Stimmen in ihrem Wahlkreis. „Jede Stimme für mich werte ich auch als Bestätigung für das, was ich persönlich in Berlin in den letzten Jahren gemacht habe“, sagt Gohlke.

Mit ihren Themen ist die streitbare Politikerin dabei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Das Hauptproblem in München sind nun mal die hohen Mieten – und die treffen die Mittelschicht“, sagt Gohlke energisch. Der Lehrer, der junge Arzt, der Facharbeiter – auch für sie sei das Leben in der Stadt längst unerschwinglich geworden. „Eine Mietpreisbremse darf nicht nur aus Ausnahmen im Sinne der Vermieter bestehen“, ärgert sich Gohlke über den Kompromiss der Groko. „Wir wollen eine bundesweite, flächendeckende Mietpreisbremse mit einer festen Obergrenze“, sagt Gohlke.

Das Ziel ist klar: „Wir wollen die stärkste Kraft in der Opposition werden.“ Zur Politik ist die zierliche 41-Jährige durch den Protest gekommen. In den 90er-Jahren engagierte sie sich gegen den Golfkrieg und brennende Asylbewerberunterkünfte. Als Studentin organisierte sie den Protest gegen G8 in Genua und war bei den großen Bildungsstreiks dabei. „Das volle Programm – von der Volksküche bis zum Plenum, vom Flugblattschreiben bis zum Marx-Lesekreis“, erinnert sich Gohlke.

Heute weiß sie als Mutter einer dreijährigen Tochter von den Sorgen und Nöten junger Familien in München. „Wir haben natürlich auch keinen städtischen Krippenplatz bekommen“, sagt Gohlke. Sind die Forderungen ihrer Partei nicht zu radikal? „Das empfinde ich anders. Wir wollen die Fehlentwicklungen der letzten 30 Jahre korrigieren, und zwar nicht nur in Nuancen, sondern so, dass es die Menschen auch merken“, sagt Gohlke. „Und wir sagen wenigstens, woher wir das Geld nehmen wollen.“

Wer noch im Wahlkreis München-Süd antritt

  • Peter Heilrath (48) liebt München vor allem wegen seiner Vielfältigkeit. Würde der Rechtsanwalt und Filmproduzent als Münchner Bundestagskandidat für die Grünen gewählt werden, möchte er sich in Berlin für eine sauberere Luft einsetzen. „Der Bund ist mit in der Verantwortung, fürsaubere Luft in den Städten zu sorgen.“ Dazu gehören für ihn neue Zulassungs- und Prüfvorschriften.
  • Günther Görlich (55) kandidiert als Bundestagskandidat für die Freien Wähler und möchte, sollte er gewählt werden, die Lebenssituation von Pflegebedürftigen, deren Angehörigen und die Arbeitsbedingungen der Betreuer verbessern. Neben seinen Schwerpunkten, den Senioren-, Betreuungs- und Pflegethemen, möchte der Politologe den Münchner Wohnungsmarkt verbessern.
  • Die Fokusthemen des Bundestagskandidaten Michael Schabl von der ÖDP sind der Klimaschutz insbesondere die Energiewende. Der 35-Jährige fordert eine schnellstmögliche Abschaltung aller Kohlekraftwerke – ähnlich der ÖDPForderung in München bis zum Jahr 2022. Und die Wiederaufnahme einer ambitionierten Energie- und Verkehrswende über Kontakte zu den Verantwortlichen in allen Parteien.
  • Christian Haas (49) liebt an seinem Viertel Untergiesing besonders die Nähe zur Isar. Würde der IT-Berater für die Piratenpartei nach Berlin geschickt, würde er sich besonders für die Themen Digitalisierung und Datenschutz einsetzen. „In München sind viele Hightech-Firmen angesiedelt“, so Haas. „Die Grundlagen für Neuland müssen jetzt geschaffen werden, dass diese Firmen auch in München bleiben.
  • Der 37-jährige Alexander Müller aus Sendling tritt als Bundestagskandidat für die Bayernpartei an. Der Sachbearbeiter fordert, dass München nicht länger als Zahlmeister für Berlin fungieren dürfe. „Dafür sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen“, so Müller. Im Bereich der Integration von Flüchtlingen sei es wichtig „die Menschen mit dauerhafter Bleibeperspektive intensiv und konsequent mit unseren Werten vertraut zu machen“.
  • Der 52-jährige Bundestagskandidat Wolfgang Wiehle (AfD) schätzt an seinem Viertel Obersendling den heimatlichen Charakter. Doch diesen sieht der Diplom-Informatiker durch vielerlei Entwicklungen bedroht. „München wächst schnell, und seine Infrastruktur muss mitwachsen“, sagt Wiehle. Die Bundesregierung müsse die richtigen Rahmenbedingungen setzen, wie beispielsweise die Zuwanderung besser steuern.

Bundestagswahl 2017: Hier finden Sie am Wahlabend die Ergebnisse des Wahlkreises München-Süd.

Lesen Sie auch die Portraits der Kandidaten aus den anderen Münchner Wahlkreisen: 

Wahlkreis München-Nord: Das sind die Bundestagskandidaten im Münchner Norden

München-Ost: Das sind die Kandidaten für die Bundestagswahl 

Wahlkreis München-West: Das sind ihre Direktkandidaten 

Rubriklistenbild: © dpa

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