+
Andreas Knieriem füttert eine Giraffe. Sie bekommt ein ganz neues Haus.

Hellabrunn erfindet sich neu

München - Der Tierpark Hellabrunn steht vor umwälzenden Veränderungen. „Zurück zum Geo-Zoo", hat der neue Chef Andreas Knieriem als Losung ausgegeben.

Die Verschiebung ganzer Erdteile soll den Zoo interessanter und den Westteil am Isareingang ungleich attraktiver machen. Kaum eine Tierart wird bleiben, wo sie ist.

Ein großer Plan von Hellabrunn hängt im Konferenzraum der Tierpark-Verwaltung. Magnetkarten kennzeichnen die Gehege. „Tiger“ steht darauf, „Löwen“, „Giraffen“ oder „Geparden“. Ein Handgriff, und die Tiger ziehen um. Wohin? Das ergründen Tierpark-Chef Andreas Knieriem und sein Team seit Monaten in immer neuen Szenarien. Ihr Ziel: Hellabrunn soll wieder zum Geo-Zoo werden, der die Erdteile und ihre Fauna in zusammenhängenden Bereichen abbildet.

Der Münchner Zoo war 1911 als weltweit erster Geo-Zoo gebaut worden, doch im Lauf der Zeit verwischten die Konturen: Die afrikanischen Giraffen teilen sich ein Haus mit den indischen Elefanten, die Löwen haben den südamerikanischen Jaguar als Nachbarn, die Dorkasgazellen (Afrika) findet man bei den Kamelen (Asien). Der Geo-Zoo, obwohl in der Satzung verankert, sei nur mehr „ein Etikettenschwindel“, schimpft Knieriem.

Die dringend nötige Sanierung des Elefantenhauses (wir berichteten) bietet nun den Anlass zu einer umfassenden Neuordnung, die mit einem Knalleffekt beginnt: Afrika zieht an die Isar. Am Isar-Eingang, der die Besucher bisher mit unspektakulären Tierarten wie Auerochse, Damhirsch und Gams empfängt, wird’s exotisch, und den Anfang machen die Giraffen.

Die eleganten Tiere sind bisher im Elefantenhaus extrem beengt untergebracht. Für sie plant Knieriem ein neues, großzügiges Haus hinter dem Auerochsengehege, wo jetzt noch ein Material-Lagerplatz ist. Drei Millionen Euro soll es kosten. „Das ist wenig für Hellabrunner Verhältnisse“, sagt Knieriem mit Blick auf das fast fünfmal so teure Urwaldhaus. Er wolle einfacher und energiesparend bauen - ein Haus, das zwar durchaus gut anzusehen sei, „aber nicht so prominent. Ich will mit den Besuchern nicht über das Thema Gebäude diskutieren, sondern über das Thema Giraffen.“

Die Auerochsen-Anlage soll Giraffen und Antilopen dann als Freifläche zur Verfügung stehen - zehn Mal so viel wie jetzt“, schwärmt Knieriem und versichert, die Auerochsen kämen mit weniger Fläche an anderer Stelle gut aus.

Von den Giraffen aus wird sich Afrika an der Isar entlang nach Süden ziehen. Im Sommer will Knieriem dem Aufsichtsrat ein Konzept vorlegen. Doch Ideen hat er jetzt schon zuhauf: Wo derzeit die Elche grasen, ließe sich mit wenig Aufwand Auslauf für die Geparden schaffen. Und die Bärenanlage könnte ebenso gut Löwen aufnehmen. Deren derzeitiges Gehege, obwohl relativ neuen Datums, sei viel zu klein, sagt Knieriem. Für die beiden hochbetagten Löwinnen reiche es aus. „Aber ein neues Rudel traue ich mich da gar nicht reinzusetzen. Es gibt keinerlei Rückzugsflächen.“

Während Afrika also in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in den Westen rücken soll, bleibt das Elefantenhaus im Osten Zentrum des Parkteils Indien. Europa könne sich an den in die Jahre gekommenen Kinderzoo anschließen, den Knieriem dringend modernisieren möchte - weg vom dunkelgrünen Bunker-Flair, hin zu einem Bauernhof-Ensemble. Als Revolution will Knieriem seinen 20-Jahres-Plan keinesfalls verstanden wissen. Eher als Rückkehr zu den Wurzeln. Meist bedürfe die Neuordnung keiner großen Umbauten. Gebäude und Gehege seien für eine Vielzahl von Tierarten geeignet. Von einigen wenigen Tierarten werde man sich wohl trennen müssen, um andere umso schöner präsentieren zu können.

Zunächst einmal muss allerdings das baufällige Elefantenhaus saniert werden. Die Giraffen, deren neues Haus nicht vor 2012 fertig wird, werden dazu in einen Behelfsbau gleich nebenan auf dem Freigehege der Pinselohrschweine umziehen. „Das hat den Vorteil, dass sie ihr Freigehege weiter nutzen können“, sagt Knieriem. „Gerade bei den Giraffen ist das wichtig, weil sie auf Veränderungen sehr empfindlich reagieren. Auch die Elefanten werden ausquartiert - ausgerechnet in der Zeit, in der zwei Kälber zur Welt kommen sollen (siehe Kasten). Hinter dem Elefantenhaus, auf dem Freigehege der Bullenanlage, beginnt in Kürze der Bau einer Behelfsunterkunft. „Weniger als eine Million“ will Knieriem für beide Provisorien ausgeben, „und ein Großteil wird wiederverwendbar“.

Neue Ordnung im Zoo, eine bessere Fläche mit Zuschauer-Sitzplätzen für Vogelschauen, Verbesserungen im Aquarium, mehr Kassen, um Warteschlangen zu verkürzen - Knieriems Wunschliste ist lang. Doch er weiß, dass es lange dauern wird, all das zu verwirklichen, auch wenn es alles in allem nicht teurer werde als die Großbauten der vergangenen zehn Jahre. Die Bau-Reserve ist nach diesen Großprojekten aufgezehrt, um mehr Geld will der Tierpark-Chef die Stadt nicht bitten. Schon die acht bis zwölf Millionen Euro teure Sanierung des Elefantenhauses wird nur mit einer außerordentlichen Finanzspritze aus dem Stadtsäckel zu stemmen sein.

Doch auch mit wenig Aufwand lässt sich viel bewirken: Gerade ist am Pelikangehege ein kleiner Balkon fertig geworden, der die Besucher ganz nah an die großen Vögel heranlässt. Im künftigen Giraffen-Gehege könnte ein erhöhter Weg die Besucher auf Augenhöhe mit den Tieren bringen.

Im Ranking der großen europäischen Zoos liegt München unter den zehn besten. Da gehöre Hellabrunn auch hin, ist Knieriem überzeugt. Und zwar ganz weit vorn.

Peter T. Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mann beschwert sich über lärmenden Nachbarn - als die Polizei anrückt, wird er selbst verhaftet
Dieser Hilferuf ging ins Auge. Ein Münchner der sich bei der Polizei über einen Nachbarn beschwert hat, sitzt nun selbst vorm Ermittlungsrichter.
Mann beschwert sich über lärmenden Nachbarn - als die Polizei anrückt, wird er selbst verhaftet
Flixbus brennt komplett aus: Zeuge schildert drastische Szenen
Ein Flixbus geriet am Freitagmorgen im McGraw-Graben in Vollbrand. Der Bereich war großräumig abgesperrt. Die Ermittlungen dauern an.
Flixbus brennt komplett aus: Zeuge schildert drastische Szenen

Kommentare