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So werden die Tiere nun gesäubert.

Besonderer Kontakt

Tierpark Hellabrunn: So funktioniert die Zusammenarbeit mit den Elefanten

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Im Tierpark Hellabrunn gibt es zwischen den Pflegern und den Elefanten einen ganz bestimmten Kontakt. Wir haben dem Tierpark einen Besuch abgestattet.

München - Als die Hellabrunner Elefanten am 28. Oktober 2016 in das renovierte und umgebaute Elefantenhaus zurückkehrten, brach eine neue Ära an: Die Pfleger betreuen die Dickhäuter seither im sogenannten geschützten Kontakt. Zwischen Mensch und Tier muss immer eine Barriere sein. Was anfangs gar nicht so einfach war, hat sich inzwischen eingespielt. Ein Besuch beim täglichen Morgentraining.

So werden die Tiere nun gesäubert.

Hellabrunn, acht Uhr morgens. Noch gehört das Elefantenhaus den Dickhäutern. Musik aus der Rocky Horror Picture Show schallt durch die Halle mit der riesigen Glaskuppel, die Elefantendamen Panang, Mangala und Temi stehen ungeduldig in ihren Abteilen. Das Morgentraining steht bevor.

Die Musik stoppt und die Gittertore zwischen den Boxen schließen sich. Tierpfleger Navin Adami (46) tritt vor die mittlere Box und steckt einen Bambusstock mit einem kleinen Ball am Ende durch die Gitterstäbe. „Das ist das Target. Das müssen die Elefanten berühren“, erklärt Teamchef Andreas Fries (56). Mangala geht ein paar Schritte auf Adami zu und stupst den Ball mit der Rüsselwurzel an. Adami klickt mit einem kleinen Gerät – die Bestätigung, dass Mangala es richtig gemacht hat. Gleichzeitig wirft der Pfleger ein paar Brotstückchen auf den Boden, die Mangala routiniert mit dem Rüssel aufsammelt. Ein zweiter Bambusstock signalisiert der Elefantendame, dass sie sich seitlich ans Gitter stellen soll. Noch ein Kommando, und sie dreht sich nach rechts und wuchtet ihren linken Hinterfuß auf eine Stange, die in Hüfthöhe zwischen den Gitterstäben befestigt ist. Jetzt kann Fries die Fußsohle inspizieren.

Tierpark Hellabrunn: So funktioniert das mit dem „geschützten Kontakt“

Dass immer ein Gitter zwischen ihm und der schwergewichtigen Elefantendame ist, „das ist schon ein Einschnitt“, sagt Fries. Er hat es anders gelernt und jahrzehntelang praktiziert, war täglich auf Tuchfühlung mit seinen Schützlingen. Doch seit der Wiedereröffnung des Elefantenhauses ist „geschützter Kontakt“ angesagt. Auch für die Elefanten eine Umstellung. „Die haben gleich gemerkt, dass etwas anders ist“, berichtet Fries. Und es habe nicht lange gedauert, bis sie reagierten: „Die wissen: Es kommt keiner mehr rein in die Box. Also haben sie sich gefragt: Was passiert denn jetzt, wenn ich nicht mache, was der da draußen will?“

Etwas mehr für Verwirrung sorgten zuletzt Pelikane im Münchner Tierpark. So war der gefangene Vogel gar nicht der entflohene. 

Zähneputzen muss bei den Dickhäutern auch sein.

Noch mehr als früher sei man jetzt auf die Kooperation der Elefanten angewiesen, erzählt Fries. Diese Kooperation sichert er sich mit kleinen Tricks. Da sind die Brotstückchen, die es als Belohnung für jede Übung gibt, und da sind die Kisten mit Obst und Gemüse, die gut sichtbar auf einem Karren bereitstehen. „Die gibt’s hinterher, das wissen sie genau“, sagt Fries grinsend. Jede Kiste ist individuell gefüllt, denn die Damen sind Feinschmeckerinnen. „Mangala ist unsere Rohkosttante, die mag am liebsten Kohlrabi, Zucchini und Sellerie“, berichtet Fries. Panang würde Derartiges allenfalls zertreten und auf dem Boden verschmieren: Sie steht auf Süßes wie Äpfel, Karotten und Honigmelone. Und Temi, die Dritte im Bunde, liebt rote Rüben.

Tierpark Hellabrunn: Man muss ein geduldiger Beobachter sein

Und wenn selbst die Aussicht auf solche Leckereien nicht hilft und die Damen trotzig sind? Fries lächelt. Dann funktioniere meist, was auch bei einem trotzigen Dreijährigen wirkt: Nichtbeachtung. „Ich drehe mich ein paar Sekunden lang um. Danach machen sie meistens wieder mit“, sagt er.

„Man braucht Geduld beim geschützten Kontakt, und man muss ein guter Beobachter sein“, resümiert Fries. „Das kann nicht jeder Tierpfleger.“

Adami ist inzwischen mit Mangala fertig und öffnet das Gittertor zwischen der Trainingsbox und Temis Stall. Routiniert tauschen die beiden Elefantinnen die Plätze.

„Das war am Anfang eines der größten Probleme“, erinnert sich Fries: „Wenn die Elefanten in einen anderen Stall oder von drinnen nach draußen sollten, haben sie immer gewartet, bis ein Pfleger kommt und sie führt. Das waren sie eben so gewohnt. Und wenn sie mal nicht wollen, hat man sie früher eben am Ohr genommen und ein bisschen nachgeholfen.“ Jetzt dagegen hilft in solchen Fällen nur Geduld – einer der Gründe, warum im geschützten Kontakt mehr Personal gebraucht wird.

Tierpark Hellabrunn: Medizintraining ist wichtig

Ausgewogene Ernährung ist wichtig.

Während Adami nebenan Mangala mit dem Wasserschlauch abspritzt, übt Fries in der Trainingsbox mit Temi, der jüngsten der drei Dickhäuterinnen. „Das Medizintraining ist wichtig, damit wir zu Untersuchungen oder kleineren Behandlungen an die Tiere herankommen, ohne sie in Narkose legen zu müssen“, erläutert er. Auf Kommando spreizt Temi ihr linkes Ohr ab. „Dahinter verlaufen dicke Venen, da kann man gut Blut abnehmen“, sagt Fries. Einmal im Monat werden die Dickhäuterinnen zur Ader gelassen – unter anderem für einen Schwangerschaftstest.

Ganz ohne Körperkontakt geht es freilich auch im geschützten Kontakt nicht ab. Zum einen, weil die Tiere daran gewöhnt bleiben sollen, dass sie – zum Beispiel für eine Behandlung oder Untersuchung – angefasst werden. Zum anderen, weil eine über Jahre aufgebaute vertrauensvolle Beziehung nicht plötzlich an Gitterstäben endet. Und so bekommt Temi neben den Brotstückchen auch ein paar Streicheleinheiten von Fries. „Elefanten sind keine Schmusetiere, aber sie mögen den Körperkontakt schon. Sie berühren sich ja auch untereinander sehr viel“, sagt der 56-Jährige. Auch hier gebe es freilich individuelle Unterschiede: „Mangala schmust gern. Sie kommt her und legt den Kopf ans Gitter und lässt sich streicheln.“ Panang dagegen sei zurückhaltender geworden, seit sie sich anschickt, die Nachfolge der 2018 gestorbenen Herdenchefin Steffi anzutreten.

Tierpark Hellabrunn: Elefantenherde soll vergrößert werden

Die Damen verteilen ihre Gunst durchaus wählerisch: „Es kommt vor, dass Elefanten für einen Pfleger etwas tun, was sie für einen anderen nicht tun würden“, sagt Fries. Wenn zum Beispiel der Tierarzt zum Blutabnehmen komme, dann gehe das mitunter nur „mit einem bestimmten Pfleger, der ihr die Hand beziehungsweise den Rüssel hält“.

Ob er den Zeiten des direkten Kontakts mit den Dickhäutern nachtrauert? Fries denkt nach. „Es war schon toll“, sagt er dann. „Aber es ist in der Zeit auch viel passiert, Gott sei Dank nicht in Hellabrunn.“ Er selbst sei nie ernsthaft verletzt worden, sagt Fries, „aber ich habe viele meiner Kollegen in jungen Jahren verloren“. Die meisten seien verletzt oder getötet worden, als sie unversehens zwischen zwei streitende Elefanten gerieten – Kollateralschäden von Rangordnungskämpfen. „Es gab aber auch direkte Angriffe, wenn ein Elefant mit einem Pfleger eine Rechnung offen hat“, berichtet Fries. Das sei vor allem bei Bullen vorgekommen, die man früher ebenfalls im direkten Kontakt hielt. „Früher oder später sieht der Bulle den Pfleger als Rivalen an.“ Das Tückische: „Elefanten gehen so leise, die hört man nicht kommen, selbst im Laufschritt nicht“, sagt Fries. „Und der Rüssel ist immer ein Stück länger, als man denkt.“

Der geschützte Kontakt, so resümiert der erfahrene Pfleger, habe also durchaus seine Vorteile – auch im Hinblick auf die Rangordnungskämpfe, die absehbar sind, wenn die Hellabrunner Elefantenherde wie geplant vergrößert werden soll.

Auch auf die Elefanten, die früher sehr auf Menschen geprägt gewesen seien, wirke sich der geschützte Kontakt positiv aus, beobachtet Fries. „Sie laufen jetzt im ganzen Gehege herum, entscheiden selbst, wo sie sich aufhalten wollen, und unternehmen auch mehr untereinander“.

Die Tiere, sagt Fries, seien jetzt ausgeglichener. Das wiegt für ihn schwerer als die Wehmut angesichts trennender Gitterstäbe. „Es ist eben jetzt eine andere Zeit“, resümiert der Pfleger. „Ich sehe das als Chance, daran mitwirken zu können, etwas Neues zu entwickeln.“

VON PETER T. SCHMIDT

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