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„Wir sind kundenorientiert.“ Pater Stefan Maria Huppertz (r.) will neue Wege gehen. Bruder Stefan Walser (l.) unterstützt ihn dabei.

Eine Merkur-Anzeige wirbelt alles durcheinander

Münchens kleines Osterwunder in Sankt Anton

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München - Ostern ist für sie Dornenkrone und Champagner. Gläubige werben sie per Annonce. Und wichtig ist, dass der Mensch viel lacht. Eine Münchner Pfarrei geht in vielerlei Hinsicht neue Wege.

Starten wir mit einem kleinen Rätsel: Was haben ein Heimspiel des FC Bayern und ein katholischer Gottesdienst gemeinsam? Nun ja, bei beidem ist oft Alkohol im Spiel. In der Kirche Messwein, in der Allianz Arena Helles. An beiden Orten wird manchmal geweint, es werden Wunder herbeigesehnt, und im Winter friert man immer ganz furchtbar.

Aber das ist es nicht, was Pater Stefan Maria Huppertz, 38, meint. Er sitzt in seinem Pfarrbüro in der Kapuzinerstraße im Schlachthofviertel von München und erzählt, warum ihn letztes Jahr das Fußballspiel Bayern gegen Barcelona tief beeindruckt hat. Er hat ein Ticket geschenkt bekommen und saß mit seinem Plastikbecher-Bier auf der Tribüne. „Die Leute sind dauernd aufgestanden“, erzählt Pater Stefan. „Und ich habe gar nicht verstanden, warum.“

FC-Bayern-Spiel war Inspiration

Die Kirche St. Anton im Münchner Schlachthofviertel. Hier arbeiten und wirken Pater Stefan und Bruder Stefan.

Er kannte die Gesänge nicht. Er kannte die Rituale nicht, weder das Humbahumbatätära noch die lustige La-Ola-Welle. Er konnte die Aufregung und Begeisterung nicht nachvollziehen. Dem katholischen Pfarrer ist es ergangen wie vielen Kirchgängern in der Messe. Pater Stefan war mittendrin, aber nur halb dabei. Er war aufgeschmissen. Singen, aufstehen, klatschen, sitzen, singen, auch ein Fußballspiel hat genau wie eine katholische Messe eine feste Choreographie. „Es war schön“, sagt er, „aber fremd.“

Seit dem Stadionbesuch gibt er vor allem bei Hochzeiten oder Kommunionen, wo oft keine so geübten Kirchgänger dabei sind, kleine Regieanweisungen: „Wir machen jetzt eine Lesung und setzen uns hin“, solche Sachen sagt er. Es sind nur Kleinigkeiten, aber Pater Stefan, der dem Orden der Kapuziner angehört, will seine Kirche öffnen, er will neue Märkte erschließen und expandieren. Sein Produkt ist der Glaube, manchmal spricht er wie ein Betriebswirt, das ist spannend, das ist radikal. „Wir sind kundenorientiert“, sagt er zum Beispiel. Oder: „Die Kirche hatte lange eine Monopolstellung, die sie verloren hat. Das war ein heilsamer Schock.“

Die Kirche ist einer von vielen Dienstleistern für Sinnfragen geworden. Konkurrenten sind der FC Bayern, Yoga-Institute, Esoterik-Seminare im Chiemgau oder neuerdings die Schreihälse von Pegida. So sieht das der Pfarrer, der aus Oberhausen stammt und seit 2011 in München lebt. Er hat auch eine Facebook-Seite, auf der er sich mit den Gläubigen, mit Freunden und Interessierten austauscht. Als Berufsbezeichung hat er dort angegeben: „Seniormanager für Seelen und Glauben“.

St. Anton und St. Andreas als Projekt für das 21. Jahrhundert

Messe mit Plüsch-Palmesel: Bruder Stefan Walser, der 2015 zum Priester geweiht wurde, letzte Woche in St. Anton.

Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint. Doch es passt ins Bild dieser aufgeschlossenen Kirchengemeinde im Münchner Schlachthofviertel. Es ist nicht weniger als der Versuch, die Kirche ins 21. Jahrhundert zu führen. Oder um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Kirchen St. Anton und St. Andreas, wo Pater Stefan wirkt, kämpfen gegen den Nichtabstieg. Gegen die Bedeutungslosigkeit.
Ein erfolgsorientierter „Seniormanager für Seelen und Glauben“ würde vielleicht sagen: Die Kirchengemeinde muss endlich die Gewinnschwelle erreichen. Es muss mehr neue Gläubige beim Sonntagsgottesdienst geben als Austritte und Todesfälle.

Mit dieser Anzeige unter der Rubrik "Verschiedenes" in unserer Zeitung haben Pater Stefan und Bruder Stefan viel Aufmerksamkeit bekommen, aber auch Kritik.

Wer so denkt, wer keine Angst vor einer über 2000-jährigen Kirchengeschichte hat, sondern tiefen Respekt, dem bieten sich auf einmal völlig neue Wege. Dann kann man die Gedanken Purzelbaum schlagen lassen und schauen, was rauskommt. Bei Pater Stefan Maria Huppertz und Bruder Stefan Walser, 35, der gerade neben ihm sitzt, kam vor einigen Wochen bei einer Klausur in Salzburg die Idee einer Annonce raus. Eine Annonce in der Rubrik „Verschiedenes“, die sie in unserer Zeitung, der tz und der Süddeutschen aufgegeben haben. „Lebensnahe Kirche versuchen wir zu sein“, so stand es in der Zeitung. „Offen, katholisch, zugewandt, lebensnah.“

Die winzige Anzeige hat gigantische Wellen geschlagen, das Fernsehen war inzwischen bei Pater Stefan und Bruder Stefan. Es gibt kaum einen Tag, an dem sie nicht darauf angesprochen werden. Manche finden, auch Gläubige aus der Pfarrgemeinde: Das gehört sich nicht, eine Kirche, die neben den Anzeigen für Erotik-Massagen und Hundesittern, die gesucht werden, um Kundschaft wirbt. Aber die meisten sagen: super Aktion.

Große Resonanz nach Anzeige in der Zeitung

Kindergottesdienst: Die Kirchenbänke sind gut gefüllt, aber trotzdem ist noch viel Platz für neue Gläubige.

In der mächtigen Antoniuskirche an der Kapuzinerstraße haben mindestens 500 Menschen Platz, aber meistens ist nur ein Viertel besetzt. Da ist so eine Anzeige bestimmt kein falscher Weg, so sehen es die meisten aus der Pfarrei. Es gibt hier auch Sonntagsmessen für Ausgeschlafene, die beginnen immer erst um 12 Uhr. In vielen oberbayerischen Dörfern würde man einen katholischen Pfarrer mindestens für wunderlich halten, wenn er die Messe parallel zum Mittagessen beginnen lassen würde. Da würde der Sonntagsschweinsbraten in direkte Konkurrenz zum Leib Christi treten. Ein Unding.

In der Stadt, das muss man auch sehen, geht das schon. In der Stadt ist weniger Ordnung, was pünktliche Essenszeiten angeht. In der Stadt kann man auch Rockmusik und Glauben kombinieren. Das funktioniert wunderbar. Palmsonntag im Schlachthofviertel, Stefan Walser, der letztes Jahr zum Priester geweiht wurde, hält heute die Messe in der Kirche St. Anton. Aber vorher gibt’s eine Prozession durchs Schlachthofviertel, so richtig mit Lautsprechern und Gesang. Vorbei am „Fiakerstüberl“, einer verlebten Boazn, und am „Frischeparadies“, wo es wochentags ab 6 in der Früh Lebensmittel gibt.

Zwei Polizisten sperren die Straße ab. Die vielleicht drei Dutzend Gläubigen singen zusammen mit Bruder Stefan „Hosanna, heil dir, Christus, König und Erlöser!“ Dann macht die Prozession plötzlich halt. Die beiden Polizisten blockieren einen Lkw, der muss warten, der darf nicht aus dem Hof fahren. Bruder Stefan nimmt das Mikro in die Hand und stimmt ein Lied an: „Jesus, unser König“, zum Rhythmus der Rockhymne „We will Rock you“ von Queen. Und immer wieder: „Jesus, unser König. Du teilst aus das Brot, du machst alle satt. Jesus, unser König.“ Alle singen mit, die ganz Jungen und die ganz Alten. Jesus kann auch Rock’n’Roll, auch so ein Erfolgsgeheimnis dieser Pfarrgemeinde. Jesus darf auch Rock’n’Roll.

Besonders Familien sind angetan

„Cool, mit dem Pater auf Facebook befreundet zu sein.“ Alexander Wenta (r.) mit Frau und Kind, links Familie Schorner

Alexander Wenta, 37, ist heute mit seiner Frau und seinen Kindern beim Gottesdienst. Eigentlich ist er aus der Kirche ausgetreten, aber die Frische, die Unkompliziertheit von Pater Stefan und Bruder Stefan, sagt er, haben ihn wieder zurück in die Kirche gebracht. Die beiden Kapuziner wissen, dass er ausgetreten ist, trotzdem ist Wenta herzlich willkommen. „Die probieren viel aus“, sagt er. „Das gefällt mir.“ Auf die Titelseite des Oster-Pfarrbriefs haben sie ein besonders Motiv gedruckt: eine Dornenkrone, ein Kreuz, ein Glas Champagner. So kann man Leiden und Auferstehung Jesu natürlich auch auf den Punkt bringen. Lässige Idee. „Ich finde es auch cool, mit Pater Stefan auf Facebook befreundet zu sein“, sagt Alexander Wenta.

Der Pfarrer schreibt dort, wenn er im Stadion war. Wenn er merkt, dass er die gleiche Frisur wie Kardinal Marx hat, nämlich keine. „Gratulation zur gemeinsamen Sommerfrisur“ hat er zu einem Bild der beiden Glatzköpfe geschrieben. Es geht wie in seinen Messen lustig zu, aber natürlich ist für ihn Glauben eine ernste Sache. Der Glaube ist sein Leben. Kein Halligalli. Aber das heißt nicht, dass man nicht auch manchmal lachen darf.

Nochmal Facebook, Pater Stefan hat vor einiger Zeit ein Bild gepostet, das gerade an Ostern, wo es viel ums Sterben und ums Leiden geht, gut passt. Auf dem Bild steht: „Wenn man tot ist, ist das für einen selbst nicht schlimm, weil man ja tot ist. Schlimm ist es aber für die anderen. Genauso ist es übrigens, wenn man doof ist.“ Das steht zwar so nirgends in der Bibel, aber wahr ist es trotzdem.

Von Stefan Sessler

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