Heftige Explosion in Wohnhaus: Personen vermisst - Foto zeigt komplettes Ausmaß der Katatstrophe

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Nicht saniert und trotzdem 20 Prozent mehr Miete: Diese Wohnungen sind schon von einem Investor aus München gekauft worden.

Vom Arbeiterviertel zum Trendstadtteil

Giesing im Wandel: Was halten Sie davon?

München - Untergiesing im Klammergriff von Immobilienspekulanten und Miethaien? Die "Aktionsgruppe Untergiesing" kämpft gegen steigende Mieten. Ein besonderer Rundgang mit Maximilian Heisler zeigt die Schattenseiten des schönen neuen Untergiesings.

Mehr Giesing-Themen: "In Giesing daheim"

Kampf gegen die Gentrifizierung

Maximilian Heisler steht vor der ehemaligen "Burg Pilgersheim"

Dieses „andere Publikum“ ist längst in Untergiesing angekommen. Laut dem Statistischen Amt der Stadt München ziehen inzwischen "zunehmend qualifizierte Erwerbstätige" hierher, also Menschen aus höheren Sozialschichten. In München und anderen Großstädten laufe es häufig so ab, erklärt Anja Franz, Sprecherin des Mietervereins München. Würden andere Viertel zu teuer, ziehe es oft Studenten, Künstler und Kreative in andere Gegenden. Das alte Arbeiterviertel Giesing, das früher abschätzig Glasscherbenviertel genannt wurde, sei plötzlich in. Das locke wiederum Investoren und Immobilienspekulanten an, deren wohlhabende Kunden sich nach dem Lebensgefühl und dem Charme eines Szeneviertels sehnten. "Die Konsequenz sind dann steigende Mieten, die sich die alteingesessenen Bewohner nicht mehr leisten können."

Gentrifizierung nennen die Soziologen das Phänomen, bei dem ursprünglich preisgünstige Viertel aufgewertet und die Bewohner mit niedrigerem sozialem Status nach und nach verdrängt werden. In Münchner Stadtteilen wie dem Glockenbachviertel oder Lehel ist das längst geschehen. Und nun liegt Untergiesing im Fokus der Investoren und Makler. Heisler und 50 Mitstreiter haben deshalb einen Verein gegründet: die Aktionsgruppe Untergiesing. Für bezahlbaren Wohnraum und gegen die Mietpreisspirale wollen sie kämpfen, genau wie andere Münchner Bürgerinitiativen in der Maxvorstadt oder Neu-Perlach. Denn das Problem betrifft längst nicht mehr nur Menschen mit sehr kleinem Geldbeutel, sondern auch die Mittelschicht.

Rostige Balkone, rußige Fassaden

Davon sind die Mieter der heruntergekommenen Häuserblocks am stark befahrenen Mittleren Ring auf Heislers nächster Station noch weit entfernt. Fünf bis sechs Euro beträgt hier der Quadratmeterpreis – aber dementsprechend sehen die Bauten auch aus. Früher gehörten die Häuser mal der Post, hier leben Pensionäre, Migranten, Leute mit kleinem Gehalt. „Beachten Sie auch die Wandfresken“, kommentiert Heisler grinsend den abblätternden gelben Putz an den Fassaden. Auf der Straßenseite sieht es noch schäbiger aus: die Balkone sind rot vor Rost, die Wände rußverschmiert. Alles wirkt trostlos. Die 260 Wohneinheiten hätten einmal der GBW gehört, seien aber 2010 an die „Rock Capital“ aus Grünwald verkauft worden, ein Privatinvestor, der das Vermögen einer Münchner Familie betreut. Kurz darauf erhielten die Anwohner einen Brief, erzählt Heisler. Darin hieß es, die „Rock Capital“ habe die Unterlagen des Voreigentümers geprüft und man sehe sich „leider gezwungen, den Mietzins auf die ortsübliche Vergleichsmiete anzupassen“. Gezwungen, meint Heisler, werde dazu aber keiner. Die Mieterhöhungen um 20 Prozent alle drei Jahre seien rechtens, dienten aber letztlich dazu, die Leute zu vertreiben. „Und dann wird richtig saniert und an eine andere Klientel vermietet oder verkauft.“ Auf der Tour wird Heisler immer wieder von Passanten gegrüßt. Man kennt den schlaksigen jungen Mann hier im Viertel. Mit dem Studium der Volkskunde lasse er sich noch Zeit, sagt er, damit er sich besser für die Aktionsgruppe engagieren könne. „Das Problem liegt nicht bei den Investoren“, sagt er, „die wollen Geld verdienen, das ist irgendwo nachvollziehbar.“ Vielmehr sei die Politik verantwortlich, denn die gebe den rechtlichen Rahmen für das Immobiliengeschäft vor.

Die Stadt in der Verantwortung

Was aber kann beispielsweise die Stadt München für Bürger mit schmalerem Geldbeutel tun? Kommunaler Wohnungsbau sei eine der Maßnahmen, so die Pressesprecherin des Stadtplanung und Bauordnung, Karla Schilde. Die entsprechenden Förderprogramme seien für den Zeitraum von 2012 bis 2016 von 625 auf 800 Millionen Euro erhöht worden. Auch bei so genannten Luxussanierungen habe die Stadt Möglichkeiten, einzugreifen. Also beispielsweise, wenn ein Investor plane, zwei kleine Wohnungen zu einer Großwohnung über 130 Quadratmeter zusammenzulegen. Hier sollen die städtischen Erhaltungssatzungen helfen, das angestammte Milieu zu schützen. Die Satzungen besagen, dass alle baulichen Vorhaben spezieller Genehmigungen bedürfen und räumen der Stadt Vorkaufsrechte ein.

„Das mit dem Vorkaufsrecht ist ja gut und schön“, sagt der 59-jährige Hans Lauer. Er wohnt in der Oefelestraße, die zu einem Erhaltungssatzungsgebiet gehört. Im letzten Jahr habe es plötzlich eine Mieterhöhung gegeben – von zehn auf zwölf Euro pro Quadratmeter. Damit liege das Haus nun deutlich über dem Schwellenwert für ein Vorverkaufsrecht der Stadt (9,60 Euro). Kurz danach habe er durch eine Anzeige im Internet erfahren, dass das Haus an Privatinvestoren verkauft worden sei und Modernisierungsmaßnahmen geplant seien. Lauer mag da nicht an Zufälle glauben. Inzwischen hat er sich die Pläne angeschaut, die bei der Lokalkommission für sein Haus hinterlegt sind. Nach denen würde seine Wohnung mit der Nachbarwohnung verschmolzen und der Aufzug ginge durch seinen Eingang. „Wenn die sanieren, dürfen sie die Kosten zu elf Prozent auf die Mieter umlegen. Ein Aufzug sei grundlegend sicher eine feine Sache für die alten Menschen, die größtenteils in den rund 40 Quadratmeter großen Wohnungen lebten. „Aber was bringt ihnen den Aufzug, wenn sie die Miete nicht mehr zahlen können und ausziehen müssen?“, fragt Lauer.

Die Stadtteilführung ist inzwischen in der Arminiusstraße 24 angekommen – einem Beispiel für eine solche energetische Sanierung, erklärt Heisler. Dort seien die Kosten auch auf die Bewohner umgelegt worden – eine Mietsteigerung von 60 Prozent sei die Folge gewesen. Auf die Frage, warum er sich für den bezahlbaren Wohnraum in seinem Viertel so engagiere, zuckt Heisler mit den Schultern. „Das kam halt so. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn die Politiker nichts tun oder schweigen, gibt mir das immer neue Motivation, weiterzumachen.“ Die Führung endet in der Birkenau. Hier standen einmal alte Kutscherhäuschen aus dem 19. Jahrhundert. Auch sie sind einem modernen Neubau gewichen. Der Fahrer eines vorbeifahrenden Autos ruft Heisler zu: „Grüß di Max, machst du wieder eine Führung?“ Man kennt sich hier in Untergiesing. Noch.

Simone Bastreri

Ein Rundgang durch Untergiesing

Alte Häuser sanieren - und damit unbezahlbar machen?

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