Gegen Blechlawinen auf der Straße

Bürger zerpflücken Verkehrsanalyse für Münchner Süden

München - Die Aussage der Stadt, die Belastung durch Autos sei weitgehend konstant, erbost viele Anlieger – Das Planungsreferat verspricht weitere Untersuchungen.

Seit langem schon wird nach einem Konzept gesucht, das den Münchner Süden mit seinen Stadtteilen Thalkirchen, Obersendling, Forstenried, Fürstenried und Solln vor dem Verkehrs-Infarkt bewahren soll. Inzwischen liegen die Ergebnisse einer Verkehrsbefragung und einer sogenannten „Flussverfolgung“ vor. Doch viele Bürger sind der Meinung, dass dabei falsch vorgegangen wurde.

Die Erhebung bilde das tatsächliche Chaos auf den Straßen nicht ab. Auf dieser Basis könne in keinem Fall das vom Stadtrat geforderte verkehrspolitische Gesamtkonzept für die Viertel erarbeitet werden. Ein Großteil der rund 140 Bürger, die an der Bürgerwerkstatt zu dem Verkehrsproblem teilnahmen, war richtig sauer. Für große Empörung sorgen die Schlussfolgerungen, die das Planungsreferat aus der Verkehrsanalyse zieht. Demnach rolle nur in geringem Maße Durchgangsverkehr durchs Viertel. Für die Menschen, die dort leben, ist das der blanke Hohn. Auch die Aussage, dass die Fahrzeugzahlen konstant seien, halten viele im Viertel für Humbug. Sie berichten von immer längeren Blechlawinen. „Eine Tortur, die wir jeden Tag erleben“, sagte ein Bürger.

Harald Schnell und Daniela Czerny vom Planungsreferat erklärten die Ergebnisse der Untersuchungen ausführlich und steckten dafür teils lautstarke Kritik ein. Tilo Schmidt, Sprecher des Vereins Verkehrsberuhigung München, drückte es erst vorsichtig aus: „Die Erhebungsmethode hat bei uns viele Fragezeichen ausgelöst.“ Für Skepsis sorgt, dass die Zahlen nur an einem Tag und an vier Kontrollpunkten erhoben wurden. „Es gibt im Stadtteil mindestens sieben weitere neuralgische Punkte. Sie wurden überhaupt nicht berücksichtigt“, so Schmidt. Was jetzt vorliege, sei „statistisch gesehen unmöglich“. Es verleite zu falschen Schlüssen. „Wir warnen davor, mit diesen Zahlen zu arbeiten.“ Auch andere Vertreter des Vereins und viele Bürger halten die Analyse der Stadt für widersprüchlich.

Moniert wurde, dass mit der Stoßzeitenmessung ein 24-Stunden-Schnitt abgebildet werde. Eine Verkehrsbefragung, die nur an zwei Stellen laufe, sei nicht repräsentativ. Bezweifelt wird auch die Aussagekraft der Ergebnisse zum Schwerlastverkehr, da nur in Bereichen mit Durchfahrtsbeschränkungen für Lastwagen gezählt wurde.

Ein weiteres Manko aus Sicht der Bürger: Der nordwestliche und nordöstliche Teil des Stadtbezirks sei nicht unter die Lupe genommen worden. „Das ergibt kein vollumfängliches Bild“, sagte Anke Sponer. Sie kritisierte zudem, dass die Trasse zwischen der Stäblistraße und der Wolfratshausener Straße immer noch Staatsstraße sei. „Dass die Aufstufung nicht zurückgenommen wurde, ist unverantwortlich.“ Für Unverständnis sorgt weiter, dass dem Zahlenwerk der Verkehrsentwicklungsplan von 2005 zugrundeliegt. Die Wegebeziehungen von damals seien nicht mehr aktuell. Zudem seien Faktoren wie Bevölkerungswachstum und Lärmbelästigung nicht dargestellt. „Das muss angepasst werden“, so eine Bürgerin. Schnell verteidigte die Vorgehensweise des Planungsreferats, kam den Bürgern jedoch auch entgegen. „Wir werden uns beauftragen lassen, weitere Untersuchungen zu machen.“ Er versprach zudem, dass alle Anregungen aus der Bürgerwerkstatt geprüft werden. „Wir lassen nichts unter den Tisch fallen.“ Es werde allerdings etwas dauern, sich alles anzusehen. Geplant sei eigentlich, dem Stadtrat noch im ersten Quartal 2016 einen Beschlussentwurf vorzulegen. „Aber ich bin nicht sicher, ob wir das schaffen können“, so Schnell.

Brigitta Wenninger

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