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Im britischen Dudley erinnert diese Statue an „Jahrhundert-Talent“ Edwards.

Vor 60 Jahren

Die Katastrophe von Riem: Als Manchester United verunglückte

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An einem schneereichen Donnerstag vor 60 Jahren verunglückt in München das Flugzeug von Manchester United. Acht Spieler sterben. Die Tragödie macht den Klub weltbekannt – und hat Folgen weit über den Fußball hinaus.

München – Die Erinnerung an die Katastrophe ruht auf einer Gedenktafel, weiße Schrift auf dunklem Stein, dazu die Umrisse eines Fußballfelds. Kein Ball. Stattdessen 23 Namen von 23 Menschen. Alle tot. Verunglückt einige Meter weiter, hier in München-Riem, wo einst der Flughafen war.

Am morgigen Dienstag, wenn die Katastrophe genau 60 Jahre her ist, werden viele Fußballfans an diesem Ort stehen. Zwischen Familienhäusern und einem Acker. Sie werden das Trikot ihres Vereins tragen, Manchester United, gegründet 1878 im rauen Nordwesten Englands. Die Fans werden singen und weinen, später Bier trinken im nahen Truderinger Wirtshaus. Rund 1000 Menschen werden erwartet, aus aller Welt, die meisten aus Manchester.

6. Februar 1958. Ein Donnerstag, eiskalt. Das Flugzeug der United-Mannschaft macht einen Zwischenstopp in Bayerns Landeshauptstadt. Nachtanken. Routine. Am Abend zuvor hat das Team, englischer Meister, in Jugoslawien gespielt. 3:3 gegen Roter Stern Belgrad. Das reicht für den Einzug ins Halbfinale im Landesmeister-Pokal. Heute wäre das die Champions League.

Die beiden Piloten brechen den ersten Startversuch ab, den zweiten ebenfalls. Es ist rutschig, viel Schnee, auch mit den Motoren stimmt etwas nicht. Die Insassen verlassen die Maschine, warten, manche werden unruhig. Der irische Stürmer Liam Whelan, streng katholisch, spricht: „Wenn das unser Ende ist, wäre ich bereit.“

Minuten später folgt der dritte Versuch. Es ist kurz nach 15 Uhr. Das Flugzeug beschleunigt, auf gut 190 Stundenkilometer. Zu wenig, um abzuheben. Zu viel, um abzubremsen. „Christus“, ruft der Co-Pilot, „wir werden es nicht schaffen!“

Dann die Katastrophe. Das Flugzeug durchbricht den Zaun, streift eine Gärtnerei, prallt gegen zwei Betonsockel, wird zerrissen. Ein Teil explodiert. Tote und Verletzte. Schreie und Angst. Bewusstlos im Schnee liegt Bobby Charlton, das eine Ausnahmetalent der Mannschaft. Das andere, der 21-jährige Duncan Edwards, ringt mit dem Ende, stirbt Wochen später im Klinikum rechts der Isar. Sofort tot ist Stürmer Whelan, der das Unglück hat kommen sehen. Insgesamt verliert United acht Spieler. Die anderen 15 Toten sind Vereinsmitarbeiter, Journalisten, Flugbegleiter.

Zurück bleiben traumatisierte Menschen und riesige Fragen. Warum dieser dritte Startversuch? Warum diese Eile, trotz Schnee und Eis und Matsch?

„Schuld war nicht zuletzt der eng getaktete Zeitplan des englischen Fußballverbands“, sagt Michael Gösele, der bei München lebt. Der Journalist und United-Fan hat ein Buch über den Klub seines Herzens geschrieben, „111 Gründe, Manchester United zu lieben“. Er kommt an einem kalten Januartag zum Manchesterplatz im Osten Münchens, wo auch die Gedenktafel steht. Gösele erzählt: In den 1950er-Jahren habe der Europapokal keinen hohen Stellenwert in England gehabt. „Die Haltung des Verbands war eher: Das könnt ihr schon machen, aber am Spielplan unserer Liga ändert das nichts.“

Deshalb will, soll, muss United an jenem 6. Februar 1958 zurück. Bis um 15.04 Uhr die Maschine zerbricht – und mit ihr die Erfolgsgeschichte der „Busby Babes“. Das ist bis dahin der Spitzname dieser jungen und talentierten Mannschaft. Namensgeber ist Trainer Matt Busby, ein Anzug tragender Schotte, der schön anzusehenden Fußball liebt. Und der im kalten Münchner Februar am Krankenbett die letzte Ölung erhält. Gleich zweimal.

„Heute würden Menschen weltweit nach so einem Unglück ihr Facebook-Profilbild ändern“, sagt United-Kenner Gösele. „Aber auch damals schon ist diese Geschichte um die Welt geschossen. So pervers es klingt: Manchester United ist mit diesem Absturz zum Weltklub geworden.“

Das liegt auch an den Jahren nach der Katastrophe. Trainer Busby überlebt, kehrt heim. Und schon damals gilt: The Show Must Go On.

Also spielt United weiter, für die Toten, für die Fans, für den drängenden Fußballverband. Die Mannschaft findet, angeführt vom genesenen Bobby Charlton, zurück in die Spur. Holt Meistertitel, gewinnt 1968 den Landesmeister-Pokal. Zufall oder nicht: genau zehn Jahre nach der Katastrophe. Aus den „Busby Babes“ werden die „Red Devils“. Sie spielen wie die Teufel, wohl auch, weil viele von ihnen die Hölle gesehen haben.

Und die sportliche Entwicklung ist nicht das einzige Schöne, das seinerzeit aus der Trauer erwächst. Denn die große Hilfsbereitschaft der Deutschen sorgt in England für ein Umdenken. „Für viele Briten waren Deutsche damals weiterhin Drecksnazis“, sagt Buchautor Gösele. „Der Krieg war schließlich noch nicht lange vorbei. Und dann das: Die Verletzten wurden sehr gut behandelt. Fremde Menschen haben Blumen ins Krankenhaus gebracht. Dank dieser Solidarität endete der Krieg in vielen Köpfen.“

Stellvertretend für die Helfer wird ein Arzt zur Legende für viele United-Fans. Professor Doktor Georg Maurer, geborener Münchner, Jahrgang 1909. Rettet das Leben von Trainer Busby. Wird zum Dank von der Queen zum Sir geschlagen. Fortan nennen ihn die Kollegen im Klinikum rechts der Isar „Sir George“ – freilich nur, wenn Maurer gerade nicht im Raum ist.

Dieser 6. Februar 1958 hat das Leben vieler Menschen. verändert. Besonders eindrücklich zu sehen ist das bei Bobby Charlton, Verletzter im Schnee, später Anführer der „Red Devils“. Das Ernste im Gesicht, hat sein Bruder über Charlton gesagt, trägt er erst seit München. Denn Charlton hatte bei den ersten beiden Startversuchen hinten in der Maschine gesessen. Dann tauschte er den Platz mit einem anderen Spieler, dem mulmig geworden war. Und der nicht überlebte. Nach dem Europapokal-Sieg 1968 ging Charlton, heute ein britischer Gentleman, in sein Hotelzimmer. Er weinte.

Noch gibt es Zeitzeugen wie Charlton oder Harry Gregg, den Torwart, der etliche Menschen aus den Trümmern und Flammen rettete. Was aber bleibt über ihre verblassende Erinnerung hinaus?

Michael Gösele, Autor und United-Kenner, an der Gedenktafel in München-Riem.

„Man kann heute United-Fan sein, ohne bei der Zahl 1958 sofort in Tränen auszubrechen“, sagt United-Fan Gösele. „Aber man kann kein United-Fan sein, ohne mit dieser Zahl etwas zu verbinden.“

Auch deshalb hängt am Stadion in Manchester, Old Trafford, genannt „Theater der Träume“, die gleiche Gedenktafel wie in München. 23 Namen, 23 Tote, kein Ball. Einige Meter weiter haben sie eine Uhr angebracht. Sie steht still, der Minutenzeiger bei vier Strichen, der Stundenzeiger auf drei. 15.04 Uhr. Der Zeitpunkt der Katastrophe.

Morgen um diese Zeit wird ernstes Schweigen herrschen am Manchesterplatz in München-Riem. Dann, zwei Minuten später, wird das sehr berührende Lied „Flowers of Manchester“ erklingen, zu Ehren der Toten. Hunderte Fans werden mitsingen, der Oberbürgermeister von München wird da sein, die Chefs von Bayern München auch. Um sie aber wird es nicht gehen. Sondern um den umsatzstärksten Fußballverein der Welt, der in diesem Moment der verletzlichste Verein der Welt sein wird.

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