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Ein Revier mit schönen Aussichten: die Polizisten Helmut Bayerl und Sabine Eicher am Messesee.

Große Serie: Polizeiinspektionen in München

PI 25 Trudering-Riem: Hier prallen Gegensätze aufeinander

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Viel Stil und Tradition, kaum Protz und Prunk, dafür ganz viel Natur – das entspricht dem Lebensgefühl im beschaulichen Würmtal. In vielerlei Hinsicht ist das Revier ein Paradies für die Planegger Polizei – eines mit schwarzen Flecken. Einbruchskriminalität ist Dauerthema. Und zweimal sorgte ausgerechnet das Würmtal in den vergangenen Jahren bundesweit für Schlagzeilen.

München - Als Sabine Eicher als junge Polizistin erstmals auf Streife ging, rieten Kollegen ihr dringend, einen Bogen um die Rotlichtbetriebe zu machen. „Diese Frauen akzeptieren keine Polizistin. Das gibt nur Ärger,“ sagte man ihr. Wie sich die Zeiten geändert haben. Als Beamtin der Verfügungsgruppe und Polizistin der ersten Stunde in Münchens jüngster Inspektion PI 25 Trudering ist Sabine Eicher seither öfter mal wegen Zahlungsstreitereien oder Betrunkenen in den 31 Etablissements und Clubs am Stahlgruberring gewesen. Nie gab es Ärger – jedenfalls nicht wegen ihrer Anwesenheit. „Wenn ich etwas gelernt habe in meinem Beruf, dann ist es die Fähigkeit, sich auf das Gegenüber einzustellen“, sagt die Beamtin. „Ein ruhiges Gespräch und auch mal ein Lächeln nimmt schon viel Druck heraus.“

Das Gefühl für die Situation und die Menschen hier muss ausgeprägt sein, wenn man in dieser Inspektion arbeitet: Die ganze Welt ist in Riem zu Gast, wenn riesige Messen wie die Sportmesse Ispo (155.000 Besucher), die Baumesse Bau (360.000) die Reise- und Freizeitmesse F.re.e (160.000) stattfinden. Alle drei Jahre lockt die Weltmesse der Bauwirtschaft, die Bauma, bis zu 600.000 Fachbesucher und Neugierige zur Messe München. Doch auch die Siedlungen rundum sind international. Hier leben Menschen aus 111 Nationen und überdurchschnittlich viele Großfamilien mit mehr als fünf Kindern. Der Ausländeranteil im Inspektionsgebiet lag im Jahr 2016 bei 31 Prozent.

Ein wachsames Auge hat die Polizei auf die Autotandler am Rappenweg.

Als Ghetto abgestempelt

Der Ghetto-Stempel klebte von Anfang an wie ein Fluch auf dem Viertel. Doch die Zahlen der Polizei stützen diese Sichtweise keineswegs. 3087 Straftaten im Jahr 2016 vom kleinen Diebstahl bis zum Gewaltverbrechen liegen nicht signifikant über den Zahlen vergleichbarer Inspektionen. Für Aufsehen sorgte im vergangenen Jahr die Ermordung einer Syrerin (siehe unten). Ähnlich wie im September 2014,als an der Selma-Lagerlöf-Straße in Riem die Leiche einer ermordeten Iranerin († 47) gefunden wurde. Auch sie hatte sich von ihrem gewalttätigen Mann (64) trennen wollen. Er ist seitdem mit den Kindern (heute 5 und 9 Jahre) auf der Flucht. 

Häufige Einsatzgründe: Gewalt und Einbrüche

Häusliche Gewalt ist nicht nur ein Thema der Messestadt. „Das kommt in den besten Familien vor,“ bestätigt PI-Chef Helmut Bayerl. 348 Körperverletzungsfälle, davon 94 in der Messestadt, bearbeiteten die Polizisten der PI 25 im vergangenen Jahr. Daran sind auch rund 800 Asylbewerber in den fünf Unterkünften beteiligt. Die Größte ist ein Containerdorf in der Willy-Brandt-Allee 8. Die Zahl der Einsätze in den Unterkünften hat sich im Jahr 2016 auf 273 fast verdoppelt. Bayerl: „Die Leute kämpfen mit Langeweile, Enge und Zukunftsängsten. Das macht sie reizbar.“ Dazu kamen im ganzen Revier 14 Raubüberfälle und 21 Sexualdelikte sowie 120 Festnahmen wegen Drogendelikten, meist in der Messestadt und am Truderinger Bahnhof. Zudem wurden 57 Wohnungseinbrüche (vor allem in Trudering) registriert sowie 132 Einbrüche in Keller, Geschäfte oder Büros und 73 Gartenhaus-Einbrüche in Alt-Trudering und Riem. Im Kampf gegen Einbrecher würde sich Helmut Bayerl mehr Mithilfe der Bevölkerung wünschen: „Wir bekommen so gut wie nie Hinweise auf fremde Autos oder verdächtige Personen. Das ist schade.“ Eine kriminelle Spezies scheint sich zumindest im vergangenen Jahr zurückgezogen zu haben: Nur noch vier (im Vorjahr 30) Enkeltrickbetrüger traten im Bereich der PI 25 auf.

31 Clubs und Etablissements liegen am Stahlgruberring.

Zentrum des Viertels - die RiemArcaden

Das Zentrum der neuen Messestadt sind die RiemArcaden – 128 Shops auf drei Ebenen. Die Erweiterung ist schon im Bau. Der Großteil der 234 Ladendiebstähle geschah hier, ebenso wie ein paar Körperverletzungsdelikte und einmal sogar ein handgreiflicher Krach zwischen Händlern. Vor der Shopping-Meile liegt ein großer, kahler Platz, dahinter der Platz der Menschenrechte – eines der schönen grünen Relikte der Bundesgartenschau 2005, die man hier an vielen Stellen noch sieht. Hier und bei McDonald’s trifft sich die Jugend, die sich in der Messestadt oft langweilt. Kein Kino, kein Hallenbad, keine Disco – aber immerhin die Skaterbahn, der türkisblaue Riemer See, das Jugendzentrum Quax und neuerdings das Holifestival im August.

Ernste Auseinandersetzung mit Jugendlichen

Vor den RiemArcaden kam es im März vergangenen Jahres zu einem gefährlichen Kräftemessen marodierender Jugendlicher mit der Polizei. Auslöser war offenbar ein Streit im Einkaufszentrum wegen eines Drogengeschäftes. Beide Kontrahenten riefen ihre Freunde an. In Minutenschnelle versammelten sich 60 junge Männer, die gleich die erste Funkstreifenbesatzung wütend angriffen und verletzten. 50 Polizisten nahmen am Ende der Massenschlägerei zwölf Burschen (Deutsche, Iraner, Bosnier, Serben, Tunesier und Afghanen) wegen Landfriedensbruchs fest.

Die Folge war eine Graffiti-Kampfansage: „Ganz Messe hasst die Polizei,“ war am Platz der Menschenrechte am Tag danach zu lesen. „Dort stand auch der Name eines Kollegen. Das haben wir sehr ernst genommen,“ sagt Bayerl. „Da hilft nur absolute Konsequenz.“ In der Folgezeit hatten die Drahtzieher der Kampagne nur noch wenig Spaß: „Es sind ja immer die Gleichen, ungefähr zehn bis 15 Burschen, die hier Ärger machen. Wir haben sie solange kontrolliert, bis sie keine Lust mehr hatten.“ Allerdings macht sich Bayerl Sorgen um die kleineren Buben, die bei solchen Exzessen gern zuschauen: „Ich möchte nicht, dass die sich da was abgucken.“ Seither ist es aber friedlich geblieben. Dennoch drücken genau solche Ereignisse der Messestadt immer wieder den Ghetto-Stempel auf, „der diesem Viertel einfach nicht gerecht wird“, finden Sabine Eicher und Helmut Bayerl.

Kampfansage: Dieses Graffito wurde an die Wand gesprüht, nachdem die Polizei nach einer Schlägerei zwölf Burschen festgenommen hatte.

Stadtplaner warnen, das Viertel verkommen zu lassen

372 Mal beschwerten sich Anwohner im vergangenen Jahr wegen Ruhestörung, 327 Mal wegen Sachbeschädigungen, vor allem Graffiti. Viele baulichen Fehler, die in Neuperlach zu sozialen Spannungen führten, wurden in der Messestadt vermieden. Stadtplaner warnen aber seit Jahren davor, das Viertel optisch oder baulich verkommen zu lassen.

Sabine Eicher und Helmut Bayerl schlendern über den Platz der Menschenrechte. Wir fragen die drei Freunde Ylenia (18), Francesco (16) und Michael (15), ob sie das Gefühl haben, in einem Ghetto zu leben. Michael lacht und findet dafür nur ein Wort: „Kindergarten!“

Der Fall aus dem Viertel - Vom Ehemann erstochen:

Vom Ehemann getötet: Die Syrerin Hasnaa A.

An der Seite ihrer neuen Liebe wollte die Syrerin Hasnaa A. (30) in Deutschlandein neues Leben beginnen. Doch das letzte Treffen mit Ehemann Osman N. (36) kostete die vierfache Mutter das Leben. Im Winter 2015 war das Ehepaar mit vier Kindern aus Syrien geflohen. Doch bereits im Flüchtlingslager in der Türkei ging das Paar getrennte Wege. Söhnchen Tim (7) zog mit seinem Vater nach München. Hasnaa A. lebte mit ihrer Tochter (1) und den beiden Söhnen (9 und 10 Jahre) in einer Unterkunft in Eisenhüttenstadt(Brandenburg). Dort verliebte sich Hasnaa offenbar in einen anderen Mann, mit dem sie ein neues Leben anfangen wollte. Am Morgen des 29. April kam sie ahnungslos nach München, um Tim zu besuchen. Stattdessen führte ihr Mann sie in das Birkenwäldchen des Riemer Parks und erstach sie. Hasnaa A. verblutete an über 20 Messerstichen. Ihre Handtasche und die Tatwaffe warf Osman N. weg. Die ermordete Frau wurde am nächsten Tag von Spaziergängern gefunden. Osman N. wurde in der Asylbewerberunterkunft an der Willy-Brandt-Allee festgenommen. Die Kinder wachsen nun ohne ihre leiblichen Eltern in der Obhut des Jugendamtes auf.

Die Polizeiinspektion 25 in Zahlen: 

80 Polizisten arbeiten in Münchens jüngster Polizeiinspektion 25 Trudering-Riem, die im Juli 2008 in der Werner-Eckert-Straße 12 in der Messestadt Riem in einem Büro- und Ärztehaus eröffnet wurde. Die Polizei ist dort Mieter. Das Gebiet der Inspektion umfasst Teile Daglfings und Berg am Laims sowie Riem, die MessestadtRiem, das Moosfeld und alle Truderinger Viertel bis zum Wald. Im Osten sind Keferloh und Gronsdorf die Grenze. 

Auf rund 23 Quadratkilometern leben hier 73.000 Einwohner. Während Trudering in großen Teilen ein gewachsenes, bürgerliches Viertel mit lockerer Wohnbebauung ist, sprengte die junge Messestadt in kürzester Zeit schon rein baulich alle Dimensionen. 16 Messehallen stehen schon, zwei weitere sind in Arbeit. Es gibt 19 Schulzentren und das 20. an der Paul-Wassermann-Straße ist schon in Planung. Eventuell könnte hier eines Tages ein neues Polizeigebäude entstehen. Überall breiten sich zur Zeit nagelneue (Sozial-)Siedlungen aus. Denn die Bevölkerung wächst ständig – und mit ihr wachsen die Einsatzzahlen: 10.043 Einsätze fuhren die Polizisten der PI 25 im letzten Jahr. Insgesamt wurden 3087 Straftaten bearbeitet. 

Bilder: Mit der PI 25 auf Streife in der Messestadt

Das sind die weiteren Folgen

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig – auch bei der Polizei.

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

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