1. Startseite
  2. Lokales
  3. München

Natalias Neuanfang in München: Ukrainerin erlebt auf der Flucht riesige Hilfsbereitschaft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katrin Woitsch

Kommentare

Natalia sitzt im Sonnenschein im Münchner Hofgarten
Vogelgezwitscher statt Bombenalarm: Natalia lernt München kennen und lieben - zum Beispiel den Hofgarten. © Marcus Schlaf

Natalia Aleksieieva ist vor wenigen Tagen aus Odessa im Süden der Ukraine nach München geflüchtet. Nun versucht sie einen Neuanfang in der Fremde – mit großer Angst um ihre Heimat.

München - Am Abend vor ihrer Flucht erkennt Natalia Aleksieieva ihr geliebtes Odessa kaum wieder. Die Millionenstadt am Schwarzen Meer war früher immer laut, immer voll. Urlauber aus aller Welt kamen zu den schönen Sandstränden. Seit der Krieg in der Ukraine begonnen hat, ist nichts mehr wie es war.

Odessa wird von Woche zu Woche mehr zur Geisterstadt. Immer mehr Menschen flüchten aus Angst vor Bombenangriffen. Die Supermärkte sind oft leergekauft, die Straßen verlassen. Nicht mal Vögel sind zu hören oder bellende Hunde. „Die Stimmung ist gruselig“, sagt die 27-Jährige. „Wie wenn etwas Schlimmes auf uns zukommt.“

Ukraine-Krieg: 27-Jährige flüchtet von Odessa nach München

Ihre Eltern versuchen schon seit Tagen, sie zu überreden, vor dem Ukraine-Krieg* zu flüchten. Natalia möchte bei ihren Eltern bleiben. „Für sie ist die Flucht keine Option“, sagt sie. „Sie leben in dem Haus, das meine Großeltern gebaut haben – das wollen sie nicht verlassen.“ Sie hofft, dass der kleine Vorort, in dem ihre Eltern leben, vor russischen Angriffen verschont bleibt. Außerdem weiß sie nicht, wo sie hin soll. Ihre Familie hat russische Wurzeln, in Sotschi hat sie Verwandte. Aber Russland kann für sie jetzt kein Ziel mehr sein.

Dann, an einem Morgen Anfang März, wacht sie in ihrem Studentenwohnheimzimmer von einem lauten Knall auf. Es gab keinen Bombenalarm. Kurz darauf knallt es noch mal laut. Natalia ruft ihren Vater an, sie hat große Angst. Er sagt, sie soll alle wichtigen Dokumente zusammenpacken und zu den Eltern ihres Freundes fliehen, die nicht wie sie im Zentrum leben. Es ist der Tag, an dem sich Natalia entschließt, ihre Heimat zu verlassen.

Ukrainerin erlebt auf der Flucht vor dem Krieg riesige Hilfsbereitschaft

Ihre Professorin an der Uni hat sie vor ein paar Tagen angerufen und ihr berichtet, dass sie in München angekommen ist. Hilfsorganisationen hatten sie unterstützt. Sie stellt für Natalia den Kontakt zu dem Münchner Volt-Stadtrat Felix Sproll her. Der kennt Helfer, die auf dem Weg zu einem Flüchtlingslager an der ukrainisch-slowakischen Grenze sind, um Flüchtenden zu helfen, nach Deutschland zu kommen.

Natalia Aleksieieva kehrt noch einmal in ihre Wohnung zurück, um einen Koffer zu packen: zwei Hosen, drei Pullis, zwei Paar Schuhe, etwas Wäsche und Kosmetikartikel, einige Medikamente, ihren Laptop und ihre Uni-Dokumente. Der Rest von ihrem alten Leben bleibt zurück. Sie muss sich verabschieden von ihren Eltern, ihrem Freund und dessen Familie.

Ein Foto aus der Heimat zeigt Natalia vor einer alten Festung im Zentrum Odessas.
Ein Foto aus der Heimat zeigt Natalia vor einer alten Festung im Zentrum Odessas. © privat

Dann fährt sie zum Bahnhof. Hunderte Menschen warten dort auf den Zug zur Grenzstadt Uzhhorod. „Vor mir war ein kleines Mädchen“, erzählt Natalia. Immer wieder wird sie von der Menge gegen das Kind gedrückt, sie hat Angst, es zu verletzen. Und davor, selbst verletzt zu werden. Alle wollen in den Zug. „Die Menschen haben geschrien und geweint“, erzählt sie. „Ich auch.“ Der Zug ist völlig überfüllt. Die Menschen sitzen auf ihren Koffern oder stehen stundenlang in den Gängen. Eine Frau stellt eine Tasche neben Natalia. Darin sind vier Katzen. Sie waren ihr wichtiger als Gepäck.

Ukraine-Konflikt: Natalia kommt auf slowakischer Seite in ein Flüchtlingslager

Von Uzhhorod bringt sie ein Taxi zur Grenzübergangsstelle Vysné Nemecké. Wieder hunderte Menschen. In kleinen Gruppen werden sie über die Grenze gelassen. Natalia wartet über fünf Stunden. Sie ist erschöpft, aber Helfer verteilen Äpfel, Brot und Wasser. Als sie an der Reihe ist, muss sie nur kurz ihren ukrainischen Pass zeigen, sie wird durchgewunken.

Auf slowakischer Seite kommt sie in einem Flüchtlingslager unter. „Alles war organisiert, die Menschen waren so nett und hilfsbereit“, sagt sie. Sie ist telefonisch in Kontakt mit Fabian – ein Helfer, der mit einem Freund aus Bayern auf dem Weg zu dem Camp ist. Sie bringen Natalia und weitere Ukrainer bis nach München. Die Autofahrt dauert zehn Stunden. Ihren Pass muss Natalia kein einziges Mal zeigen.

Wenn sie bei Kontrollen sagen, dass sie von der ukrainischen Grenze kommen, werden sie durchgewunken. In München hat Felix Sproll für sie eine Gastfamilie organisiert. Sie hat ein eigenes Zimmer. Die Gastmutter sagt ihr, sie solle sich wie zu Hause fühlen, dürfe sich alles nehmen, was sie braucht. Natalia hat Hemmungen. „Ich habe mir früher ja nicht mal bei Freunden einfach etwas aus dem Kühlschrank geholt“, sagt sie.

Ukrainerin versucht in München einen Neuanfang

Drei Tage später sitzt Natalia in einem Café in München und erzählt ihre Geschichte. Sie mag die Stadt, aber viel hat sie noch nicht von ihr gesehen. Das Wichtigste ist ihr, schnell Arbeit zu finden. „Ich möchte so bald wie möglich auf eigenen Beinen stehen.“ Sie spricht Englisch, Spanisch, Ukrainisch und Russisch fließend und Deutsch gut. Ihr Freund hat versucht, nachzukommen. Er wurde nicht mehr aus dem Land gelassen.

Neulich, als sie aus Angst um ihn und ihre Eltern die ganze Nacht nicht schlafen konnte, hat sie das Info-Blatt übersetzt, das sie an der Tourist-Info am Marienplatz bekommen hatte. Jedes Wort, das sie nicht kannte, hat sie gegoogelt. „Ich hoffe, dass ich hier bald einen Job als Übersetzerin finde“, sagt sie.

In der Ukraine hat sie ein Diplom in Journalismus gemacht. Ihre Diplomarbeit hat sie über die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise 2015 geschrieben. Sie hat verglichen, wie deutsche, englische und spanische Medien berichteten. Das Foto von Angela Merkel mit den Flüchtlingen, das um die Welt ging, hat sie oft angeschaut. „Ich dachte damals, Deutschland nimmt alle Menschen in Not auf.“ Nie hätte sie gedacht, dass sie selbst eines Tages hier Schutz suchen würde.

Wie eine Geflüchtete fühlt sie sich nicht, sagt sie. „Ich hatte sehr viel Glück und Hilfe auf meinem Weg.“ Die Flucht hat sie umgerechnet 1,54 Euro gekostet. Für das Taxi vom Bahnhof zur Grenze. Vor ein paar Tagen hat sie sich in München einen Schreibblock gekauft, um deutsche Wörter zu notieren. Er war doppelt so teuer.

Ich hasse Russland nicht. Die Menschen dort können ja nichts für den Krieg.

Natalia Aleksieieva

Mit ihren Eltern telefoniert sie fast stündlich. Noch ist die Lage ruhig in Odessa. Natalia hofft, dass die Stadt vor einer Bombardierung verschont bleibt. Ihre Eltern leben in einem kleinen Ort. „Er würde wohl eingenommen werden“, sagt sie. Trotzdem hat ihr Vater eine Grube in der Garage zu einer Art Bunker umfunktioniert. Bis jetzt mussten sie ihn nicht benutzen.

„Ich möchte nicht mit Hass im Herzen leben“

Sie und ihre Familie haben sich Russland immer näher gefühlt als Europa. „In unserer Region wird Russisch gesprochen“, sagt sie. Sie hasst Russland nicht für diesen Krieg. „Die Menschen dort können nichts dafür“, sagt sie. „Und ich möchte nicht mit Hass im Herzen leben.“ Manchmal hat sie sogar Mitleid mit den russischen Soldaten. „Viele einfache Soldaten wussten nicht, dass sie in einen Krieg geschickt werden.“

Natalia Aleksieieva hat ihr Leben in der Ukraine geliebt. Sie hatte einen Büro-Job an der Universität, Freunde, eine schöne Wohnung. „Aber ich fühle mich gut hier in München“, sagt sie. Die große Hilfsbereitschaft, die sie jeden Tag erlebt, kann sie manchmal gar nicht fassen.

An diesem Morgen ist sie aufgewacht von den Nachrichten, die sie in ihrer Familien- und Freundesgruppe auf Telegram erreichen. Alle schreiben nacheinander, dass in dieser Nacht keine Bomben gefallen sind. Natalie schaut aus dem Fenster, die Sonne scheint. Hier in München zwitschern die Vögel. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Hier finden Sie die Hintergründe zum Ukraine-Konflikt.*

Auch interessant

Kommentare