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Theresa Bauer im Kreise ihrer Schützlinge.

Großes Abschieds-Interview

35 Jahre Erziehung sind genug: „Mama Theresa“ aus Harlaching macht Schluss

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Die gute Seele von Harlaching nimmt Abschied: Theresa Bauer, die ­Leiterin der „Kinderwelt Harlaching“, hört auf – nach 35 Jahren.

Harlaching - Generationen von Kindern – insgesamt an die 1000 – sind bei „Frau Bauer“ zum stolzen Schulkind herangewachsen. Im Münchner Süden genießt die 63-jährige Erzieherin „Legendenstatus“ – eine Menschenfreundin wie die ­berühmte Mutter Teresa; darin sind sich die ­Eltern einig, die selbst in ihrem Kindergarten waren und nun auch ihren Nachwuchs zu ihr schicken. 

Die „Kinderwelt Harlaching e.V.“ hat dank Theresa Bauer mehrere ­Umzüge überlebt, bei ihr gab es Familienfeste, Kinderübernachtungen, Ausflüge, Schultüten­basteln, Theateraufführungen, Vater-Kind-Wochenenden – ein riesiger Einsatz, der sich bewährt hat. So sind die Harlachinger zu einer Familie zusammengewachsen, aus Sandkasten-Spezln ­wurden Freunde fürs Leben. Zum 31. Januar übergibt „Frau Bauer“ den Posten in dem idyllischen Häuserl mit Garten in der Klara-Heese-Straße an ihre Nachfolgerin Christine Schwarz. Die tz sprach vorher noch mit der Rentnerin in spe und mit drei Generationen von Kindergartenkindern der „Kinderwelt Harlaching“.

Abschieds-Interview mit „Mama Theresa“

Frau Bauer, wie geht es Ihnen jetzt, da der Abschied naht?

Theresa Bauer: Ganz schlecht. Am schlimmsten wird es an meinem letzten Tag. Ich werde mit einem Handtäschchen gehen, ich lasse alles da. Meine Nachfolgerin muss dann eigene Fußstapfen hinterlassen.

Wie steht es mit den typischen Kindergärtner-Krankheiten: raue Stimme vom lauten Reden, kaputte Knie vom Am-Boden-Krabbeln?

Theresa Bauer: (seufzt) Klar hab ich Arthrose. Einfach mal in die Bauecke hocken – das geht heute nicht mehr. Das ärgert mich!

Was hat Ihnen all die Jahre die Arbeit mit den Kindern bedeutet?

Theresa Bauer: Alles. Die Kinder sind meine Welt. Meine Familie. Ich habe keine eigenen Kinder bekommen, aber ich habe mich reingeschmissen in die Arbeit. Mit 29 habe ich den Kinder­garten übernommen. Geholfen hat mir dabei ­sicher meine eigene Kindheit: Ich bin als eines von fünf Kindern behütet im Allgäu aufgewachsen. So wie meine ­Eltern habe ich immer versucht, vorzuleben, wie man sein sollte.

Sind Ihnen als Kindergarten-Chefin bestimmte Erlebnisse besonders nahe gegangen?

Theresa Bauer: Unzählige! An drei Buben kann ich mich aber noch besonders gut erinnern. Sie waren unwahrscheinlich schwierig, für die Eltern, für die Erzieher. Immer auf Konfrontation, konnten sich nicht an Regeln halten. Im Grunde waren sie besonders empfindsame Seelen. Das ging mir sehr nahe, wie ihr Lebensweg wohl weitergeht. ­Einer der drei hat im Schulalter erfahren, dass er adoptiert ist. Er ist daheim abgehauen. Und wo hat er sich verkrochen? Bei mir im Büro…

In der „Kinderwelt Harlaching“ hat die Erzieherin zahlreiche Heranwachsende geprägt.

Haben sich die Kinder in den 35 Jahren eigentlich verändert?

Theresa Bauer: Sehr. Die Kinder sollen ja in den drei Jahren vieles lernen: nett miteinander umgehen, sich über längere Zeit konzentrieren, „danke“, „bitte“, „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ sagen, gute Tischmanieren … Das wird immer schwieriger. Viele ­Kinder sehen sich heutzutage zu allererst einmal selber: Nur ich bin wichtig! Und sie springen von einem zum anderen, können nichts zu Ende bringen.

Und wie sind die Eltern im Vergleich zu früher?

Theresa Bauer: Früher waren die ­Mütter noch nicht so eingebunden ins Berufsleben. Das ist sicher nicht leichter geworden. Dafür sind die Väter ­heute viel aktiver. Maximilian Schell hatte sein Kind bei uns. Der saß gerne bei uns im Garten, mit seinem weißen Schal… Heutzutage hat kaum einer mehr Zeit. Immer: Schnell, schnell!

Wir müssen weg, einkaufen, arbeiten… Dann das Problem mit den Medien. ­Eltern lassen ihre Kinder schon Filme sehen, die sie noch gar nicht verarbeiten können. Auch die Sprache hat sich verändert. Aber bei uns im Kindergarten gibt es kein „cool“ oder „geil“.

Ist es heutzutage überhaupt noch ­erstrebenswert, Kindererzieher zu werden?

Theresa Bauer: Du wirst in dem Beruf nicht reich, du bist nur Dienstleister. Das, was wir wirklich leisten, kriegt kaum einer mit. Aber wenn du den ­Beruf mit Herzblut machst, dann gibt es nichts Schöneres. Wenn mich die Kinder umarmen, wenn Ehemalige mir schreiben, „Danke, die Zeit mit dir war unvergesslich“ – was will man mehr?

Und was machen Sie jetzt, in Rente?

Theresa Bauer: Erst einmal gar nichts! Ich hab ja mein Leben lang nie nichts gemacht!

Das sagen Kinder von damals und heute über ihre Pädagogin

Sofia Schindhelm verlängerte wegen „Mama Theresa“ ihre Kindergartenzeit.

Sofia Schindhelm (15) aus Harlaching: „Ich bin das beste Beispiel dafür, wie wir Harlachinger unsere Frau Bauer lieben: Ich bin sogar ein Jahr länger im Kindergarten geblieben, weil ich von ihr nicht wegwollte. Sie ist ein wahnsinnig herzlicher Mensch, der unglaublich lieb mit Kindern umgeht. Sie ist aber auch eine Respektsperson, die uns beigebracht hat, sich an Regeln zu halten. Auch wenn sie schimpft, ist sie trotzdem nicht böse. Nach meiner Kindergartenzeit ist der Kontakt zu Frau Bauer nie abgebrochen. Ich habe sogar zweimal für einen ­sozialen Tag im Kindergarten gearbeitet. Da habe ich gemerkt, was Frau Bauer jeden Tag geleistet hat.“

Kerstin Birkmann (40), Bürokauffrau, mit ihrer Tochter Sophie (8).

Kerstin Birkmann (40), Bürokauffrau, mit ihrer Tochter Sophie (8): „Ich war das erste Kind in Frau Bauers Kindergarten, und auch meine Tochter Sophie und mein Neffe Justin waren bei ihr. Darüber waren wir sehr glücklich – so schließt sich irgendwie ein Kreis. Frau Bauer ist ein herzlicher Mensch, sehr gradraus, auch mit einer gewissen Strenge und Konsequenz. Aber das ist ja etwas, was Kinder brauchen, woran sie sich orientieren können – das ist viel ­besser, als wenn ein Erwachsener nur „lieb“ ist. Frau ­Bauer hat sich all die Jahre mit viel Liebe und Leidenschaft für die ­Kinder eingesetzt. Nun ist es sehr traurig, dass sie geht.“

Annalena Kraemer rühmt die Vorlese-Qualitäten ihrer Erzieherin.

Annalena Kraemer (3) aus Harlaching: „Die Frau Bauer ist mein Schutzengel. Ich hab sie sehr lieb. Ich bin in der Schmetterlingsgruppe, da spiele ich am liebsten mit Frau Bauer Memory. Ich mag es auch, wenn sie mir was vorliest. Frau Bauer schimpft nie, sie ist immer lustig.“

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Harlaching - mein Viertel“.

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