Tatwaffen: Drei Frauenleichen sollen mit diesen Messern verstümmelt worden sein.

Johann Eichhorn: Die Bestie aus Aubing

München - Brutal, skurril, schicksalhaft – zur Eröffnung der neuen Polizeiausstellung erzählen wir einige der spektakulärsten Kriminalfälle Münchens neu. Heute: Der Sexualmörder Johann Eichhorn, der in den 30er-Jahren reihenweise Frauen auflauerte.

Schlosser Johann (Hans) Eichhorn wurde am 29. Januar 1939 festgenommen.

Die tatsächliche Anzahl seiner Opfer kannte niemand – auch er selbst nicht. Elf Jahre lang war Johann Eichhorn auf zügelloser Mädchenjagd in und um München. Nach seiner Verhaftung 1939 sagte er der Polizei über sich selbst, er sei wie „ein wildes Tier“ gewesen. Verurteilt wurde er zum Tode durch das Fallbeil – für fünf Morde und 90 Vergewaltigungen. Die tatsächliche Zahl verschiedenster Sittlichkeitsverbrechen soll aber bei mehreren hundert liegen.

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Die blutige Geiselnacht von München

1928 beginnt im Münchner Westen eine Serie von meist ähnlich ablaufenden Verbrechen: Junge Frauen werden brutal attackiert, mit einer Pistole oder einem Messer bedroht, missbraucht und teils auch ausgeraubt. In fünf Fällen werden die Opfer ermordet, ihre Leichen übel zugerichtet. Bis endlich 1939 – es war der 29. Januar – der Schrecken ein Ende findet. Passanten beobachten Eichhorn, wie er in Aubing ein zwölf Jahre altes Mädchen überfällt. Er wird gefasst.

In den folgenden Wochen kann die Polizei dem damals 32-Jährigen einzelne Taten nachweisen. Der Durchbruch gelingt aber erst, als die Polizei durch einen Spitzel im Gefängnis Details über Eichhorn erfährt. Schließlich bricht das gesamte Lügengerüst des Gewalttäters zusammen, der über Jahre hinweg ein perfektes Doppelleben geführt hatte. Bei seiner Festnahme ist er verheiratet, gilt als ordentlich, und die Nachbarschaft hat das Bild eines treusorgenden Vaters zweier Kinder von ihm. Bis der gelernte Bahn-Arbeiter schließlich alles gesteht ... 

Auf der Wiesn trifft er sein erstes Mordopfer

Rosa Eigelein: Ihr Schädel mit Einschussloch.

Auf der Wiesn lernt Eichhorn am 11. Oktober 1931 das 16 Jahre alte Dienstmädchen Katharina Schätzl aus Wolnzach kennen. Die beiden machen sich zu einem Fahrradausflug in Richtung Ebenhausen auf. Doch mitten auf der Tour zeigt Eichhorn urplötzlich sein anderes Gesicht: Er fällt über Schätzl her, vergewaltigt und erwürgt sie währenddessen. Er beschwert die tote Jugendliche mit Steinen und wirft sie in die Isar – die Leiche wird später bei Großhesselohe angespült. Aus dieser Zeit hat die Münchner Polizei noch heute eine Nachbildung des Kopfes von Katharina Schätzl in ihrem Archiv. Mit diesem versuchten die Fahnder damals, die Identität und das Schicksal des Opfers zu klären. Die Fahndung nach dem Täter blieb jedoch ergebnislos.

Zum zweiten Mal mordet Eichhorn knapp drei Jahre später. Sein Opfer: die Friseurs-Ehefrau Anna Geltl. Am 30. Mai 1934 ist die 26-Jährige mit ihrem Fahrrad im Forstenrieder Park unterwegs. Eichhorn zerrt die 26-Jährige von ihrem Rad in ein Gebüsch. Dort schießt er ihr in den Kopf und schneidet ihr mit einem Messer die Genitalien heraus.

Die noch lebende Frau verscharrt er unter Abfall

Katharina Schätzl war 1931 Eichhorns erstes Mordopfer. Ihr Kopf wurde damals zur Fahndung nachgebildet.

Nur wenige Wochen später tötet Eichhorn erneut: Berta Sauerbeck, eine 25 Jahre alte Kontoristin. In der Nacht auf den 9. September reißt er sie in Milbertshofen von ihrem Fahrrad. Da sie sich vehement wehrt, schießt Eichhorn ihr kurzerhand in den Hinterkopf und vergeht sich an ihr. Anschließend wirft er die schwerstverletzte, aber noch lebende Frau in eine Grube und verscharrt sie unter Abfall. Eichhorn erklärt später vor Gericht, dass er ohne Gewalt sexuell nicht zu erregen ist. Auch die mehrjährige Beziehung und spätere Ehe mit seiner Frau Josefa – die laut Eichhorn Brutalität liebte – konnte den Mann nicht zügeln. Rund drei Monate bevor Eichhorn seine Josefa heiratet – das Paar hatte bereits zwei gemeinsame Söhne –, begeht er seinen vierten Mord. Das Opfer: Rosa Eigelein. Nahe Germering reißt er die 25-jährige Näherin vom Rad, schießt ihr in den Hinterkopf, missbraucht sie und verstümmelt schließlich ihre Genitalien mit einem Messer. Diesmal gibt sich Eichhorn nicht einmal mehr die Mühe, die Leiche zu verstecken. Er lässt sie einfach nahe der Straße mitten auf einer Wiese liegen.

Maria Jörg, die fünfte Frau, die Eichhorn ermordet, ist wie alle zuvor ein Zufallsopfer. Auch die 23-jährige Hausangestellte zerrt er vom Rad, auch sie erschießt und verstümmelt er. Dann verscharrt er sie im Forstenrieder Park. Damit schließt sich der Kreis seiner Sexualmorde. Der Tatort ist nur unweit entfernt von der Stelle seines ersten Mordes – 1931 an Katharina Schätzl.

Ein "intellektuell durchschnittlich beanlagter" Mensch

Mörderhände: Eichhorns Fingerabdrücke.

Nach seiner Verhaftung wird Eichhorn von Ärzten und Psychologen untersucht. Der 1,73 Meter große Mann ist schlank und kräftig. Laut den Polizeiunterlagen hat er große Hände und einen großen Mund, in dem trotz relativ jungen Alters etliche Zähne fehlen. Die verbliebenen sind dunkel verfärbt, teils schwarz. Sonst ist er körperlich unauffällig. Im Gegensatz zu seiner Psyche. Laut Gutachten ist Eichhorn ein „intellektuell nicht unterdurchschnittlich beanlagter“ Mensch, jedoch handelt es sich bei ihm um einen „ethisch und moralisch tiefstehenden, haltlosen, willensschwachen, sexuell aussergewöhnlich triebhaften Psychopathen (...)“. Ende November 1939 – ein Todesurteil ist da bereits absehbar – schreibt Eichhorn aus den Gefängnis einen Abschiedsbrief an seine Familie, seine Frau und zwei Kinder. „Nachdem ich schweres Unrecht begangen habe, muß ich auch mit furchtbaren Folgen rechnen. (...) Ich selbst äußerte den Wunsch Euch nicht mehr zu sehen.“ Am 1. Dezember 1939 wird Eichhorn im Alter von 33 Jahren hingerichtet. Seine Frau und Söhne bekommen neue Namen und verlassen Aubing.

Einer der grausamsten Mörder der Kriminalgeschichte

Noch heute gilt Eichhorn als einer der grausamsten Mörder der deutschen Kriminalgeschichte. Dennoch blieb sein Name relativ unbekannt. Eine Erklärung dafür ist wohl, dass Eichhorn NSDAP-Mitglied war. Mit Zensur wurde seinerzeit versucht, die Geschichte zu vertuschen. Aufsehen erregte 2007 der Roman „Kalteis“, in dem die Autorin Maria Schenkel seine Taten verarbeitete.

Nun wird die grausame Erinnerung an den Psychopathen abermals geweckt: In der neuen Polizeiausstellung werden zahlreiche Asservate von „der Bestie aus Aubing“ gezeigt: von Fahndungsplakaten und Ermittlungsakten bis zu den Messern, mit denen Eichhorn seine Opfer verstümmelte.

Sven Rieber

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