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Ein Jugendheim für die ganz schweren Fälle

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Wie ein Gefängnis sieht der Neubau in Pasing nicht aus: Dennoch werden hier ab 2012 Jugendliche eingesperrt. Klaus Haag

München - In München entsteht ein geschlossenes Heim für gewalttätige und extrem auffällige Jugendliche. Maximal drei Monate sollen sie dort festgehalten werden. Experten haben Bedenken, ob das Konzept Erfolg haben wird.

Wie ein Gefängnis sieht es nicht aus, das Haus, das an der Scapinellistraße 15a in Pasing hochgezogen wird. Besonders fallen die bunten Fensterrahmen am Rohbau auf, der in diesen Tagen fertiggestellt wird. Vom 1. Januar 2012 an werden hier Jugendliche bis zu drei Monate lang eingesperrt sein.

Das Haus, „Sozialpsychiatrisches Jugendzentrum“ genannt, ist die erste geschlossene Jugendeinrichtung in München - und eine Großinvestition in Zeiten des Sparzwangs. Auch, wenn von den fünf Milllionen Euro, die die städtische Einrichtung kostet, 3,4 Millionen aus dem zweiten Konjunkturpaket der Bundesregierung fließen. Einsperren ist die letzte, weil einschneidendste Maßnahme der Jugendhilfe. „Aber wir sehen, dass es Karrieren gibt, in denen eine frühe Intervention hilfreich ist“, sagt Jugendamtsleiterin Maria Kurz-Adam. „Wir müssen Eskalationskarrieren verhindern.“

Eskalationskarrieren: Es ist ein Stichwort, das sofort Taten wie den Mord an Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln ins Gedächtnis ruft. Tatsächlich ist es nur ein kleiner Kreis Jugendlicher, für die die Unterbringung in dem neuen Haus infrage kommt. Junge Gewalttäter, die immer wieder die Polizei beschäftigen und die sich dem Jugendamt und seinen ambulanten Erziehungshilfen wiederholt entziehen. Oder Jungen und Mädchen, die in der Heckscher Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie landen, weil sie sich selbst oder andere gefährden. Vom ärztlichen Direktor der Klinik, Franz Joseph Freisleder, war vor drei Jahren der Anstoß gekommen, das geschlossene Heim einzurichten. Die Klinik hatte immer mehr Jugendliche aufnehmen müssen, die nicht psychisch krank, aber akut gewaltbereit waren.

14 Plätze in zwei Gruppen bietet das Heim. Eine Aufnahme erfolgt nur, wenn ein Familienrichter die Unterbringung anweist und ein sozialpsychiatrischer Gutachter ebenfalls keine andere Lösung sieht. Das Haus, das eine umzäunte Außenfläche hat, dürfen die 12- bis 17-Jährigen während ihres Aufenthalts nicht verlassen. Im Haus werden sie intensiv psychologisch und pädagogisch betreut. Wie intensiv, zeigt der Personalschlüssel: „Es werden immer etwa 20 Mitarbeiter vor Ort sein“, sagt Kurz-Adam. Die Bewohner bekommen in kleinen Gruppen Schulunterricht, ein Kinder- und Jugendpsychiater betreut sie, ihre Eltern werden in die Therapieplanung einbezogen. Innerhalb von maximal drei Monaten soll feststehen, ob der Jugendliche in ein offenes Heim umzieht oder zu den Eltern zurück.

Im kurzen Aufenthalt sehen Experten den Knackpunkt des Konzepts. „Die geschlossene Unterbringung über einen so kurzen Zeitraum kann die Jugendlichen nicht heilen, es kann nur ein guter Einstieg in eine Anschlusshilfe gefunden werden“, sagt Angela Bauer, Geschäftsführerin der heilpädagogisch-psychotherapeutischen Kinder- und Jugendhilfe (hpkj) in München. Um den Übergang aus dem geschlossenen Heim in die Betreuung danach zu gestalten, brauche es eine eigene Einrichtung, fordert Bauer. „Dafür ist die Stadt aber nicht bereit, Geld auszugeben“, sagt sie - „eine Sparmaßnahme am falschen Fleck“.

Auch Sabrina Hoops, die beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention arbeitet, sagt: „Der Erfolg der geschlossenen Unterbringung steht und fällt mit dem gelungenen Übergang danach. Das wird die ganz große Herausforderung.“ Jugendamts-Chefin Kurz-Adam betont: Die Einrichtungen, die die Jugendlichen nach der Zeit in Pasing aufnähmen, würden von Anfang an einbezogen. Wie die Anschlusshilfen koordiniert werden, darüber will sie aber noch nichts sagen.

Probleme sieht Bauer auch im Umgang mit den Jugendlichen. „In der Einrichtung darf man eigentlich keine Beziehungsarbeit machen, weil ja feststeht, dass die Jugendlichen nach drei Monaten weg sind“, sagt sie. „Sonst legt man die Splitterbombe für weitere Versuche, eine Beziehung zu dem Jugendlichen aufzubauen.“

Oft werde die Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung zu den Jugendlichen schon vorher zerstört, glaubt Hoops - wenn die Halbwüchsigen von einer offenen Einrichtung zur anderen verwiesen werden. Das könne zu „Pendelkarrieren“ führen - die Jugendlichen bekämen „immer mehr Probleme, sich auf Hilfebeziehungen und Verbindlichkeit einzulassen“.

350 bis 400 Euro kostet ein Tag im geschlossenen Heim pro Bewohner - weit mehr als andere Jugendhilfemaßnahmen. „Die Stadt investiert in eine Gruppe Jugendlicher, die die Gesellschaft gern verloren gibt“, sagt Kurz-Adam. Hoops dagegen glaubt „nicht, dass wir das Problem mit einigen Plätzen mehr in geschlossenen Einrichtungen lösen “. Sie fürchtet sogar einen negativen Effekt: „Wenn wir jetzt verstärkt Hoffnung auf so stark eingriffsorientierte Einrichtungen setzen, sehe ich die Gefahr, dass wir uns weniger auf Möglichkeiten besinnen, wie wir frühzeitig und präventiv Jugendliche unterstützen können.“

Aktuell gibt es in Bayern 93 Plätze in geschlossenen Heimen - mehr als in jedem anderen Bundesland. 42 Mädchen kann das Caritas-Heim Gauting aufnehmen, rund 20 Jungen die Rummelsberger Kinder- und Jugendhilfe bei Nürnberg. Zudem gibt es Plätze in Würzburg, Regensburg und Hallbergmoos.

Ob es auch in München eine solche Einrichtung braucht, darüber war jahrelang diskutiert worden. Dass 2009 der Beschluss für das geschlossene Heim fiel - für Bauer vor allem eine politische Entscheidung, „weil man nicht noch einmal eine Debatte wie nach dem Fall Arabellapark oder nach Solln riskieren wollte“. Nun müsse „kritisch beobachtet werden, ob die Einrichtung bringt, was sie verspricht“, sagt sie. Das will Jugendamts-Chefin Kurz-Adam. Und sie gibt zu: „Wir werden erst einmal Erfahrungen sammeln müssen.“

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