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Dr. Auguste von Bayern vor dem Nymphenburger Schloss, wo Biotopia entstehen soll. 

Große Pläne für Neubau in Nymphenburg

Prinzessin von Bayern plant Museum: „Von Raben lieben lernen“

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München - Bis 2023 soll am Nymphenburger Schloss ein Naturkundemuseum von internationalem Rang entstehen: Biotopia. Eine treibende Kraft ist die Nichte des Schlossherrn Herzog Franz von Bayern.

Es ist eine große Vision, aber keine Utopie: Biotopia, der große Museumsneubau von internationalem Rang, der die Wissenschaft vom Leben, also die Bio- und Umweltwissenschaften, in München und in einem bayernweiten Bildungsnetzwerk greifbar machen soll. Basis ist das Museum Mensch und Natur im Nymphenburger Schlosspark, das zu einem international führenden Life-­Sciences- und Naturkundemuseum für das 21. Jahrhundert um- und ausgebaut wird – unter der Leitung des Gründungs­direktors Prof. Dr. Michael John Gorman.

Treibende Kraft ist die Biologin Dr. Auguste von Bayern Prinzessin zur Lippe, die als Kind immer in der Natur unterwegs war und Vögel von Hand aufgezogen hat. Heute haben Kinder und Jugendliche den Kontakt zur Natur oft verloren. Deshalb setzt sich Dr. Auguste von Bayern zusammen mit anderen Wissenschaftlern und einem Förderkreis seit Jahren für den Neubau ein, es ist ihr Herzensprojekt: „Wir haben die einmalige Chance, damit ein Jahrhundertprojekt für Bayern zu realisieren. Ein international führendes Museum sowie ein Diskussionsforum und eine Plattform für die Life Sciences aufzubauen – mit Prof. Dr. Michael John Gorman als einen der weltweit führenden Experten im Museumsbereich.“

Biotopia will ein Museum über das Leben sein, in dem faszinierende Verhaltensweisen von Lebewesen im Mittelpunkt stehen, aber auch die Auswirkungen menschlichen Verhaltens aufgezeigt werden – in unmittelbarer Nachbarschaft von Schlosspark und Botanischem Garten.

Wie faszinierend die Wissenschaft sein kann, wollen Biotopia-Gründungsdirektor Prof. Michael John Gorman und Dr. Auguste von Bayern vermitteln.

Neben einer Dauerausstellung soll es auch ständig wechselnde Ausstellungen geben; dazu Foren, in denen sich Experten, Politiker und Wissenschaftler austauschen. „Wir haben außer dem Museum Mensch und Natur, das als Provisorium eingerichtet wurde, kein anderes Zentrum für Bio- und Umweltwissenschaften. Es ist viel zu klein, platzt aus allen Nähten und muss ­Tausende von Schulklassen abweisen, weil man nicht die notwendigen Kapazitäten und den Raum hat, sie zu betreuen“, erzählt Dr. Auguste von Bayern. „Wir sind in Bayern in der Forschung unglaublich gut aufgestellt, aber uns fehlt der wissenschaftliche Nachwuchs, weil es zu wenig Verbindung zu den Schulen gibt und die jungen Leute gar nicht mehr auf die Idee kommen, eine Karriere in der Forschung anzustreben. Gleichzeitig sind es die Zukunftswissenschaften. Das Wissen verdoppelt sich innerhalb von zwei Jahren, aber die Bildung in diesen Fächern hinkt teilweise Jahrzehnte hinterher.“

Zu den Wissenschaften vom Leben gehören auch die Umweltwissenschaften. „Die Kinder wachsen heute völlig naturentfremdet auf. Sie denken, Milch kommt aus dem Supermarkt, viele können ein Ahornblatt von einem Eichblatt nicht mehr unterscheiden. Wir können aber unser menschliches Potenzial gar nicht voll entwickeln, wenn wir keinen Naturbezug haben“, appelliert die Biologin, die sich seit Jahren ehrenamtlich für das Museum einsetzt und dafür sogar ihre wissenschaftliche Karriere hintangestellt hat. „Wenn ich diese Zeit in meine Karriere investiert hätte, wäre ich vielleicht schon ein schönes Stück weiter. Aber ich bin so überzeugt von Biotopia!“

2023 soll das Museum fertig sein, aber schon jetzt geht es als Bildungsnetzwerk und geistige Plattform in Betrieb: Ab nächstes Jahr soll es ein Biotopia-Wissenschaftsfestival geben, ein provisorisches Lern-Labor im Botanischen Garten und schon jetzt werden die Ausstellungen im Detail geplant. Insgesamt werden Neubau und Konzeption mit 95 Millionen Euro veranschlagt.

Auguste von Bayern: Urenkelin von Ludwig III

Dr. Auguste von Bayern ­Prinzessin zur Lippe (37) ist die älteste Tochter von ­Luitpold Prinz und Beatrix Prinzessin von Bayern, die in Kaltenberg residieren. Sie ist die Ururenkelin des letzten bayerischen Königs, Ludwig III., und verheiratet mit dem Juristen Ferdinand Prinz zur Lippe, mit dem sie zwei Söhne hat: Louis ­Ferdinand (3) und Carl Philipp (1).

Dr. Auguste von Bayern studierte in München und Kapstadt Biologie und promovierte in Cambridge über soziale Intelligenz und soziokognitive Fähigkeiten von Dohlen, eine Rabenvogel-Art. Danach setzte sie ihre wissenschaftliche Karriere in einer Forschungsgruppe an der Universität Oxford fort – über die Intelligenz von Rabenvögeln. Seit 2015 leitet sie eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Ornithologie (MPIO) in Seewiesen bei Andechs, wo es um vergleichende Kognitionsforschung, die Denkfähigkeiten von Rabenvögeln und Papageien geht, und wie sie sich evolutionär geistig an die Umwelt anpassen. Zu diesem Zweck leitet sie in Zusammenarbeit zwischen dem MPIO und der Loro Parque Fundación eine Forschungsgruppe auf Teneriffa.

Sehr höflich, aber zurückhaltend – so empfängt Dr. Auguste von Bayern Prinzessin zur Lippe den tz-Besuch in einem Nebengebäude der Schlossanlage. Dort, wo schon die LMU Forschungslabore hatte, sitzt jetzt das Planungsteam für das derzeit ehrgeizigste Museumsprojekt Bayerns: das Naturkundemuseum Biotopia, das in Europa eine Vorreiterrolle spielen wird, wenn es 2023 vollständig in Betrieb ist. Die Biologin Dr. Auguste von Bayern kämpft seit Jahren für das Museum, das Naturwissenschaft unterhaltsam und spannend vermitteln soll. Sie selbst erforscht das Sozialverhalten und die Denkfähigkeiten von Raben­vögeln und Papageien. Ulrike Schmidt traf sie zum Interview:

Wie spricht man Sie denn korrekt an? Königliche Hoheit? Dr. Auguste von Bayern Prinzessin zur Lippe?

Dr. Auguste von Bayern: In der Wissenschaft trete ich als Dr. Auguste von Bayern auf, der Hintergrund interessiert da niemanden.

Wer ist nun gescheiter – die Raben oder die Papageien?

Das ist das Spannende: Sie sind wahrscheinlich relativ ähnlich intelligent, sind dabei aber extrem weit voneinander entfernt verwandt. Sie sind vergleichbar nah verwandt wie der Mensch mit dem Delfin. Ihre Intelligenz haben Raben und Papageien also unabhängig voneinander entwickelt. Im Verhältnis Größe des Gehirns zum Körper stehen wir Menschen an der Spitze, aber gleich nach uns stechen neben unseren engsten Verwandten, den Primaten, Delfine, Raben und Papageien durch ihre großen Gehirne unter den Wirbeltieren hervor. Und das, obwohl zwischen der Entwicklung der Vögel und der Primaten 300 Millionen Jahre liegen. In den letzten 15 Jahren hat die Forschung jedoch gezeigt, dass Rabenvögel in ihren geistigen Fähigkeiten auf dem gleichen Niveau wie Menschenaffen sind.

Das haben Sie miterforscht. Wie kommt es, dass Sie so einen Hang zu Raben haben?

Ich bin sehr naturverbunden aufgewachsen, und wir haben schon als Kleinkinder junge Enten und Gänse großgezogen – Gänse sind ja wahnsinnig klug – und so baut man eine ganz enge Bindung zu den Vögeln auf, ich würde sogar sagen, es ist eine stärke emotionale Bindung als zu einem Hund. Wir haben auch noch alle möglichen Wildvögel aufgezogen, und so hatte ich immer lauter zahme, kluge Vögel um mich. Viele Menschen wissen gar nicht, wie intelligent Vögel sind – man spricht ja immer noch von Spatzenhirn, einer dummen Gans und einer Rabenmutter ...

Total verkehrt, oder?

Total. Raben sind ganz im Gegenteil besonders gute Eltern, sie riskieren sogar ihr Leben für ihre Jungen.

Wie kommen dann solche offensichtlich dummen Sprüche zustande?

Es sind ja fast alle Redensarten, die mit der Intelligenz von Tieren zu tun haben, falsch. Daran merkt man auch, dass tierische Intelligenz sehr lange nicht wissenschaftlich untersucht wurde. Die Forschung darüber hat erst langsam in den 60er-Jahren an Primaten begonnen und ist erst in den 90er-Jahren auf andere Tiergruppen übergegangen. Zuvor war man eher davon ausgegangen, dass Tiere instinktgesteuert, also genetisch vorprogrammiert sind, und sich nicht flexibel verhalten können, geschweige denn frei denken können.

Lebenslange Partnerschaften - was wir von Raben lernen können

Was kann denn der Mensch von Raben lernen?

Rabenvögel sind sehr soziale Tiere und die meisten Arten sind lebenslang monogam. Bei uns Menschen gehen so viele Ehen auseinander, die Rabenvögel arbeiten lebenslang an ihrer Ehe: Sie sind sehr zärtlich miteinander, fast unzertrennlich, und wenn sie nicht gerade Futter suchen, sitzen sie ganz eng beieinander, kraulen und füttern sich gegenseitig. Sie investieren viel in ihre Partnerschaft und arbeiten ständig daran – das könnten wir uns zum Beispiel zum Vorbild nehmen.

Am Anfang so einer Ehe steht ja die richtige Partnerwahl. Wie finden sich die ­Rabenpaare?

Sie verlieben sich! Wenn sich Jungvögel nach und nach von ihren Eltern ablösen, finden sie sich in größeren Gruppen zusammen, treffen auf andere unverpaarte Vögel und dann kommen die ersten Beziehungen zustande so ähnlich wie bei menschlichen Teenagern. Genauso unvermittelt wie beim Menschen kann sich auch ein Rabe von einem Moment zu anderen in einen Artgenossen verlieben und fortan nur noch die Nähe eines bestimmten Tieres sucht. Das kann auch richtig seifenopernartig werden, wenn der Werbende nicht erhört wird. Ich habe einzelne Raben erlebt, die jahrelang hinter einem bestimmten Individuum her waren, das verpaart war und kein Interesse zeigte, und trotzdem hat er nicht abgelassen.

Haben denn Raben ­Gefühle wie Menschen?

Das hab ich persönlich nicht erforscht, aber man kann inzwischen mit Sicherheit sagen, dass Tiere auch Gefühle haben. Gefühle sind nichts anderes als Gehirnprozesse, die fest an gewisse hormonelle Prozesse gekoppelt sind und sich in der Mimik oder Körpersprache äußern. Angst und Aggression zum Beispiel sind Emotionen, die wir alle – vom Reptil über den Vogel bis zum Säugetier – haben und die sich – meist sehr unmissverständlich nach außen zeigen. Die Fixierung auf einen Partner bei den Rabenvögeln ist sicher auch stark emotional gesteuert.

Jedes Tier hat eine eigene Persönlichkeit

Nach welchen Schönheitsidealen gehen die Vögel vor?

Was man sich als Mensch sehr schwer vorstellen kann: Jedes einzelne Tier ist eine eigene Persönlichkeit, es gibt ganz starke individuelle Unterschiede. Jede Krähe ist anders und wenn man mit ihnen arbeitet, lernt man sie als Individuen kennen. Erst einmal sehen alle gleich und schwarz aus; später lernt man sie zu unterscheiden, an der Art wie sie sich bewegen, wie sie ihren Kopf halten, an ihrem Verhalten und an der Stimme. Ich finde das eine der bereicherndsten Erfahrungen und das größte Privileg meiner Arbeit, dass man diese Tiere individuell kennenlernt und als Charaktere begreift. Auch jeden Spatz sehe ich als kleine Persönlichkeit.

Umso schwerer vorstellbar wird es, so ein Tier zu ­essen...

Ich bin keine strikte Vegetarierin, aber ich esse kaum Fleisch, und wenn, dann achte ich auf die Herkunft. Ich hab kein großes Problem, zum Beispiel gelegentlich mal Wild zu essen, weil ich weiß, dass die Tiere ein schönes Leben hatten. Aber Fleisch aus Massentierhaltung – das finde ich nicht vertretbar.

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