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Nächster Halt: Baustelle. Die S-Bahn-Station Freiham ist ziemlich das einzige, was in dem neuen Stadtteil fertig ist. 

Serie Teil 5: Grenzen des Wachstums 

Geisterstadt mit S-Bahn-Anschluss: Der neue Stadtteil Freiham

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München - Sind die Grenzen des Wachstums in München und Umgebung erreicht? In einer Serie beleuchten wir, was der Boom mit unserer Heimat macht. Teil 5: In Freiham entsteht ein Stadtteil für 20 000 Menschen – und das ist kompliziert.

An schlechten Tagen sitzt Frisörmeisterin Sabine Planner, 49, vor ihrem Terminbuch und träumt. Sie stellt sich vor, dass die Seiten darin nicht so gut wie leer sind. Und dass endlich Kunden kommen, fünf Jahre, nachdem sie ihren Laden eröffnet hat. Aber da ist niemand. Das Geschäft liegt mitten im Nirgendwo: In München-Freiham, einem Viertel, das einmal so viele Einwohner haben wird wie Gauting, Haar oder Gröbenzell, aber das es noch nicht gibt. Also wartet Sabine Planner und hofft, dass es sich irgendwann lohnt, die Erste gewesen zu sein. „Wenn alles fertig ist, brummt das Geschäft.“ Davon ist sie überzeugt. Aber das dauert. Und dauert.

Sabine Planner in ihrem Laden. Sie ist die erste Frisörin im neuen Stadtteil Freiham. Weil nur wenige Wohnungen fertig sind, kommen auch selten Kunden zu ihr.

Hier, zwölf Kilometer westlich vom Münchner Zentrum, wird eine der letzten großen Freiflächen der Stadt bebaut. Zwischen der A 99 im Westen und Aubing im Osten sollen Häuser stehen für 20 000 Menschen und Firmen für 7500 Angestellte. Das ist dringend notwendig wegen der Wohnungsnot, die München schier erdrückt. Ein Möbelhaus gibt es schon in der Nähe, aber bis die ganzen Neu-Freihamer dort ihre Einrichtung kaufen, vergeht noch viel Zeit. 15 Jahre nach Planungsbeginn zieht sich die Geburt eines neuen Viertels in die Länge – auch wegen eines Vogels.

Die Vision der Planer: Zwischen der A 99 (unten) und Aubing sollen Wohnungen für 20 000 Menschen entstehen. Der erste Realisierungsabschnitt (rot umrahmt) wird jetzt gebaut.

Die Feldlerche ist auf der Baustelle gesichtet worden, genauer gesagt zehn Brutpaare der geschützten Art. Das hieß: sofortiger Baustopp. Bevor es weitergeht, muss der Feldbrüter erst in sein neues Zuhause gelockt werden, 300 Meter weiter zum Gut Freiham, von dem der Stadtteil seinen Namen hat. Wie lange das dauert, weiß keiner. Der Bau hängt von der Laune eines Vogels ab. Aber das ist nicht das einzige Problem in Freiham.

350 Hektar groß, vier Grundschulen, 13 Kitas

Wer das neue Viertel kennenlernen will, muss Pläne lesen, denn nur dort hat Freiham schon ein Skelett: 350 Hektar groß, vier Grundschulen, 13 Kitas, Altenheim, Kletteranlage, Volkshochschule, Alleen und Parks. Das alles soll nicht durchgeplant sein wie New York mit langen Straßenfluchten, sondern großzügig wirken und locker.

Das steht schon in Freiham: 200 Wohnungen, ein Ärztehaus und ein paar Läden. Drumherum: Baustelle.

Der S-Bahn-Halt ist schon fertig, und um die Fördergelder dafür zu bekommen, hat die Stadt bereits 200 Wohnungen, ein Ärztehaus und Läden bauen lassen, zum Beispiel den von Frisörin Sabine Planner. Die S 8 braucht von hier 22 Minuten zum Marienplatz. Ein typischer Bahnsteig mit 210 Metern Länge, blauen Anzeigetafeln und den Durchsagen, wenn die Bahn mal wieder fünf Minuten später eintrifft. Aber es herrscht kein Gedränge, nicht mal im Berufsverkehr. Rund um den Bahnsteig ist Baustelle, auch dreieinhalb Jahre nach Eröffnung der Station.

Zeit wird relativ, wenn es um den Bau einer neuen Stadt in der Stadt geht. Schon seit den 1960er-Jahren gibt es die Idee, in Freiham ein Entlastungsviertel wie Oberschleißheim und Perlach zu bauen, auch die Grundstücke wurden damals gekauft. Jetzt wird endlich gebaut, aber die Visionen der Planer sind überholt. Viel lieber würde man jetzt dichter bauen, um die Wohnungsnot zu lindern und die Explosion der Mietpreise zu bremsen. Aber die Pläne sind fertig, zumindest für den ersten Teil von Freiham. Im zweiten könnte alles viel enger werden. Aber wer weiß schon, ob das in 20 Jahren noch gebraucht wird.

Stadt-Politiker Sebastian Kriesel, 33, von der CSU

„Mit der Stadtentwicklung ist es wie mit der Mode“, sagt Sebastian Kriesel, 33, Chef des Bezirksausschusses. Er steht mitten auf der Baustelle auf einem kleinen Aussichtsturm und blickt über die Felder. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Das ist das Gute, wenn keine Häuser Schatten werfen. Dafür ist es an anderen Tagen umso kälter, wenn nichts den Westwind bremst. Geschmäcker verändern sich, sagt CSU-Politiker Kriesel. Nicht immer ist man stolz auf die Dinge, die vor 20 Jahren ganz toll schienen. „Man muss Fehler erkennen und mutig sein, Sachen zu ändern.“

Aus Fehlern in der Vergangenheit lernen

Die Planer versuchen, in Freiham Fehler zu verhindern, die früher in München gemacht wurden. In Neuperlach zum Beispiel wurden nur riesige Wohnblöcke hochgezogen, ein sozialer Brennpunkt entstand. Und Riem hat ein eher mieses Image, obwohl es dort auch schöne Ecken gibt. In Freiham soll das besser werden. Die Aubinger nebenan kämpfen trotzdem gegen das Viertel. Sie haben Angst vor dem Verkehr, den ihre neuen Nachbarn verursachen.

„Die S-Bahn ist jetzt schon überlastet“, sagt Sebastian Kriesel. „Es reicht nicht, Wohnungen zu bauen, die ganze Infrastruktur muss wachsen.“ Ja, die Tramlinie 19 soll von Pasing aus verlängert werden, und Freiham bekommt einen weiteren Anschluss an die A 99. Aber auf der Bodenseestraße, der wichtigsten Achse für Pendler aus dem Westen, fahren jetzt schon 25 000 Autos pro Tag. Und über die Straßen in Aubing wird man auch nicht mehr ohne Ampeln gehen können, wenn sich der Verkehr verdoppelt hat. „Eigentlich brauchen wir eine U-Bahn“, sagt Kriesel. „Die könnte gleich weiter bis Germering fahren.“ Aber sie war nicht Teil der Planung.

Schulen eröffnen, Kinder fehlen

Nicht alles lässt sich bei einem Mega-Projekt zeitlich perfekt abstimmen, manchmal ist Stadtplanung sogar verrückt. Der neue A 99-Anschluss muss zum Beispiel erst als Provisorium mit einem Knick gebaut werden, weil sich die Verhandlungen für ein einzelnes Grundstück hingezogen hatten. Zwei Grundschulen sind schon fast fertig und eröffnen im September, obwohl es noch keine Häuser gibt und damit keine Kinder. Schüler aus Aubing werden erst mal hierher ausweichen. Und dann gibt es Gehwege, die Bauarbeiter schon dreimal gebaut, weggerissen und wieder geteert haben.

Othmar Oberhofer bietet in seinem „Bauernladele“ Südtiroler Spezialitäten an.

„Wenn die Häuser geplant werden wie die Straßen, sind die hier in 30 Jahren nicht fertig“, sagt Othmar Oberhofer, Nachbar von Frisörin Sabine Planner. Er betreibt einen Südtiroler Bauernladen, durch die Fenster sieht er absurde Dinge. „Da wird am Schreibtisch an der Realität vorbeigedacht.“ Obwohl in seinem Laden noch nichts los ist, sind die Parkplätze davor schon belegt. Weil Pendler die Ein-Euro-Gebühr vom Parkplatz an der S-Bahn sparen wollen. „Aber die Politesse fährt nicht raus“, sagt Oberhofer. „Sie hat mir gesagt, die Fahrt mit der S-Bahn lohnt sich für sie nicht für die eine Straße, die es gibt.“

An manchen Tagen fühlen sich die Anwohner vergessen. Für Frisörin Sabine Planner ist das in ihrem Salon ohne Kunden ein Riesenproblem. Sie wusste, dass sie Geduld braucht, bis ihr Geschäft läuft. Der Erste ist in Freiham nicht der Gewinner wie im Sport. Der Erste verliert viel Geld. Als sie sich für das Risiko entschied und ihren alten Laden am Münchner Westkreuz aufgab, erklärten ihre Freunde sie für verrückt. Wenn man in ihr leeres Terminbuch schaut, hatten sie Recht. Es darf nicht mehr lange dauern, bis in Freiham endlich Leben einkehrt.

Lesen Sie auch die weiteren Teile der Serie:

Acht Fakten, warum München immer größer und teurer wird

Unterföhring – Turbo-Gemeinde im Speckgürtel

Gastbeitrag von Prof. Dr. Holger Magel: Wachstum in München: „Haltet inne und macht langsam“ 

Wenn der Traum vom Haus unbezahlbar wird

Warum Pliening nicht so sein will wie Poing

Die Angst vorm Neubaugebiet

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