München ohne Wiesn für immer? Keine schlechte Idee! Es kommentiert Klaus-Maria Mehr.
+
München ohne Wiesn für immer? Keine schlechte Idee! Es kommentiert Klaus-Maria Mehr.

Samstag wäre Anstich gewesen

Kommentar: Schafft die Wiesn ab! Warum München ohne Oktoberfest besser dasteht

  • Klaus-Maria Mehr
    VonKlaus-Maria Mehr
    schließen

Am Samstag wäre Anstich gewesen auf der Wiesn 2021. Doch zum zweiten Jahr in Folge fällt das Oktoberfest aus. München täte gut daran, daraus eine Regel zu machen und sich neu zu erfinden. Ein Kommentar.

Das Schöne an der Pandemie ist, dass sie Undenkbares möglich macht. Homeoffice - in vielen Betrieben undenkbar - plötzlich nicht nur möglich, sondern Alltag. Der eigene Pkw war unverzichtbar. In vielen Haushalten wird er nicht mehr gebraucht, Fahrrad und Bahncard tun es auch. Unersetzbare Geschäftsreisen, Inlandsflüge, Faxgeräte wurden durch einen Laptop am Frühstückstisch ersetzt.

Freilich sind diese kleinen gesellschaftlichen Revolutiönchen kaum vergleichbar mit dem Undenkbarsten alles Undenkbaren:

München ohne Wiesn. Aber vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee. Dauerhaft. Das vergangene Jahr hat gezeigt: Die Wiesn mag München brauchen, aber München braucht die Wiesn nicht.

München braucht die Wiesn nicht, die Wiesn braucht München

Normalerweise beginnt der Wiesn-Aufbau Anfang Juli. Am Samstag wäre Anstich gewesen. Doch schon das zweite Jahr in Folge tummeln sich Hummeln und Jogger statt Schausteller und Bierselige auf Münchens großem Feld. Der Umsatz fehlt schmerzlich in vielen Branchen. Rund 800 Millionen Euro allein bei den Hotels und Wirten, rechnet die Stadt München vor. Rund eine halbe Milliarde Euro wird auf der Theresienwiese direkt umgesetzt in nur 16 Tagen Oktoberfest. 8000 Festangestellte und 4000 Saisonkräfte befinden sich in Dauerkurzarbeit oder sind ganz ohne Einkommen.

Schlimm. Ohne Frage. Auch, wenn die Stadt hier die Kosten für die Allgemeinheit nicht nennt. Gemeint sind jetzt weniger die unverschämten Mass-Preise, sondern mehr die rund 2000 Polizeieinsätze pro Wiesn, die Rettungseinsätze, der Müll - und, wenn wir noch ein bisschen Klima-orientierter denken wollen: die CO₂-Bilanz.

Die Klima-Bilanz des Oktoberfests ist erschreckend hoch

Nur ein Teilaspekt: 2019 wurden rund 7,3 Millionen Mass ausgeschenkt. Was viele dabei nicht wissen: Brauen ist nicht gut fürs Klima. Gar nicht gut. Sehr Brauer-freundlich gerechnet macht das 730 Tonnen Treibhausgas pro Wiesn allein durch den Bierkonsum. Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen wollen, wäre das schon das Jahres-CO2-Budget für 500 Münchner.

Noch nicht genug? Bis ein Wiesnzelt komplett angeliefert ist, braucht es 800 Lkw-Ladungen. Dann hätten wir noch die halbe Million Hendl, die 50 Kälber, die 115 Ochsen, 75.000 Schweinshaxen und 140.000 Paar Schweinswürste. Auf der Wiesn wird ja bekanntlich vor allem Fleisch konsumiert, damit die dritte Mass schön flutscht. Und Fleisch ist weit vor dem Bier der Klimakiller Nummer eins. Dann wollen die Zelte und Großküchen beheizt, das Bier gekühlt werden, die Lichter müssen leuchten, die Fahrgeschäfte laufen... Dass die Stadt München schon seit Jahren das Oktoberfest allen Ernstes als Öko-Wiesn verkauft, weil ein bisschen Strom und Gas erneuerbar ist, wirkt in Zeiten von Eifel-Hochwasser und weltweiten Waldbränden bestenfalls lächerlich und zeigt ja nur, dass auch die Verantwortlichen in Anbetracht dieser Zahlen auch ein klitzekleines Problem sehen.

München: Da kannst du dich besaufen - ist das noch ein Aushängeschild, das wir wollen?

Und wofür das alles? Für die tolle Außenwirkung wohl eher nicht. New York, die Stadt, die niemals schläft. Rom, die ewige Stadt. München - da kannst du dich besaufen. Wir haben sogar einen eigenen Kotzhügel. Hat sonst keiner. Bisserl Obacht an die Damenwelt, da grapscht auch gern mal einer. Aber mei, ist halt die Wiesn, gell. Das größte Besäufnis der Welt. Eigentlich sollte man darauf nicht stolz sein.

Die Wiesn noch „Volksfest“ zu nennen ist schon mutig

Also, wofür das alles? Damit der Isar-Preiss einmal im Jahr seine Fake-Lederhosen und Pseudodirndl rausholen, sich richtig besaufen und das dann als Münchner und bayerische Lebenskultur feiern kann, obwohl er in zweiter Generation Bairisch noch für Kunstsprache von Harry G hält. Überhaupt: Die Wiesn noch Volksfest zu nennen, ist schon mutig. Wer das tut, muss Skifahren in St. Moritz auch als Volkssport bezeichnen. Preislich kommt das eher hin.

Und jetzt mal ganz ehrlich: Eine Institution unterstützen nur um der Institution willen - da können wir auch gleich um die Kohlekraftwerke trauern und sämtliche Autokonzerne verstaatlichen, damit die weiter ihre Verbrenner produzieren können. Und wer jetzt mit Tränen in den Augen „Sweet Caroline“ vor sich hinsummt und gedanklich auf einer Bierzeltbank schunkelt, dem seien die unzähligen kleinen und mittleren Volksfeste in ganz Bayern wärmstens empfohlen. Die, die ihren Namen noch verdienen. Da, wo auch noch eine Familie mit zwei Kindern einen Nachmittag verbringen kann, ohne dass sie gleich einen Kredit aufnehmen muss.

Die Theresienwiese könnte ein Ort unbegrenzter Möglichkeiten sein

Die Theresienwiese kann ein Raum unbegrenzter Möglichkeiten sein, wenn sie nicht mit Bierzelten zugepflastert ist. Warum nicht dort zeigen, wofür Bayern und München wirklich steht. Regionalität, kleinteilige Biolandwirtschaft, exzellente Bierkreationen aus kleinen Brauereien in ganz Bayern mit einem Preis für das Klima-neutralste Erzeugnis. Gerne mit einem Biergarten nebenan mit der längsten Getränkekarte der Welt. Eine Weltausstellung mit Technik-Ideen aus Bayern und der Welt, um derselben doch noch eine Zukunft zu geben, wo Tüftler, Universitäten und Industrie aus Bayern gemeinsam zeigen, was sie können. Tech-Ausstellung statt Wiesn? Undenkbar? 2019 sicher. 2021 nicht mehr ganz so sehr.

Über diese Serie

Diese Kommentar ist ein Teil einer losen Serie zum kalendarischen Wiesn-Anstich der München- und Bayernredaktion von tz.de und Merkur.de.* Bereits veröffentlicht: Sieben Dinge, die ich an der Wiesn vermisse. Sowie: Sieben Dinge, die ich an der Wiesn nicht vermisse. *tz.de/muenchen und Merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Unser München-Newsletter informiert Sie rund um die anstehende Bundestagswahl über alle Entwicklungen und Ergebnisse aus der Isar-Metropole – und natürlich auch über alle anderen wichtigen Geschichten aus München.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare