Wiesn-Gäste verdrängen minderjährige Flüchtlinge

München - Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in München wächst. Zu den 2000, die hier leben, kommen ständig neue hinzu. Die Unterkünfte sind überbelegt – und bald wird es noch enger: Weil Hotelzimmer zur Wiesn reserviert sind, müssen sie raus.
„Liebe Kinder, liebe Eltern! Leider muss der Sportunterricht auf unbestimmte Zeit entfallen, weil die Turnhalle für die Unterbringung junger Flüchtlinge gebraucht wird.“ Das wäre das äußerste Szenario in München. Doch allmählich wird es denkbar – vor allem ab 20. September, wenn das Oktoberfest beginnt.
Mit der allgemein steigenden Asylbewerberzahl kommen auch immer mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, im Amtsjargon „UMF“: Vor allem 16- bis 18-Jährige, die ohne Eltern oder andere Verwandte aus ihren Heimatländern geflüchtet sind. Sie gelangen über die südbayerische Grenze, werden von der Polizei aufgegriffen, zumeist nach München gebracht – und stellen die Stadt vor noch andere Herausforderungen als asylsuchende Erwachsene oder Familien: Seit diesem Jahr fallen sie unters Jugendhilfe-Gesetz und müssen gut versorgt werden – in kleinen Wohneinheiten, mit intensiver Betreuung.
Knapp 2000 junge Flüchtlinge leben zurzeit in Münchner Jugendhilfe-Einrichtungen, etwa Wohngruppen. Zuvor muss ihr Alter festgestellt werden. Darum landen sie erst für einige Wochen im „Übergangswohnen“ und werden dann weiterverteilt. Volljährige, deren Zustand stabil ist, kommen in normale Gemeinschaftsunterkünfte. Im Übergangswohnen leben aktuell knapp 370 Jugendliche: davon 140 in zwei Häusern der Bayernkaserne und 150 in Pensionen (Hotel Pollinger in Aubing, Hotel Central am Hauptbahnhof, Parkhotel auf der Theresienhöhe). Allein in der Nacht zu Donnerstag kamen 26 neue an. Und bald könnte es überall eng werden. Denn zum Oktoberfest haben die Hotels teilweise Reservierungen vom Vorjahr vorliegen – und wollen die jungen Flüchtlinge loswerden, wie unsere Zeitung aus dem Sozialreferat erfuhr. Und die Kasernenhäuser 19 und 20 sind längst zu geschätzt einem Drittel überbelegt mit Matratzen auf den Böden. Noch dazu fehlen Betreuer: Die Innere Mission beklagt, in der Kaserne finde nur „Jugendhilfe light“ statt.
Höchste Zeit für Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD), bei der Unterkunftsuche Vollgas zu geben – und Hilfe zu holen: In einem Brandbrief vom 14. August an Sozialministerin Emilia Müller (CSU), der unserer Zeitung vorliegt, moniert sie, dass 80 Prozent der Teenager in München landeten und nur der Rest bei anderen bayerischen Jugendämtern. Und: „Aufgrund der in den nächsten Tagen drohenden Überschreitung der Kapazitäten im Jugendhilfesystem laufen in meinem Haus derzeit Planungen, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kurzfristig in Hallen unterzubringen, was jedoch meines Erachtens nicht mehr vom Kinder- und Jugendhilferecht gedeckt ist.“
Was für Hallen? Erstens sollen weitere Kasernengebäude geprüft werden, sagt Referatssprecher Frank Boos. Wobei kaum vorstellbar ist, dass Teenies in die alten Lkw-Garagen ziehen, die schon bei den Erwachsenen eine umstrittene Notlösung sind. Zweitens wolle man Sporthallen prüfen. Dem Referat für Bildung und Sport liegt noch „keine konkrete Anfrage“ des Sozialreferats vor, sagt Sprecherin Ursula Oberhuber. 375 der 417 Hallen in München sind städtisch verwaltet. Und: „Die Hallenkapazität ist gut ausgelastet.“ Bei einer Anfrage müsse man dann prüfen – etwa ob Turnhallen Toiletten und einen separaten Eingang hätten. Die Hallenbelegung wird immer zu Schuljahresanfang festgelegt.
Meier appellierte an die Verantwortung der Regierung: Als überörtlicher Jugendhilfe-Träger müsse der Freistaat auf einen gleichmäßigen Ausbau der Angebote hinwirken – und dazu endlich ein bayernweites „koordiniertes Verteilungsverfahren“ etablieren. Massiv betroffen seien auch Rosenheim und Passau. Die Situation habe sich nochmal verschäft, seit Ende Juli bereits OB Dieter Reiter (SPD) bei Müller den Aufbau einer solchen Koordinierungsstelle anregte. Zudem hat Reiter Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zum Spitzentreffen über die Flüchtlingssituation gebeten.
Das Sozialministerium verweist auf Anfrage darauf, dass es seit Januar bayernweit 135 neue Inobhutnahme-Plätze gebe und weitere 120 geplant seien. Zudem strebe man eine landes- und bundesweit gleichmäßige Verteilung an, so Sprecherin Daniela Schürf. „Hiervon würde vor allem die Landeshauptstadt profitieren.“
Christine Ulrich
Auch interessant
Kommentare
Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion