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In seinem gemütlichen Schaukelstuhl kann Karlheinz Geißler Zeit am besten genießen. Er lebt seit 30 Jahre n ohne Uhr. Beim Thema Zeit ist er aber ein Experte. Selbst Unternehmer und Therapeuten holen sich bei ihm Rat. 

Zeitumstellung ist für ihn kein Thema

Dieser Mann lebt seit 30 Jahren ohne Uhr

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Die Zeitumstellung am Wochenende ist für Karlheinz Geißler kein Problem. Der 72-Jährige lebt seit 30 Jahren ohne Uhr - und ist dennoch ein gefragter Experte beim Thema Zeit. 

München - Nichts tickt. Wenn nach dem Mittagessen einer von Karlheinz Geißlers Lieblingsmomenten des Tages beginnt, er sich in seinen gemütlichen Schaukelstuhl setzt, sich die Frühlingssonne ins Gesicht scheinen und die Gedanken in die Ferne schweifen lässt, kann ihn nichts aus der Ruhe bringen. Schon gar nicht die monoton tickende Diktatorin. Wie sollte sie auch – Geißler hat sie vor drei Jahrzehnten aus seinem Leben verbannt. Seit damals lebt er ohne Uhr. Und zufriedener, findet er.

„Eigentlich“, sagt er, „müsste man auf einen Friedhof gehen, um sich angemessen über Zeit zu unterhalten.“ An einen Ort, der einen mit der Endlichkeit von Zeit konfrontiert. Geißler hat sich in seinem Leben allerdings so viele Gedanken über das Thema Zeit gemacht, da tut es der gemütliche Schaukelstuhl in seinem Haus in München-Perlach genauso gut. Das Ergebnis seiner Überlegungen lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: „Zeit kann man nicht sparen, nicht managen, nicht verlieren. Man kann mit Zeit nur eines machen: sie leben.“

Es ist ein Ratschlag, den er schon oft gegeben hat. Wenn große Unternehmen ihn für einen Vortrag gebucht haben. Wenn Therapeuten von Burnout-Patienten ihn in seiner Zeitberatungsfirma „Timesandmore“ aufgesucht haben. Und manchmal auch einfach im Gespräch mit einem Fremden. Der 72-Jährige kommt oft mit Fremden ins Gespräch. Auch das verdankt er seinem Leben ohne Uhr. Er wartet viel. Weil er immer rechtzeitig losgeht, zum Beispiel wenn er einen Zug erwischen will. Und das Warten beherrscht er so gut wie kaum ein Anderer. Das hat auch damit zu tun, dass er als Kind an Kinderlähmung erkrankte. So schnell wie die anderen konnte er nie – daraus hat er einen Vorteil gemacht. „Warten ist produktive Zeit“, betont er. Was er beim Warten schon alles entdeckt hat, wen er schon alles kennengelernt hat. Da tun ihm die vielen Menschen, die ihr Handy aus der Tasche holen, sobald sie warten müssen, fast leid. Sie ahnen nicht mal, wie viel Leben sie gerade verpassen.

„Es ist nicht vernünftig, sein Leben nach der Uhr zu richten“

Natürlich war es für Geißler leichter als für viele andere, ohne Uhr durchs Leben zu gehen – das gibt er zu. Als Professor für Wirtschaftspädagogik hatte der gebürtige Oberpfälzer an der Bundeswehr-Uni in Neubiberg (Kreis München) eine Sekretärin, die ihn an den Vorlesungsbeginn erinnerte. Und seinen Studenten merkte er an, wenn sich die Stunde dem Ende geneigt hatte. Zuklappende Laptops waren für ihn genauso aussagekräftig wie Uhrzeiger.

Er will die Uhr nicht verteufeln, betont er. Als Wirtschaftswissenschaftler kennt er den Satz „Time is money“ zu gut. Er weiß, dass die Erfindung der Uhr zu Effizienz und Wohlstand geführt hat. „Aber es ist nicht vernünftig, sein Leben nach der Uhr zu richten.“ Die Uhrzeit bringt den eigenen Rhythmus durcheinander, sagt er. Manchmal führt sie sogar dazu, dass die Menschen ihren eigenen Rhythmus gar nicht mehr wahrnehmen. „Viele Menschen spüren sich erst, wenn sie Stress haben.“ Stress ist ein Symbol für Wichtigkeit geworden. Wer Stress hat, ist erfolgreich. Wer noch nie einen Burnout hatte, brennt nicht richtig für seinen Job.

„Jeder sollte sich Zeitoasen schaffen“

Karlheinz Geißler setzt seine eigenen Überzeugungen gegen das seltsam positive Stress-Image. „Zeit sollte etwas sein wie ein Stück Emmentaler“, sagt er und macht eine Schmunzelpause, bevor er das erklärt. „Jeder sollte sich Zeitlöcher schaffen – Zeitoasen, die man zum Leben nutzt.“ Das ist immaterieller Reichtum. Zeit kann etwas so Süßes sein, findet Geißler. „Time is honey“ – so heißt eines der vielen Bücher, die er über sein Lieblingsthema geschrieben hat. Eine Anleitung, Zeit neu zu entdecken. Für alle, die nicht das Vergnügen haben, Karlheinz Geißler beim Warten zu begegnen.

Seinem guten Gespür für den inneren Rhythmus verdankt der 72-Jährige auch, dass ihn die Zeitumstellung an diesem Wochenende nicht aus dem Takt bringen wird. Eigentlich ist es ja keine Zeitumstellung, sagt er. Sondern eine Uhrenumstellung. Wird an ihm vorbeigehen. Er wird wie immer gegen acht aufwachen – und es spielt für ihn, seine Frau, seine Kinder und Enkel keine Rolle, dass es dann für alle anderen schon neun Uhr ist.

Immer wieder einmal hat jemand versucht, Geißler doch mit einer Uhr zu begeistern. „Es ist fast schon lästig, wie oft ich Uhren geschenkt bekomme“, erzählt er. Meistens gibt er sie seinen Enkeln zum Spielen. Er wüsste wirklich nicht, was er damit anfangen sollte.

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