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Archäologen haben unter der Münchner Residenz das älteste Grab der heutigen Altstadt entdeckt.

Vor 3000 Jahren angelegt

Archäologen finden das älteste Grab Münchens

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München - Grazil, weiblich und von edlem Geblüt: Archäologen haben in einem Hof der Münchner Residenz menschliche Überreste gefunden. Das Grab stammt aus der späten Bronzezeit. Die Knochen stammen wohl von einer Frau – einer besonderen.

Die Archäologen und Konservatoren sind entzückt. „Der Fund ist sensationell! Fantastisch!“, schwärmt Mathias Pfeil vom Landesamt für Denkmalpflege. Seinem Kollegen Sebastian Sommer haben’s die bronzenen Vasenkopfnadeln angetan, die als Gewandverschluss dienten. „Aufwändig verziert. Hervorragend!“ Und erst die Keramik: „Fassen Sie mal an, wie weich und glatt!“ Alle sprechen durcheinander, diskutieren hitzig.

Keramikgefäße enthielten wohl Speisen und Getränke als Grabbeigaben. Denkbar sind Bier und Honigwein.

Was ist passiert? Bei Kanalbauarbeiten im Apothekenhof der Residenz wurde Ende Mai ein drei Meter langes und 1,30 Meter breites Grab samt menschlicher Überreste und Grabbeigaben entdeckt. Es ist älter als die Siedlungsspuren von Rom, wie Bernd Schreiber von der Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen betont. Es stammt aus der späten Bronzezeit, 1350 bis 1200 vor Christus. Die Entdeckung ist kein Zufallsfund: Bauarbeiten in der Altstadt müssen immer von Archäologen begleitet werden. Weil man etwas Bedeutendes finden könnte. Keiner hat aber damit gerechnet, dass man tatsächlich etwas entdeckt. Nicht in der Residenz, wo schon etliche Bau- und Sanierungsmaßnahmen stattfanden.

Bereits früher hatten Archäologen Siedlungsspuren aus der späten Bronzezeit in München gefunden. Etwa an der Widenmayerstraße im Lehel, wo Spuren einer Werkstatt entdeckt worden waren, in der Bronze verarbeitet wurde. Aber menschliche Überreste aus dieser Zeit auf Münchner Stadtgebiet – das ist neu. Für die Wissenschaft ist das Grab so interessant, weil sich daraus Schlüsse auf das soziale und religiöse Leben jener Zeit ziehen lassen.

Frau zwischen 40 und 60 Jahre alt

Derzeit befinden sich die Knochen in der anthropologischen Staatssammlung. Forscher wollen herausfinden, von wem sie stammen. Ihre Form und Größe deuten daraufhin, dass in dem Grab eine Frau lag. „Oder ein sehr graziler Mann“, wie Archäologe Sommer sagt. Ihm zufolge werden unter anderem Beckenknochen und Augenhöhlen bei der Geschlechtsbestimmung herangezogen.

Sommer meint, dass die Grabbeigaben – anders als die Knochen – auf einen männlichen Toten hinweisen. Carola Metzner-Nebelsick vom Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte an der LMU sieht das anders: „Dann hätten deutlich mehr Waffen als Grabbeigaben gefunden werden müssen.“ Die Professorin vermutet, dass es sich nicht um irgendeine Frau handelt: „Die Beigabe von derart vielen Bronzegegenständen war zu jener Zeit und in der bäuerlich geprägten Kultur unüblich.“ Das deute darauf hin, dass die Tote gesellschaftliches Ansehen genoß. Eine Königin? Oder Schamanin? Die Auswertung dauert Monate. Klar ist, dass sich das Grab aus drei Bereichen zusammensetzt. In einem fanden die Archäologen Keramikgefäße, die Speisen und Getränke als Grabbeigaben enthalten haben könnten.

Im anderen fanden sie Keramikscherben und Kiefernholz- Asche – die Frau wurde verbrannt. Die Ärchäologen vermuten, dass die Scherben von Trinkgefäßen stammen, die während der Verbrennungszeremonie benutzt wurden. Asche und Scherben im Grab sollten an die Zeremonie erinnern. Im zentralen Bereich fanden sie aufwändig gearbeitete Bronze-Nadeln, die das Gewand der Toten zusammenhielten. Zudem Knochen. Interessanterweise waren diese in der Form eines menschlichen Körpers angeordnet. Metzner-Nebelsick vermutet deshalb, das Grab stamme aus einer Zeit des Übergangs von der Erd- zur Feuerbestattung. „Die Menschen waren womöglich mit der Feuerbestattung noch nicht vertraut.“ Den Wandel der Bestattungskultur könnten Missionierungen ausgelöst haben.

Bettina Stuhlweißenburg

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