Nach der Bombe in Schwabing

„Ich dachte, das ganze Haus ist weg“

München - Die Gefahr ist gebannt – doch etliche Anwohner und Geschäftsleute in Schwabing stehen nach der Sprengung vor riesigen Problemen. Die Explosion hat nicht nur Fenster und Türen zerstört, sondern auch im schlimmsten Fall ganze Existenzen.

Der Morgen danach. Es ist halb zehn in Schwabing, eigentlich sollte Alexander Kregelin (25) jetzt seinen Arbeitstag beginnen. Stattdessen steht er vor einer Absperrung. Sein Job: Verkäufer im Modegeschäft „Bliss“. Sein Problem: Das Geschäft gibt es nicht mehr. Es ist in der Nacht völlig ausgebrannt, nachdem auf der Baustelle nebenan eine Bombe aus dem zweiten Weltkrieg gesprengt werden musste. Der kleine Laden ist eine verkohlte Ruine. Seit fast zwei Jahren arbeitet Kregelin dort. „Ich habe keine Ahnung, wie es in den nächsten Monaten kohlemäßig weitergehen soll“, sagt er.

Der Tag danach: Bilder aus Schwabing

Der Tag danach: Bilder aus Schwabing

Der Tag danach: Bilder aus Schwabing

Sein Chef steht ein paar Meter weiter, das Handy am Ohr. Am anderen Ende: die Versicherung. Ronny Kleiner (39) hatte in dieser Nacht tatsächlich Unglück im Unglück: Sein Geschäft ist nach jetzigem Stand der einzige Laden, der vollkommen zerstört wurde. Der Inhaber durfte am Morgen einen kurzen Blick riskieren, eigentlich ist die Feilitzschstraße noch gesperrt. Was er gesehen hat, lässt ihn mutlos zurück. „Da wird in den nächsten Monaten keine Wiedereröffnung möglich sein“, sagt er. Seine Einrichtung, seine Schaufenster, seine Ware – alles verbrannt und zerbrochen. „Allein der Schaden für die Möbel und die Ware liegt jetzt schon bei 150 000 Euro“, sagt Kleiner. „Jeden Monat, den der Laden geschlossen bleibt, kommen bis zu 50 000 Euro dazu.“ Gegen Feuerschäden ist er zwar versichert, doch gezahlt wird nur der Einkaufswert. „Selbst wenn ich das Geld zurückkriege, habe ich noch keinen Gewinn gemacht. Und davon leben wir.“ Wir – das sind auch Kleiners Frau und Tochter. Und Alexander Kregelin, der mit der Explosion vorerst arbeitslos wurde.

Auch Reinhard Pascher und seine Frau Gabriele Bohlen werden vor der Absperrung von ihren Mitarbeitern umringt. Ihnen gehört das Modegeschäft „Flip“ – im Gebäude genau gegenüber vom Fundort der Bombe. In dem Geschäftshaus, in dem auch die Constantin Film AG ihren Sitz hat, ist kein Fenster heil geblieben. Die Constantin gibt sich auf Anfrage gelassen: „Wir werden das schnell abwickeln“, so Vorstand Martin Moszkowicz. „Der Vorfall ist unangenehm, aber keine große Aktion.“ Gabriele Bohlen hingegen hat eine unruhige Nacht hinter sich. Ihr Mann hatte bisher noch damit zu tun, seine Frau zu beruhigen – doch nun, am Morgen danach, wird auch Reinhard Pascher immer mulmiger zumute. „Jetzt kann ich das Ausmaß für unsere Existenz erfühlen“, sagt er. „Ware im Wert von einer Million Euro hängt in dem Geschäft“, sagt Gabriele Bohlen. „Auch die Kasse dürfen wir nicht rausholen“. Wie es im Lager ausschaut, weiß das Ehepaar noch gar nicht. „Wir hoffen nur, dass wir jetzt schnell reinkönnen.“

Sich ein Bild von der Lage machen, sichergehen, dass der Schaden sich in Grenzen hält – das ist auch für die Anwohner das wichtigste. Doch die meisten müssen sich gedulden. Thomas Wilhelm (51) ist einer der wenigen, die kurz in ihre Wohnung durften – er leidet an Diabetes und hatte kein Insulin mehr. Die Fenster sind heil, doch sein frisch renoviertes Bad ist hinüber. „Die Fliesen hat es von der Wand gesprengt, das Waschbecken ist kaputt, es ist Wahnsinn.“ Zwei Nächte hat er bei Freunden verbracht, die Sprengung in den Medien verfolgt. „Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag“, sagt er. „Wenn das Teil unkontrolliert hochgegangen wäre, wäre der Baggerführer von der Baustelle bis zum Mond geflogen.“

Erik Huch-Hallwachs (53) ist seit Montag früh nicht mehr in seiner Wohnung gewesen. Der Physiotherapeut wohnt mit Lebensgefährtin und Mutter im Haus an der Haimhauserstraße 2, das nördlich an die Bombenfundstelle grenzt. Die letzte Nacht sind sie bei seinem Bruder untergekommen. Nun sitzen sie an einem Kiosk nahe der Feilitzschstraße und Huch-Hallwachs lässt die Ereignisse Revue passieren. Als er die Bilder der Detonation gesehen habe, habe ihn die Angst gepackt: „Ich dachte, es hat wahrscheinlich das ganze Haus weggesprengt.“ Mittlerweile weiß er zumindest, dass das Haus noch steht. Seine Freundin Agnieszka durfte vormittags in Begleitung der Feuerwehr kurz in die Wohnung: „An der Südseite des Hauses sind alle Fenster kaputt“, erzählt sie. „Überall liegen Scherben“ Ob Besitz zu Schaden gekommen ist, konnte sie nicht überprüfen: „Das musste sehr schnell gehen.“ Erik Huch-Hallwachs blickt ratlos drein: „Man muss das jetzt so hinnehmen.“ Und hoffen, wie alle Betroffenen, dass man die Bombe bald hinter sich lassen kann.

Angelo Rychel und Ann-Kathrin Gerke

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