„Der 17. Dezember ist mein zweiter Geburtstag“

München - Vor 50 Jahren streifte ein US-Militärflugzeug kurz nach dem Start in München den Kirchturm der Paulskirche im Stadtzentrum und stürzte auf eine Tram. 52 Menschen starben. Es war die Hölle auf Erden. Zwei Augenzeugen berichten.

Als der Münchner Polizeiobermeister Heinrich Munzert, 32, an diesem nebligen 17. Dezember 1960 gegen 13 Uhr in den Streifenwagen steigt, ahnt er nicht, dass er den fürchterlichsten Tag seines Lebens bei der Funkstreife vor sich hat. Auch der Funkspruch, der kurz nach 14 Uhr im Polizeiauto über den Lautsprecher knistert, führt in die Irre. „Martin-Greif-Straße. Tankstelle explodiert.“ Munzert und sein Kollege Alois D. sind in der Nähe. Sie fahren los. 30 Sekunden später sind sie mitten im Inferno.

Trümmerfeld inmitten der Stadt: Rettungskräfte und Helfer bekämpfen den Brand nach dem Absturz des Militärflugzeugs vom Typ Convair 240 an der Paulskirche.

Am Hackerberg sieht es aus wie im Krieg. „Zuerst haben wir nur eine riesige schwarze Rauchwand gesehen“, erinnert sich Munzert, heute 82 Jahre alt. Bald aber taucht vor den Augen des jungen Polizisten der Wagen einer Tram auf, der lichterloh brennt. Später sieht er auch das abgebrochene Heckleitwerk. „Erst da war klar, dass es sich nicht um eine Tankstellenexplosion gehandelt hat – sondern um einen Flugzeugabsturz“, berichtet Munzert. Er zieht die vergilbte Extra-Ausgabe des Münchner Merkur vom 18. Dezember 1960 hervor, die hat er sich aufgehoben. „Die Flugzeugkatastrophe“ steht in dicken Lettern darauf.

Es ist 14.05 Uhr, der dritte Adventssamstag, als das amerikanische Militärflugzeug vom Typ Convair 240 am Flughafen in Riem in Richtung Northolt/England startet. An Bord: acht Besatzungsmitglieder und zwölf Studenten der Münchner Maryland-Universität, an der Söhne und Töchter der in Europa stationierten US-Soldaten studieren. Sie wollen Weihnachten mit ihren Familien in England verbringen. Zwei Minuten nach dem Abheben fällt einer der beiden Motoren aus. Der Pilot meldet den Ausfall und kündigt eine Notlandung an.

Vor 50 Jahren: Flugzeugabsturz in München

Vor 50 Jahren: Flugzeugabsturz in München

Im Einsatz: Polizeiobermeister Heinrich Munzert (vorne) auf einem alten Foto.

Um 14.09 Uhr warten Polizist Munzert und sein Kollege im Streifenwagen am Esperantoplatz auf einen Einsatzbefehl – da geschieht die Katastrophe. Der Pilot der Convair will in einer großen Schleife über die Theresienwiese zurück in Richtung Flughafen fliegen. Im dichten Nebel streift die Maschine den 97 Meter hohen Turm der Paulskirche. Die rechte Tragfläche bricht ab. Das havarierte Flugzeug trudelt noch über die Schwanthalerstraße, streift einen Straßenbahnwagen der Linie 10 und zerschellt an der Mauer an der Ecke Landsberger-/Martin-Greif-Straße. Eine riesige Stichflamme – entfacht von 4000 Litern Flugbenzin – verwandelt die Straße in eine Feuerhölle. Der hintere Wagen der Tramlinie 10, die gerade an der Haltestelle in der Martin-Greif-Straße hält, steht sofort in Flammen.

Heinrich Munzert und sein Kollege sind die ersten am Unfallort – und fahren sofort wieder weg: Sie helfen einem Opfer. Rettungskräfte sind noch nicht da. „Auf der Straße lagen Menschen mit schwersten Brandverletzungen“, erzählt Munzert. Einen von ihnen heben die Beamten in ihr Auto und rasen mit ihm in die Chirurgische Klinik an der Nußbaumstraße. Das Graben in den Erinnerungen lässt Heinrich Munzert nicht ungerührt. Nachdenklich sagt er: „Ich weiß nicht, ob dieser Mensch überlebt hat.“

Manfred Hoch hat 36 Operationen über sich ergehen lassen. Aber er lebt. Ein Bursche von 18 Jahren ist Hoch damals im Dezember 1960, Augenoptiker-Lehrling bei „Pini“ am Stachus – und sportlich. Nach Dienstschluss um 14 Uhr will er so schnell wie möglich heim. „Ich hatte ein wichtiges Rendezvous mit einer Tanzpartnerin“, erinnert er sich. Die Innenstadt ist voll, denn an diesem Adventssamstag sind zahllose Münchner beim Weihnachtseinkauf.

Abgeknickte Spitze: Der Flieger berührte den 97 Meter hohen Turm der Paulskirche.

Aber Hoch ist schnell – zu schnell. „Ich bin der Tram erfolgreich vom Stachus bis zum Bahnhof hinterhergesprintet“, berichtet der 68-Jährige heute. Wenig später kracht und scheppert es. „Ich hab nix gesehen, nur einen Rumpler gehört.“ Der Wagen, in dem Hoch steht, brennt. Seine Kleider, seine Haare fangen Feuer. Schreie von anderen Menschen habe er nicht gehört, sagt Hoch. Die Hitze sei so groß gewesen, dass wohl die meisten Menschen schnell bewusstlos gewesen seien. Er selbst hat Glück. Im letzten Moment springt er aus der Tram, wälzt sich auf dem Kopfsteinpflaster und steckt schließlich seinen Kopf zum Löschen in einen Busch. 40 Prozent seiner Hautoberfläche sind zerstört, stellen die Ärzte später fest.

Während Hoch von einem Autofahrer ins Krankenhaus gefahren wird, sind Heinrich Munzert und dutzende Beamte von Polizei und Feuerwehr damit beschäftigt, die Lage in den Griff zu bekommen. „Es war schwer, sich einen Überblick zu verschaffen“, sagt Munzert. Aus dem Flugzeugwrack züngeln noch zwei Stunden lang Flammen. Ein Reifenlager im Haus an der Martin-Greif-Straße 3 brennt. Und da sind die Gaffer. „Eine ganz schlimme Sache“, betont Munzert. „Wir waren stundenlang damit beschäftigt, den Unfallort abzusperren und die Schaulustigen fernzuhalten.“ Es waren hunderte, die im Radio von der Katastrophe gehört hatten, und sich – zum Teil mit Leitern und Ferngläsern – am Hackerberg einfanden. „In dem Ausmaß kannten wir das damals nicht“, sagt Munzert. Zum Glück habe die amerikanische Militärpolizei sie „tatkräftig unterstützt“.

Letzten Trost wollte dieser Kaplan den Sterbenden spenden, doch es gab nur Tote.

Im Trümmerfeld vor dem Straßenbahnwagen, aus dem verkohlte Körper ragen, steht – mit violetter Stola, die vom Advent kündet – der Kaplan von St. Paul. In der Hand hat er das Krankenöl, mit dem er Sterbenden letzten Trost spenden will. Doch es gibt keine Sterbenden, nur Tote. Insgesamt 52 Menschen – alle 20 Flugzeuginsassen und 32 Trambahnfahrgäste – verlieren ihr Leben. Das Flugzeugunglück ist eine der größten Katastrophen in der Münchner Geschichte. Bis heute.

Und sie hat Folgen. Denn sie entfacht erneut die Diskussion über einen neuen Münchner Flughafen weitab der Stadt. 1939 hatte der Flughafen in Riem seinen Betrieb aufgenommen, doch nach dem Krieg war die Stadt so nah an ihn herangewachsen, dass der Flugverkehr zur Gefahr geworden war. Die Militärflugplätze um München eingerechnet, flogen 1960 jeden Monat mehr als 1000 Maschinen im Steig- und Landeflug direkt über dem Stadtzentrum.

Hans-Jochen Vogel, gerade mal 34, seit einem halben Jahr Münchens Oberbürgermeister, kommt unmittelbar nach der Katastrophe an den Unfallort. Bestürzt spricht er davon, dass München „acht Tage vor Weihnachten von einer der schwersten Katastrophen in seiner Geschichte getroffen worden ist“.

Schon am Abend erklärt er: „Das Unglück erschüttert uns umso mehr, als wir gerade zwei Tage vor der Katastrophe einen erneuten Vorstoß unternommen haben, damit endlich eine Entscheidung über das Flughafenproblem fällt und das An- und Abfliegen der Maschinen über der Stadt verhindert wird.“

Es wird noch bis 1992 dauern, bis der neue Flughafen im Erdinger Moos in Betrieb geht. Seit März 1962 aber gilt für Riem ein neues Start- und Landeverfahren, das das Überfliegen des dicht besiedelten Stadtkerns unmöglich macht.

Sonderdruck: Der Münchner Merkur berichtete in einer Extra-Ausgabe vom Unglück.

Sehr positiv sei Vogel damals in Erscheinung getreten, sagt Heinrich Munzert, der bis 1988 bei der Münchner Polizei arbeitete. „Er war sehr bald an der Unglücksstelle und hat mit den Menschen gesprochen.“ Vogels Dankesschreiben an die Einsatzkräfte, datiert vom 13. Februar 1961, hat Munzert aufgehoben. „Ich spreche Ihnen für Ihre Mitwirkung und die dabei gezeigte Pflichttreue und Einsatzfreudigkeit den besten Dank des Stadtrates aus“, steht da. Gezeichnet: Dr. Vogel.

Auch Manfred Hoch, der Hans-Jochen Vogel gerade bei Dreharbeiten für eine Sendung des Bayerischen Fernsehens wiedergetroffen hat, ist noch immer angetan vom damaligen OB. „Er hat noch in der gleichen Nacht die Verletzten besucht“, lobt Hoch. Das, antwortet Vogel, sei doch nur die „gebotene menschliche Anteilnahme“ gewesen.

Die Flugroute.

Psychologen, die sich um die Beamten, die Schreckliches gesehen haben, kümmern, gibt es 1960 noch nicht. „Die Bilder, die wir an diesem Tag gesehen haben, sind lange hängen geblieben“, sagt Munzert, der lange gezögert hat, ob er überhaupt etwas zur Katastrophe sagen will. Er könne schließlich nicht mehr berichten, als damals in der Zeitung gestanden habe, betont er immer wieder. Doch er sagt auch: „Das war der schlimmste Tag in meinem Leben – neben dem Oktoberfest-Attentat.“ Er habe das Geschehen an diesem Tag „nicht so tragisch empfunden“, sagt dagegen Manfred Hoch, dessen Gesicht noch heute Narben zeichnen. Für die Augenzeugen sei es schlimmer gewesen.

Glück im Unglück: Manfred Hoch überlebte die Katastrophe schwer verletzt. Die Krankenschwester Bärbel wurde seine Frau. Hoch zeigt die Uhr, die zur Unglückszeit stehenblieb.

Bei Hoch machen sich die Folgen des Schicksalsschlages erst später bemerkbar. Er betäubt sich mit Alkohol. „Ich fühlte mich nur wohl, wenn ich einiges intus hatte“, erzählt er. Sein Leben wendet sich zum Guten, als er in der Klinik die Krankenschwester Bärbel kennenlernt. „Sie hat mich aus der Gosse gezogen“, sagt Hoch über seine heutige Frau. Morgen, wenn sich die Katastrophe an der Paulskirche zum 50. Mal jährt, wird Manfred Hoch feiern. Der 17. Dezember sei für ihn „wie ein zweiter Geburtstag“, sagt er.

Von Caroline Wörmann

Gedenken

Der Münchner Journalist Edwin Bude hat zum Jahrestag der Katastrophe den 30-Minüter „Vier Minuten Flugzeit“ gedreht. Näheres: www.edwin-bude.de.

In der Paulskirche ist bis 25. Januar 2011 die Ausstellung „Zeitläufe in St. Paul 1960 bis 2010“ zu sehen, die sich auch mit dem Absturz beschäftigt (Eintritt frei, täglich von 8.30 bis 17 Uhr).

Am morgigen Freitag findet um 19 Uhr ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in St. Paul statt. Im Anschluss spricht OB Ude (SPD). Danach wird Budes Film auf Großleinwand gezeigt. Ein Ausschnitt ist auf www.merkur.de zu sehen. Gegen 20.15 Uhr startet die Prozession zum Unglücksort, wo gegen 20.45 Uhr ein Kranz niedergelegt wird.

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