Mit den Mitteln von Theater-Installation und Computerspiel will die Künstlerin Evelyn Hribersek in „O.R.pheus“ die Versprechen der modernen Medizin entlarven.

Grusel-Ausstellung an der Luisenstraße

O.R.pheus: „Der Horror entsteht im Kopf“

München - Noch bis zum 15. Juli kann man im Tiefbunker an der Luisenstraße das Gruseln lernen. Mit den Mitteln von Theater-Installation und Computerspiel will die Künstlerin Evelyn Hribersek in „O.R.pheus“ die Versprechen der modernen Medizin entlarven.

Im Gespräch erzählt Künstlerin Evelyn Hribersek, was die Besucher erwartet.

Frau Hribersek, wie viele Besucher Ihrer Theater-Installation „O.R.pheus“ sind schon schreiend aus dem Bunker geflohen?

Schreiend? (lacht) Noch niemand. Es gibt eine Handvoll Besucher, die ihren Aufenthalt abgebrochen haben. Sie fanden es alle ausnahmslos toll, sagten aber, dass sie jetzt aufhören müssen, weil sonst ihre Phantasie mit ihnen durchgeht. Da kommen anscheinend Kindheitserinnerungen hoch, wie Angst vor Dunkelheit. Dabei haben wir das Projekt bewusst nicht als dunkles Gruselkabinett konzipiert. Wir arbeiten viel mit Helligkeit, weil ich glaube, dass der Horror letztlich im Kopf entsteht.

Sie schaffen da unten wirklich eine sehr beklemmende Atmosphäre. Haben Sie bewusst manche Bodenfliesen locker gelassen, damit es knackt?

Ja, das stimmt. Es ist ein Ort, der eine Realität darstellt, von der man nicht genau weiß: Hat sie existiert? Befindet sie sich wieder im Verfall? Oder ist sie nie fertig geworden? Man bekommt auch den Hinweis, dass man sich eigentlich nicht auf der Erde befindet.

Im Bunker sieht’s aus wie in einer Mischung aus Labor, Kranken- und Schlachthaus. Das Unternehmen „Hermes“ scheint Menschen ködern zu wollen, die sich – wie Orpheus im Mythos – nicht mit der Realität abfinden wollen. Die sich Unsterblichkeit und Perfektion aber mittels moderner Medizin erhoffen.

Künstlerin Evelyn Hribersek

Der Ausgangspunkt war der antike Stoff. Die Frage: Warum überschreitet Orpheus die Grenze zum Totenreich? Ich glaube nicht, dass er es wegen Eurydike tut, sondern aus reinem Egoismus. Die Frage, die damit einhergeht, ist: Wo findet so eine Grenzüberschreitung heute statt? Meine These ist die, dass das durch die moderne Medizin möglich ist. Lebensverlängerung, Schönheits-OPs, Gentechnik, Biopolitik – da kann man weit greifen. Aus diesen Themenkomplexen ergeben sich auch die Spielregeln für den halbstündigen Rundgang im Bunker.

Wie lauten diese Spielregeln?

Nur jeweils ein Besucher allein darf hinunter. Für viele ist das schon eine Grenzüberschreitung. Der Besucher wird vorher auch nur mit den nötigsten Informationen gefüttert. Er darf selbst entscheiden, wie schnell er sich bewegt, welche Räume er betritt, was er anfasst. Wir haben an den verschiedensten Stellen Codes angebracht, die man mit einem Smartphone lesen kann – auf diese Weise kann man sich Videos ansehen. Wie lange beschäftige ich mich mit der Suche nach den Codes, wie lange mit dem Abrufen der Videos? All das steht dem Besucher frei.

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Aber Sie haben die Besuchszeit limitiert.

Das ist wie im richtigen Leben: Mit was beschäftige ich mich in der Zeit, die mir geschenkt wird? Wir sind das Resultat unserer Entscheidungen – nicht nur, aber auch. Die Installation ist eine Art Baukasten, die der Besucher sich „erspielen“ kann – sie soll keine komplette Geschichte darstellen, wir laden dazu ein, sich Gedanken zu machen. Und man kann diese Welt auch sinnlich erfahren – man kann sich auf jede Bahre legen, auf jeden Stuhl setzen.

Machen das die Besucher auch – oder gruselt es sie zu sehr?

Über zwei Treppen gelangt man in den Tiefbunker neben dem altten Botanischen Garten.

Es gibt diejenigen, die alles benutzen – und noch mehr. Man findet Fußabdrücke an Stellen, wo man sie definitiv nicht vermuten würde. Einer ist sogar in die Badewanne mit dem rosa Sekret gestiegen. Andere drücken sich nur an der Wand entlang und rühren nichts an. Was die Leute da unten machen, erfahren wir erst hinterher.

Nicht nur das Klinikmobiliar wirkt wie aus den 50ern – sie bauen auch alte amerikanische Easy-Listening-Musik in die Videos ein – die konterkariert werden mit Metzger-Beilen, Skalpellen, Klinik-Mief und gespenstischen Geräuschen. Haben Filmregisseure wie David Lynch Sie beeinflusst?

Beeinflusst klingt so negativ. (lacht) Das Ambiente resultiert aus dem Inhalt. Wenn man sich mit der Geschichte der Medizin beschäftigt, stößt man darauf, dass in den 50ern und 60ern besonders in Amerika sehr viel passiert ist. Da gab es die ersten Intensivstationen, den ersten Schönheits-OP-Boom. Und es war eine Zeit der Fassade.

Alles sehr froh und farbig nach außen hin – aber hinter der Fassade lauerten die Ängste und Abgründe?

Ich glaube, dass wir heute wieder in so einer Zeit leben. Wir sind umgeben von Mechanismen, die uns vorgeben, wie wir zu sein haben. Besonders, was unser Äußeres angeht. Werbung und Multimedia erzählen uns, wir müssen jung und schön sein, um Erfolg zu haben. Das wird schon gar nicht mehr hinterfragt. Zugleich finden Alter und Tod kaum Platz in unserer Gesellschaft.

Wo haben Sie Ihre Ausstattung her?

Die haben wir über zwei Jahre aus ganz Deutschland zusammengesammelt. Da begegnet man natürlich allerhand interessanten Menschen – von der gut situierten Arztfamilie bis zum Teufelsanbeter ist da alles dabei. Ich glaube, wir haben auch einen Stuhl, der stammt aus einem Sado-Maso-Studio.

Welche Art von Besuchern haben Sie?

Alle möglichen. Von Operngängern über Videospiel-Verrückte bis zu Design-Liebhabern. Das war auch unser Ziel: Wir wollten die Grenzen des Musiktheaters aufbrechen und ein Werk schaffen für ein Publikum ohne Vorwissen. Neulich hatten wir sogar eine ganze Familie aus Rosenheim da – von der Oma bis zum Enkel. Die sagten: Mama hat Geburtstag, und den feiern wir im Bunker. Sie sind dann brav nacheinander hinunterspaziert und haben sich hinterher ihre Erlebnisse erzählt.

Das Interview führte Johannes Löhr.

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