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Roswitha Schuster ist seit 1998 Pächterin eines der Areale in der Eggarten-Siedlung.

Lerchenau

Eggarten-Siedlung: Ein Paradies in Gefahr

München - In der Eggaretn-Siedlung scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Doch das Idyll wird wohl nicht mehr lange bestehen.

Zwischen Lassalle- und Feldbahnstraße ist München ein Dorf. Kein typisch bayerisches Dorf mit Kirche, Wirtshaus und Gehöften wie einst Sendling oder Haidhausen. Vielmehr erinnert das Gebiet im Münchner Norden an verträumte, fast vergessene Siedlungen in Ostdeutschland, Tschechien oder Ungarn. Prachtvolle Blumen, weitläufige Obstgärten, Straßen, die eher Wegen gleichen. Und nur wenige, verwunschene Häuser. Klein und bunt. Spitz und vergilbt. Zwischendrin ein paar Ziegen. Viele Münchner haben vom Eggarten noch nie etwas gehört. Für die Menschen, die ihn kennen, ist er ein Paradies. Ein Paradies, das es wohl bald nicht mehr geben wird.

Roswitha Schuster hat sich längst daran gewöhnt, dass das Damoklesschwert über der kleinen Kolonie hängt. Seit 1998 sind sie und ihr Mann Pächter eines Gartens an der Daxetstraße, einem der sechs Kieswege durch den Eggarten. Das Grundstück misst 1800 Quadratmeter. Davon können andere Hobbygärtner nur träumen. Seit einigen Jahren allerdings werden die Verträge für die Gartenpächter im Eggarten nur mehr jahresweise verlängert, denn viele Grundstücke sollen verkauft werden. Für die Schusters keine guten Aussichten.

Eigentlich wohnen sie im Hasenbergl. Doch sie verbringen jede freie Minute im Eggarten. „Das ist unser Urlaub“, sagt Roswitha Schuster. Sie liebt ihre Blumen und ihr Gemüsebeet. Außerdem leben auf dem Anwesen die Katzen Fleckerl und Teufelchen, die sie täglich versorgt. Bei Kälte und im Winter dürfen die Tiere sogar ins Haus.

Wohnen verboten

Dieses Haus ist groß. Eine Familie hat mindestens Platz darin. Wohnen können die Schusters dort aber nicht. Sie dürfen es nur als Gartenhaus nutzen. Wie die meisten Gebäude im Eggarten wurde es in den 1920er-Jahren gebaut. Damals stellte die bayerische Krongutverwaltung die Flächen des ehemaligen königlichen Fasangartens im Münchner Norden für Siedlungszwecke zur Verfügung. Die Siedler erhielten Erbpachtverträge, die bis 1999 gelten sollten. Laut Vertrag durften sie auf ihren Grundstücken ein „Hauptgebäude bescheidenen Umfangs“ sowie ein paar Stallungen und Wirtschaftsschuppen errichten. Bis 1926 entstanden auf dem Gelände 62 Häuser. Die Siedler waren oft Arbeiter oder unselbstständige Handwerker. Den Bau übernahmen sie selbst. Binnen weniger Jahre wuchs eine kleine Kolonie heran. Den Namen Eggarten gab es für den Landstrich schon zuvor. Bereits um 1600 nannte man das Gebiet die Egern, abgeleitet von Ödgarten. Auf dem mageren Boden hatte man einst Mehrfelderwirtschaft betrieben, diese aber aufgegeben und das Gelände brach liegen lassen, bis es über 100 Jahre später Teil der Fasanerie der Wittelsbacher wurde.

Auf den einst 84 Grundstücksparzellen stehen heute nur mehr knapp über 20 Häuser. Das Gartenhaus der Schusters ist das auffälligste. Die Fassade ist mal grau, mal beige. Der Putz ist abgebröckelt und die Dachschindeln stammen vermutlich noch aus dem Baujahr. Dem Charme des spitzgiebeligen Standerkers mit seinen Sprossenfenstern, der lädierten Fensterläden und der vergilbten Markise kann sich trotzdem keiner entziehen. Das Haus sieht aus wie aus Großmutters Zeiten. Seitdem wurde es vermutlich auch nicht mehr renoviert. Wohnen kann man hier wirklich nicht mehr. Die Wände sind feucht, das Obergeschoss ist verwahrlost. Unten haben die Schusters alles Menschenmögliche getan, um es sich gemütlich zu machen. Ein bisschen unheimlich ist es trotzdem. Nicht zuletzt, weil es dort spuken soll. „Manchmal hört man Bewegungen im Haus, so als ob jemand hin- und hergehen würde“, sagt Roswitha Schuster. Furcht empfindet sie dennoch nicht. „Die Geräusche gehören einfach dazu.“

Das Haus der Schusters diente als Filmkulisse

Das Haus der Schusters diente im Jahr 2000 sogar als Filmkulisse. Damals wurden hier Szenen für den München-Tatort „Kleine Diebe“ gedreht, die in Rumänien spielen. Das Schild „Scoala generala No. 169“ hängt seitdem an der Fassade. Auf Rumänisch heißt das Hauptschule. In den 80er-Jahren entstanden im Eggarten auch gruselige Straßenaufnahmen für die Krimireihe „Der Alte“, da die nächtliche Beleuchtung vor Ort spärlich ist und die Kolonie grundsätzlich sehr abgeschieden und einsam liegt.

Die Einsamkeit im Eggarten kam mit der Nazi-Diktatur. In den 20er-Jahren war dieser nämlich noch dicht besiedelt. Es gab Lebensmittelläden, eine Wirtschaft, ja sogar eine Holzkirche. Die Bewohner hatten einen Fußballverein gegründet und eine Freiwillige Feuerwehr. Es war eine richtige kleine Gemeinschaft. Doch die Nazis wollten ab 1938 auf dem Gelände einen Verschiebebahnhof bauen. Viele Siedler wurden dazu gedrängt, ihre Erbbaurechte an die Reichsbahn zu verkaufen. Im Herbst 1939 begann man mit dem Abriss einiger Häuser. Ganz in der Nähe des Eggartens richteten die Nazis sogar ein Zwangsarbeiterlager ein. Doch der Bau des Bahnhofs stockte. Schließlich wurde nichts daraus. Der Zweite Weltkrieg kam dazwischen und zerstörte weitere Häuser im Eggarten.

1943 zog Hermelinde Maresch mit ihrer Familie in die Siedlung. Sie und ihre Schwester waren noch Kinder. Ihr Vater arbeitete bei der Bahn, der mittlerweile viele der Grundstücke gehörten, und erhielt über seinen Beruf auch die Wohnung. „Damals sind viele aus der Siedlung weggezogen“, erinnert sich Hermelinde Maresch heute. Für sie wurde der Eggarten dennoch zum Paradies. „Es war ein freies Leben für Kinder in der Stadt.“ Obwohl sie heute in Riem lebt, kommt sie jede Woche einmal in den Eggarten: zum Schauen und Ratschen. „Leider ist heute kaum jemand mehr da.“

"Ein freies Leben für Kinder in der Stadt."

Die wenigen, die nach dem Krieg noch im Eggarten lebten, waren Bahnangestellte. Viele davon sind mittlerweile gestorben. Ihre Anwesen liegen brach. Um die zehn Häuser sind heute noch bewohnt, sechs Mieter genießen lebenslanges Wohnrecht. 2001 übergab die Bahn einige nicht mehr benötigte Grundstücke der Vivico Real Estate. Diese wurde später an die österreichische CA Immo verkauft. Der Immobiliengesellschaft gehört heute ein Großteil des Eggartens. Der Rest ist Eigentum des Bundeseisenbahnvermögens. Seit November 2014 stehen dessen Grundstücke jedoch zum Verkauf. Sobald es einen einheitlichen Eigentümer für den Eggarten gibt, will die Stadt die Bauleitplanung für das Gebiet aufnehmen und es umgestalten.

Karola Kennerknecht, Vorsitzende des Bürgervereins Lerchenau, engagiert sich seit Jahren für den Eggarten. 2013 stellte sie sogar eine Ausstellung über die Kolonie zusammen. Sie fürchtet, das Idyll könnte bald dicht mit Wohnungsbauten überplant werden. „Ich sehe einen zweiten Arnulfpark auf uns zukommen.“ Kennerknecht und viele andere Freunde des Eggartens wünschen sich dagegen eine zurückhaltende, experimentierfreudige Bebauung des Geländes, die das einzigartige Flair vor Ort in die Zukunft hinüberrettet. Dazu würde natürlich der Erhalt vieler alter Bäume gehören. Und natürlich der der „Scoala generala“. Die ist schließlich über die Jahrzehnte zum Symbol der Kolonie geworden.

Katrin Hildebrand 

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