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Massen-Liegestütz im Englischen Garten.

Englischer Garten

Einpeitscher in Lederhose

Turnen in Lederhose? Kein Scherz, sondern die Idee eines Münchner Fitnesstrainers. Ganze Scharen lockt Klaus Reithmeier damit an. Die meisten allerdings erscheinen lieber in normaler Sporthose zum wöchentlichen Training im Englischen Garten.

„Muskeln anspannen, ja gut, halten und hoch!“, ertönt es von vorne. Über 200 Leute sind in einem Halbkreis versammelt und schnaufen. Jetzt springen sie hoch, recken die Arme in den blauen Himmel. Kurze Pause – ein Seufzer der Erleichterung macht die Runde. An der Spitze steht ein Mann in Lederhose und feuert durch ein Mikrofon die Meute an. Nein, die Münchner sind nicht übergeschnappt – sondern hochmotiviert! Der Einpeitscher heißt Klaus Reithmeier, ist Fitnesstrainer und bietet seit fünf Jahren ein Training im Englischen Garten an. Die Sportkleidung hat er gegen eine bayerische Lederhose eingetauscht. Das gefällt nicht nur den Turnern. Auch die Touristen lieben das „Lederhosentraining“ und filmen die hochroten Gesichter mit der Handykamera für zuhause. Immer montags von 19 bis 20 Uhr bringt der 32-Jährige die Münchner ins Schwitzen – kostenlos. Warum er das macht? „Es gibt viele Menschen, die sich ein teures Fitnessstudio nicht leisten können. Zugleich wird unsere Gesellschaft immer träger. Mein Traum ist es, allen ein kostenloses Training zu ermöglichen. Ohne bürokratische Hürden, unverbindlich, unabhängig und an der frischen Luft “, sagt der Münchner. 

Dabei hat alles mit einem witzigen Werbegag angefangen: „Nach einem Oktoberfestbesuch, bin ich am nächsten Tag noch in Lederhosen zum Kunden gefahren. Der Kunde fand‘s witzig. Das Training hatte eine viel lockere Atmosphäre.“ So entstand die Idee. Um die Menschen auf seine Fitness-DVDs aufmerksam zu machen, stellte der ehemalige Sport- und Deutschlehrer sich dann mit Lederhose in den Englischen Garten. „Anfangs konnte ich die Teilnehmer an einer Hand abzählen“, erinnert sich Reithmeier. „Ich stand immer wieder kurz davor hinzuschmeißen. Doch ein paar Hartnäckige aus der Gruppe überredeten mich, doch weiterzumachen.“ Durch Mund- zu Mundpropaganda vergrößerte sich der Kreis der Freiluftsportler jedes Jahr. Mittlerweile bewegt Reithmeier Massen. Bis zu 500 Sportbegeisterte verrenken sich die Glieder unter seiner Anleitung. Es muss ein komisches Gefühl sein, so vielen Gesichtern gegenüber zu stehen. Die Blicke erwartungsvoll auf einen gerichtet. „Kurz vorher war ich schon ein bisschen nervös. Aber ich bin mit der Menge der Menschen mitgewachsen.“ Von Nervosität ist keine Spur mehr zu sehen, als er die japsende Masse zur Höchstleistung anspornt. 

DVDs würde heute zwar keiner mehr kaufen, meint Reithmeier. Aber darum ginge es ihm auch gar nicht mehr. Aktuell ist er auf Sponsorensuche. Mit der Stadt München ist er im Gespräch. Er würde gerne das „Lederhosentraining“ auch auf andere Städte ausdehnen. Natürlich weiterhin, ohne eine Gebühr zu verlangen. Augsburg und Regensburg stehen ganz oben auf seiner Liste. Zusätzlich möchte Reithmeier einen Winterkurs anbieten mit Skiübungen und Lauftraining. Denn das „Lederhosentraining“ nähert sich im diesen Jahr schon dem Ende. Das letzte Training findet am Montag, 28. Septmeber statt. Für diejenigen, die noch vorbeischauen möchten, ist der Treffpunkt um 19 Uhr an der Eisbachwelle. Ob mit oder ohne Dirndl – jeder ist eingeladen, mitzumachen. 

Würde das „Lederhosentraining“ auch außerhalb Bayerns ankommen? Reithmeier ist überzeugt: „Gerade nicht in Bayern würde es Aufmerksamkeit erzeugen. Und dahinter steckt ja ein normales Work-Out.“ Wer weiß. Vielleicht turnen bald Berliner einem waschechten Bayern nach. Die Touristen hätten ihren Spaß daran.

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