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Guter Geschmack bringt kein Geld: Christoph und Fritz Preßmar (re.) müssen das Tivoli-Theater schließen.

Tivoli-Kino in der Fußgängerzone macht dicht

München - München verliert eines seiner schönsten Kinos: Das Tivoli muss schließen. Lange gehörte es zu den erfolgreichsten Filmkunstkinos Europas. Aber das Klima für kleine Kinos wird rauher.

1959, fünf Jahre nachdem das Tivoli-Theater an der Neuhauser Straße 3 seine Pforten geöffnet hatte, gab es in München noch 130 Kinos. Heute sind es 100 weniger. Das „Tivoli“ konnte sich dem Kinosterben - bis jetzt - erfolgreich entgegenstemmen, und das mit nur einem Saal und 300 Plätzen. Der Grund dafür: Schon die Gründer Fritz und Gustav Preßmar hatten den richtigen Riecher, Kunst und Publikumswirksamkeit zu vereinen. Und Fritz Preßmar junior hat sich diesen Riecher erhalten: „Da irre ich mich nur bei etwa 20 Prozent unserer Filme“, meint er lachend. „Mit der Quote würden sie mich wahrscheinlich in Hollywood anstellen.“

Charmante Kasse: Die geschmackvolle Einrichtung im Tivoli-Theater atmet das Flair der 50er-Jahre.

Galgenhumor. Denn ein guter Geschmack alleine reicht heute nicht mehr, das weiß der 65-Jährige, der das „Tivoli“ - neben dem Filmtheater Sendlinger Tor - seit 1970 betreibt. Am 16. Januar muss er das Schmuckstück mit der wunderbaren 50er-Jahre-Einrichtung, dem festlich glänzenden Saal und den handgemalten Filmplakaten über der Tür schließen. Und das, obwohl er in der an sich glücklichen Lage ist, Mieter und Vermieter in einem zu sein. „Wir haben seit Jahren keine Pacht mehr gezahlt, nur die Betriebskosten“, sagt Preßmar. Aber er ist als Eigentümer Teil einer Erbengemeinschaft: „Von der Immobilie leben drei bis vier Familien.“ In der Fußgängerzone müssen Laden-Mieter gerne mal bis zu 310 Euro pro Quadratmeter im Monat berappen - da wollte die Mehrheit der Miteigentümer entgangene Einnahmen von gut 300.000 Euro im Jahr nicht mehr tolerieren. „Man muss sich vorstellen“, sagt Preßmar, „mit dieser Summe bezuschusst der Freistaat alle Kinos in Bayern.“

Die Schuld alleine Multiplexen wie dem „Mathäser“ in die Schuhe zu schieben, findet er zu einfach. „Das ist zwar wie ein Staubsauer, es zieht bestimmt die Hälfte der Kinobesucher ab - aber es geht vor allem um die Vermarktung.“ Sein Sohn Christoph, die dritte Generation im Kino, präzisiert: „Die Ware Film bleibt immer kürzer bei uns, wandert gleich weiter zu DVD- und Download-Vermarktung, und die bekommen drei Viertel vom Kuchen.“

Bei "Up In The Air" waren wir das beste Haus in Deutschland

Bis in die 70er hatten Kinos wie das „Tivoli“ Erstaufführungsrechte, durften einen Kassenknüller zwei, drei Wochen exklusiv spielen, bevor die anderen ihn bekamen - und mussten das mit einer maximalen Leihmiete von 41 Prozent der Einnahmen bezahlen. Heute kostet die Leihmiete etwa 53 Prozent - ohne Exklusivität. „Kleine Teilauswerter wie wir bräuchten längst einen marktgerechten Preis.“

Hier saßen bereits Romy Schneider, Hans Albers, Gert Fröbe, Leni Riefenstahl, Tony Curtis und Roman Polanski.

So bleibt Vater und Sohn nur noch, auf den Glanz der alten Tage zu verweisen: auf Gäste wie Hans Albers, Theo Lingen, Liesl Karlstadt, Gert Fröbe, Leni Riefenstahl, Therese Giehse, Heinz Rühmann, Mario Adorf, Tony Curtis, Romy Schneider und Regisseure wie Bernhard Wicki, und Roman Polanski. Und auf Zeiten, in denen sich 245 000 Menschen den Film „Amadeus“ im „Tivoli“ ansahen. Doch Christoph Preßmar betont trotzig, bis heute sei man erfolgreich: „Up In The Air“ mit George Clooney haben bei uns 15.000 Leute gesehen, bei dem Film waren wir das beste Haus in ganz Deutschland.“

In die zwei Stockwerke an der Neuhauser Straße wird am 1. Februar die Parfümerie Douglas einziehen. Die Geschäfte „Palmers“ und „Leder Fischer“ müssen auch raus, haben aber bereits Ersatz gefunden. Ein Hinterglasbild und alte Lampen im neuen Eingangsbereich sollen an das Kino-Juwel erinnern. „Wir bedanken uns bei den über 9 Millionen Besuchern für die Treue“, sagt Fritz Preßmar. Und sein Sohn fügt - auch mit Sorge um das Überleben des Filmtheaters Sendlinger Tor - hinzu: „Hinterher zu sagen: Das ist aber schade, reicht nicht. Dann doch lieber mal in ein kleines Kino gehen und nicht in ein Multiplex, wenn man die Wahl hat.“

Johannes Löhr

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