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Jeden Morgen warten mehrere Tagelöhner an der Landwehrstraße auf Arbeit. Vielen Unternehmern am Ort sind sie ein Dorn im Auge.

Tagelöhner

Konflikt um Tagelöhner im  Bahnhofsviertel

Jeden Morgen warten Tagelöhner im südlichen Bahnhofsviertel auf neue Auftraggeber. Die Ladenbesitzer im Viertel fühlen sich belästigt und wollen die Männer am liebsten loswerden. Eine neue Idee, könnte den Konflikt lösen.

Die Bäcker im südlichen Bahnhofsviertel verkaufen gerade ihre Brötchen in die Auslage. Die Table-Dance-Bars haben schon und die Supermärkte noch zu. Nur wenige Menschen sind um diese Zeit unterwegs. Nur auf der Goethestraße/Ecke Landwehrstraße ist viel Betrieb; etwa 20 Männer warten dort auf Arbeit. Die Ansprüche sind niedrig: 4,50 Euro pro Stunde wären für die meisten bereits genug. Das sagt Cemil Inangil, denn jeder Versuch die Tagelöhner direkt zu fragen, scheitert bereits an der Sprache. Inangil ist Lehrer und arbeitet bei Schiller 25, einem Informations- und Beratungszentrum. Er klärt viele der Tagelöhner über ihre Rechte auf.

Für Fritz Wickenhäuser gehört Migration zum südlichen Bahnhofsviertel seitdem es das südliche Bahnhofsviertel gibt. Wickenhäuser besitzt das Hotel Cristal in der Schwanthaler Straße. Er ist auch Geschäftsführer des „Vereins Südliches Bahnhofsviertel“, der ein Forum für die Unternehmer und Anwohner sein möchte. Er meint, die Diskussion über die Tagelöhner überschatte all das Positive, was in Gegend zwischen Theresienwiese und Sonnenstraße sonst noch passiert. Wickenhäusers Hotel steht 170 Meter von der Kreuzung entfernt, an der die Tagelöhner warten. Und 170 Meter sind in so einem Mikrokosmos wie dem südlichen Bahnhofsviertel eine Menge.

Michael Grill ist Geschäftsführer der Theater-Gemeinschaft. Er hat sein Büro direkt an der Kreuzung. Jeden Morgen geht er an den Tagelöhnern vorbei. Man kennt sich, einige grüßen sogar. Doch wirklich harmonisch ist das Verhältnis zwischen den Tagelöhnern und den Unternehmern nicht. Viele Anlieger berichten von einem Drittel weniger Kundschaft, seitdem die Tagelöhner vor ihren Türen stehen. Die meisten der Männer kommen aus Rumänien und Bulgarien. Viele tragen ausgelatschte Schuhe, abgenutzte Jeans und T-Shirts mit ausgeleiertem Kragen.

Grill weiß, dass die Männer im Grunde nicht gefährlich sind. Aus vielen Gesprächen habe er erfahren, dass es ihnen peinlich ist, an einer Kreuzung auf Arbeit zu warten. Sie hatten sich von Deutschland etwas anderes versprochen. „Genau das macht die Lage so kompliziert“, sagt Grill. Er nimmt einige Fotos von seinem Schreibtisch. Eines zeigt etwa zwei Dutzend Männer, die die gesamte Fensterfront und den Eingang seiner Geschäftsstelle belagern. „Natürlich weiß ich, dass das auch mit Vorurteilen zu tun hat. Aber in dem Moment, wo jemand abdreht und sein Theater-Ticket eben nicht bei mir kauft, habe ich ein Problem.“ Er kenne einige Hitzköpfe, die die Tagelöhner am liebsten aus dem Viertel prügeln wollen. Doch die möchte Grill mit allen Mitteln verhindern. Vor einigen Wochen hat er sich mit den überwiegend türkischstämmigen Unternehmern an der Kreuzung zusammengetan und einen Sicherheitsdienst engagiert. Das hat Grill viel Kritik eingebracht, er sei bereits des Öfteren als „Nazi“ beschimpft worden. „Aber seitdem haben wir einigermaßen Ruhe“, so Grill.

Wirklich gelöst ist das Problem dadurch jedoch nicht – vor allem nicht für die Menschen, die dadurch immer noch keinen Job und keine Sozialversicherung. Der Verein südliches Bahnhofsviertel hat einen Treffpunkt für die Tagelöhner ins Spiel gebracht. Ein Ort, an dem sich die Männer sich auch mal hinsetzen und eine Toilette nutzen können. Eine Idee, die auch Grill unterstützt. Geschäftsführer Wickenhäuser ist jedoch skeptisch: „Wir haben einen Antrag auf den Weg gebracht. Aber die Mühlen in der Stadtverwaltung mahlen sehr langsam.“ Mittlerweile steht die Mittagssonne hoch am Himmel. Etwa die Hälfte der Tagelöhner vom Morgen ist weg. Dafür haben sich neue Männer dazu gestellt. Sie stehen in der Hitze und schwitzen, rauchen und warten.

Von Michael Richmann

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