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Fast 40 Jahre lang lebte Klaus Lemke in der Maxvorstadt – in einer Wohnung an der Amalienstraße. Jetzt muss er ausziehen.

Nach 40 Jahren als Mieter

Kult-Regisseur Klaus Lemke muss seine Wohnung in der Maxvorstadt räumen

40 Jahre lang wohnte der Regisseur Klaus Lemke in seiner 50-Quadratmeter-Wohnung in der Maxvorstadt. Nun wurde ihm gekündigt wegen Eigenbedarf. Er weiß nun nicht wohin.

München - Klaus Lemke führt Regie – im Film und im richtigen Leben. Auch mit 77 Jahren lässt er sich nichts vorschreiben. Zum Termin erscheint er mit zerrissener Jeans und weißem T-Shirt, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. „So machen wir das nicht!“ Er will bestimmen, wie der Fotograf ihn ablichtet. Auf Punkt und Komma genau diktiert der Kultregisseur, was er zu seiner Situation zu sagen hat. Über die allerdings hat er keine Kontrolle. Sein Vermieter wirft Lemke nach fast 40 Jahren wegen Eigenbedarf aus der Wohnung.

„Ich will hier nicht weg“, sagt Lemke. Seit 1981 lebt er in einem Ein-Zimmer-Apartement mit etwa 50 Quadratmetern. Über die Miete will er nicht sprechen, nur so viel: Sie sei verhältnismäßig günstig und seit 30 Jahren gleich geblieben. Aber um Geld gehe es ihm nicht. Und auch die Wohnung an sich spielt keine Hauptrolle in seinem Leben. Es ist das Viertel, das er nicht verlassen will. Schwabing und die Maxvorstadt sind Schauorte seiner Filme wie „Unterwäschelügen“, „Kannibalen“ und „Bad Girl Avenue“. Hier entdeckte er Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek.

„Die Maxvorstadt ist ein kleiner Splitter vom Paradies. Ich kenne hier jeden“, sagt Lemke. „Ich drehe meine Filme nicht mit bescheuerten und ahnungslosen Schauspielern, sondern mit den Leuten aus dem Viertel!“

„Ich brauche zwei Zimmer, Balkon und die Morgensonne.“

Lemkes Vorliebe für Laiendarsteller, lose Drehbücher und die Ablehnung staatlicher Filmförderung haben ihm den Ruf eines cineastischen Rebellen eingebracht. Seinen Durchbruch hatte er 1972 mit der Hamburger Milieustudie „Rocker“. Gerade arbeitet er an dem Film „Neue Götter in der Maxvorstadt“, der seine Premiere auf der Berlinale 2019 feiert. „Hier habe ich gestern erst gedreht“, sagt er und deutet auf das Café Schneller an der Amalienstraße 59. „Ich will noch ein paar Filme hier drehen.“ Nun kommt noch die Suche nach einer Bleibe dazu. Bis März hat Lemke Zeit. Dann muss er etwas Neues gefunden haben. Genaue Vorstellungen hat er. Doch er sieht eher schwarz: „Ich brauche zwei Zimmer, Balkon und die Morgensonne. So was kriegt man hier nicht mehr ohne Hilfe. Ich stehe überall auf der Warteliste.“

Sein Vermieter, Marco Sommer, sagt, ihm seien die Hände gebunden. „Ich bin selbst aus meiner Wohnung geflogen.“ Sommer habe in Haidhausen zur Untermiete gewohnt. „Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Wohnung in der Amalienstraße zu beziehen.“

Während sich Sommer in der Gentrifizierungshölle Maxvorstadt in seine Eigentumswohnung als sicheren Hafen flüchten kann, wissen viele Mieter nicht wohin. Häuser werden abgerissen oder luxussaniert, die Mieten steigen ins Unermessliche. Auch Lemkes eiserner Wille hilft da nichts. Er führt in dieser Tragödie nicht Regie. Dieses Mal ist er Zuschauer.

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Laura Felbinger

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