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Alexa Ganser vor ihrem Spirituosen-Laden "Elixier". Die ehemalige Mieterin aus der Schrannenhalle hat neue Geschäftsräume gefunden und ist glücklich.

Was machen die ehemaligen Händler jetzt?

Das Leben nach der Schrannenhalle

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München - Im Dezember bekamen alle Standlbetreiber in der Schrannenhalle die Kündigung in die Hand gedrückt, weil das Feinkost- Unternehmen „Eataly“ einzieht. Viele Händler waren verzweifelt und wussten nicht, wie es weitergehen soll. Was machen sie heute?

Die Tränen sind getrocknet. Alexa Ganser kann wieder lachen. Im vergangenen Dezember hatte der Eigentümer der Schrannenhalle, die Hammer AG, ihr und den anderen 14 Mietern gekündigt – und das kurz vor Weihnachten. Drei Monate blieben der 33-Jährigen, um ihren Verkaufsstand zu räumen. „Ich hab’ viel geheult in der Zeit“, erzählt Ganser. Doch dann habe sie die Ärmel hochgekrempelt und angepackt. Keine Zeit für Selbstmitleid.

"Ich hab' viel geheult"

Heute, ein knappes Dreivierteljahr später, zeigt Ganser voller Stolz ihr neues Geschäft. „Elixier“, ein Laden für ausgefallene Liköre und Speiseöle, hat eine neue Heimat gefunden. In der Utzschneiderstraße 4, keine hundert Meter vom alten Standort Schrannenhalle entfernt. Ein glücklicher Zufall, sagt Ganser. Sie hörte, dass das Geschäft frei wird – und bequatschte den Vermieter so lange, bis er ihr den Laden überließ.

Schnaps und Liköre sind in den Räumlichkeiten nichts Neues: Jahrelang befand sich hier eine Kneipe. Die Einrichtung zeugte denn auch von vielen durchzechten Nächten. „Ich habe zwei Monate lang auf eigene Faust alles umgebaut“, erzählt Ganser. „Wände raus, Boden raus, Bad und Küche neu gefliest.“ Im Juni durften einige alte Möbel aus der Schrannenhalle in die rot gestrichenen Wände einziehen. „Ich habe sie mitgenommen, damit etwas Heimat bleibt.“ Der Neuanfang hat Ganser Nerven, Zeit und vor allem viel Geld gekostet. „Ich hatte zwei Monate lang keine Einnahmen und habe auch den Umbau aus eigenen Mitteln gestemmt“, erzählt sie. Alles in allem ein Verlustgeschäft von mehreren zehntausend Euro. „Ich wäre gerne in der Schrannenhalle geblieben“, sagt sie wehmütig. „Die ganzen Händler dort – wir waren ein bisschen wie eine Familie.“

Auch Erika Graf war Teil dieser Familie – trauert der Schrannenhalle aber nicht hinterher. Sie hat mittlerweile zwei neue Standorte ihres „Teehandelskontor Bremen“ eröffnet, am Stachus und am Dreifaltigkeitsplatz, auch in unmittelbarer Nähe zur Schrannenhalle. Die Filiale am Stachus hat sie bereits Anfang April eröffnet, am selben Tag, an dem die Schrannenhalle dichtmachte. „Ich war dort immer zufrieden“, erzählt Graf. Um nüchtern hinzuzufügen: „Die Händler haben sich wirklich reingehängt, aber das wurde nicht gewertschätzt.“ Die Verwaltung habe die Standl-Betreiber nicht in die Gestaltung miteinbezogen. „Man hätte sicher einiges verbessern und weiterentwickeln können.“ Das Schrannen-Aus im Dezember überraschte Graf daher nicht allzu sehr. „Das war ein Ende mit Schrecken“, sagt sie. „Kurz vor Weihnachten war natürlich doof – aber das wäre es zu einem späteren Zeitpunkt auch gewesen.“

"Das war ein Ende mit Schrecken"

Für den 55-jährigen Khosrow Barzinpour, in der Schrannenhalle als „Bazi“ bekannt, war die Kündigung hingegen ein Schlag ins Gesicht. Seine düstere Prognose im Dezember: „In drei Monaten bin ich arbeitslos.“ Sie sollte sich bewahrheiten. Die Schrannenhalle habe seine Existenz runiert, schimpft er vier Monate nach der Schließung. Bazi verkaufte an seinem Standl die von ihm erfundenen „Lederhosnsemmeln“, Laugengebäck in Form der bayerischen Traditionskleidung. In seiner Auslage gab es damals auch den passenden Lederhosn-Leberkäs. Krapfen und Bratwürste sollten folgen. Doch dann war alles aus. „Ich habe mein ganzes Erspartes in den Laden gesteckt“, berichtet Bazi. „Ich habe wenig Hoffnung, in München wieder Fuß zu fassen.“ Wenn er seine Frau nicht hätte, sagt er, würde er nun auf der Straße stehen. Der 55-Jährige versucht, seine Semmeln bald in großer Stückzahl online zu verkaufen oder einen Partner zu finden, der seine Geschäftsidee unterstützen will. Darauf, einen neuen Laden zu finden, mag er nicht mehr hoffen. „Die wollen für jede noch so kleine Dönerbude mindestens 40 000 Euro Ablöse.“

Der Umbau der Schrannenhalle schreitet voran

In der Schrannenhalle schreitet derweil hinter abgeklebten Fensterscheiben der Umbau voran. Ende Oktober oder Anfang November will hier das Turiner Feinkost-Unternehmen „Eataly“ seine erste deutsche Filiale eröffnen. Zunächst hieß es, die Schrannenhalle solle noch vor der Wiesn wieder mit Leben(smitteln) gefüllt sein, doch „der Zeitplan sei etwas zu optimistisch gewesen“, erklärt Michael Schmenger von der Hammer AG, der Eigentümer-Firma. Einige ehemalige Mieter kritisieren, dass die Halle nach ihrem schnell geforderten Auszug – drei Monate hatten sie laut Mietvertrag Zeit – noch einige Zeit leer stand. Das will Schmenger so nicht stehen lassen. „Wir mussten das Inventar zurückbauen, bevor wir die Halle an Eataly übergeben konnten. Auch im Keller, wo vorher die Milka-Welt war, gab es einiges zu tun, da hat man oben nicht unbedingt etwas gesehen.“ Mit Eataly verfügt die Schranne bald erstmals über einen einzigen Gesamtmieter – alle vorherigen Konzepte waren gescheitert. Mit dem Neubeginn soll die Halle erfolgreich sein. Es wäre das erste Mal.

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