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Erschöpft aber gut umsorgt fühlt sich Sonja Hagedoorn. Die 65-Jährige sitzt mit ihrem Hündchen Kitmir auf einem Feldbett in der Katholischen Akademie an der Mandlstraße. Hier hat der Malteser Hilfsdienst eine Notunterkunft für Evakuierte eingerichtet.

Schlaflos auf Feldbetten

So war unsere Bomben-Nacht

München - Die Fliegerbombe hat Schwabing den Schlaf geraubt: 2500 Menschen mussten am Montagabend ihre Wohnungen verlassen und die Nacht in Notunterkünften verbringen. Ohne zu wissen, wann sie wieder heim können.

Sonja Hagedoorn wollte gerade zu Abend essen, als die Polizei heftig an die Tür ihrer Wohnung an der Siegfriedstraße klopfte. Zehn Minuten habe sie, dann müsse sie die Wohnung verlassen, sagten die Einsatzkräfte. „Ich dachte, es brennt, habe meinen Hund und die Handtasche geschnappt und bin raus“, erzählt die 65-Jährige. Sie sitzt neben Hündchen Kitmir auf einem Feldbett in einem Saal der Katholischen Akademie an der Mandlstraße. Hier sowie im Sophie-Scholl- und Willy-Graf-Gymnasium hatten die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr den Evakuierten Notunterkünfte für die ungewisse Dauer der Bombenentschärfung zugewiesen.

Die meisten der etwa 300 Menschen, die in der Akademie Zuflucht suchten, sind am Dienstagvormittag schon wieder weg. In der Arbeit, in umliegenden Cafés oder bei Freunden. Vereinzelt liegen noch Evakuierte auf den etwa 100 Feldbetten, die der Malteser Hilfsdienst um vier Uhr morgens aufgestellt hatte. Auf Tischen stehen Wasserkocher und Teebeutel, kalte Getränke und Kaffee.

Sonja Hagedoorn hat nur zwei Stunden geschlafen. Aber es gehe ihr gut: „Die Hilfskräfte kümmern sich richtig toll um uns. Die haben sogar T-Shirts und Unterhosen für die Evakuierten bereitgestellt.“ Wie lange die Rentnerin noch in der Notunterkunft ausharren muss ist unklar: „Jeder sagt was anderes. Aber ich hoffe, es geht schnell. Ich habe ja nichts dabei, weil ich dachte, die Evakuierung dauere nur zwei Stunden.“

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Auch Christa G. hockt auf einem Feldbett und wird allmählich ungeduldig: „Was will man hier machen? Wenn ich rausgehe, bin ich durchgeschwitzt und duschen kann ich nicht.“ Gegen 23 Uhr wurden die 66-Jährige und ihr Mann von den Lautsprecherdurchsagen der Feuerwehr aus dem Schlaf gerissen. „Wir sind dann erstmal spazierengegangen und bei Mc Donald’s eingekehrt. Wir dachten, in zwei Stunden ist alles vorbei.“ Doch als das Ehepaar um zwei Uhr in seine Wohnung an der Feilitzschstraße zurückkehren wollte, war an der Straßensperre Endstation. „Dann haben wir uns hier in der Akademie eingefunden.“

In der Küche der Akademie bereitet Chefkoch Gerhard Schlierf gerade das Mittagessen für etwa 80 Evakuierte zu. Es gibt gefüllte Pasta, Salat und Schokopudding – gratis: „Wir sind eine katholische Einrichtung. Da darf man nicht nur Nächstenliebe predigen, sondern muss sie auch leben“, sagt Schlierf. Nervös macht ihn die Lage nicht: „Die Akademie ist ein Gästehaus. Ich bin es gewohnt, für mindestens 500 Menschen zu kochen“, sagt der 44-Jährige.

Die Malteser hatten ihn nachts angerufen und um jemanden gebeten, der sich auskennt im Haus: „Ursprünglich hieß es ja, dass nur zirka 50 Leute für zwei Stunden zu uns kommen. Tatsächlich saß auch nur eine Frau da, als ich um 18 Uhr Dienstschluss hatte.“ Schlierf kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück – und kochte die Nudeln und das Gulasch, das der Malteser Hilfsdienst mitgebracht hatte. „Das haben wir dann im Speisesaal auf Wärmewagen gestellt.“

Lesen Sie hier unseren Live-Ticker vom Dienstag!

Martha Behrend sitzt seit den frühen Morgenstunden in dem Speisesaal – auf dem Feldbett konnte die 81-Jährige kein Auge zutun: „Man ist so in Panik, wenn man nachts aus dem Schlaf gerissen wird und etwas von einer Bombe hört.“ Nur ihre Tasche samt Ausweis und Geldbörse hatte sie bei sich, als sie ihre Wohnung an der Fendstraße verlassen musste. „Und die Immatrikulationsunterlagen für das Master-Studium meiner Enkelin habe ich noch schnell eingepackt. Das war das Wichtigste, die mussten gerettet werden.“ Die Seniorin hofft, bald wieder heimzukönnen: „Ich brauche meine Medikamente, vor allem die Blutdrucksenker, denn der Blutdruck steigt in einer solchen Situation. Und ich möchte ins Bad und mich frischmachen.“

Auch Christian Seemann hofft, nach der Arbeit wieder in seine Wohnung an der Morawitzkystraße zu können: „Meine Meerschweinchen brauchen Futter“, sagt der 46-Jährige, der die Nacht bei einem Freund verbracht hatte. Emanuel D’Orville macht sich Sorgen um seine Katzen – er hatte nicht damit gerechnet, dass die Bombenentschärfung so lange dauert und seine Stubentiger zurückgelassen. In eine Notunterkunft wollte der 30-jährige PR-Manager nicht: „Ich habe auf der Wiese im Englischen Garten gepennt.“

Bettina Stuhlweissenburg

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