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Münchens neue KVR-Chefin im Interview - Hanna Sammüller-Gradl: „OB Reiter war schon sehr deutlich ...“

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Von: Sascha Karowski, Klaus Vick

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München: Hanna Sammüller-Gradl (38) ist neue Chefin im Kreisverwaltungsreferat.
München: Hanna Sammüller-Gradl (38) ist neue Chefin im Kreisverwaltungsreferat. © Marcus Schlaf

Hanna Sammüller-Gradl (38) ist die erste Frau an der Spitze des Kreisverwaltungsreferates (KVR). Unserer Redaktion verrät sie, warum die Aufgabe so reizvoll ist, wie teuer Parken in München werden soll und welche Orte in der Stadt (noch) problematisch sind.   

München - Frisch gewählt und schon im Stress: Hanna Sammüller-Gradl (38, Grüne) ist die neue Kreisverwaltungsreferentin in München. Die erste Frau auf dieser Position. Und die erste Grüne. Was sie mit ihrem Vorgänger Thomas Böhle (SPD) verbindet und warum sie auf das Konzert von Andreas Gablier gehen musste, lesen Sie im Interview.

Frau Sammüller-Gradl, Sie waren vergangenes Wochenende als eine Ihrer ersten Amtshandlungen beim Konzert von Andreas Gabalier. Freiwillig oder wurden Sie gezwungen?

Ich war bestimmt nicht dort, weil ich Gabalier so toll finde. Gabalier ist am anderen Ende meines Musikgeschmacks. Ich wollte mir mit meinem Team nur vor Ort ein Bild machen, wie es läuft. Schließlich hatten wir noch nie ein Konzert dieser Größenordnung in der Messe, kannten den Veranstalter nicht und hatten wenig Vorlauf bei der Genehmigung. Es ging um Erfahrungswerte, auch wegen der kommenden Konzerte von Helene Fischer und Robbie Williams.

Was lief gut, was nicht?

Der Abfluss der Konzertbesucher in die U-Bahnen hat gut funktioniert, da hatten wir große Sorge. Und das, obwohl viel mehr Leute mit dem ÖPNV kamen als mit dem Auto. Was ja prinzipiell erfreulich ist.

Sie waren zuletzt in der Freisinger Stadtverwaltung tätig, davor aber auch schon in München stellvertretende Leiterin der Enteignungsbehörde. Und nun sind Sie plötzlich KVR-Chefin. War dieser Posten auf Ihrem Schirm?

Es war der größte Traumjob, den ich mir jemals hätte vorstellen können.

Wirklich? Man bezieht ja nicht selten Prügel in der Öffentlichkeit.

Aber man hat viel mit Menschen zu tun. Das mag ich so gern. Man kann mit Verwaltung das Leben von Menschen konkret besser machen. Das Kreisverwaltungsreferat ist nah dran an allen Menschen. Wenn Sie mich direkt nach dem Studium gefragt hätten, wäre das tatsächlich mein berufliches Fernziel gewesen.

München: Hanna Sammüller-Gradl (38) ist neue Chefin im Kreisverwaltungsreferat.
München: Hanna Sammüller-Gradl (38) ist neue Chefin im Kreisverwaltungsreferat. © Marcus Schlaf

So ganz zufällig kam die Berufung aber wohl nicht, nachdem klar war, dass Ihr Vorgänger Thomas Böhle in den Ruhestand geht und Ihre Partei, die Grünen, das Vorschlagsrecht für den Posten hatten.

... (zögert) mag sein, dass es so aussieht, als hätte sich meine Karriere nach einem roten Faden entwickelt. Aber das Leben lebt sich vorwärts und erklärt sich dann rückwärts. Die Stelle in Freising, wo ich auch Sicherheitsrecht gemacht habe, hatte ich schon, als noch gar nicht klar war, dass die Grünen in München mitregieren und dann auch das KVR fordern werden. Freising war aus der jetzigen Perspektive eine vorbereitende Zeit, in der ich meine Liebe zum Sicherheitsrecht wiederentdeckt habe.

OB Reiter hat bei Ihrer Vereidigung gesagt: „Genießen Sie den Applaus, es war wahrscheinlich der letzte lange Beifall.“

(lacht) ... Ja, er war schon sehr direkt und deutlich.

Als jemand, der von der Enteignungsbehörde kommt, sind Sie vermutlich eine streitbare Person?

Ich würde es anders formulieren: Diese Aufgabe war ein gutes Training dafür, unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen. Entscheidungen, die mir vielleicht persönlich leidtun. Aber das darf man nicht an sich heranlassen. Es ist schließlich mein Beruf.

Das KVR hatte in der Vergangenheit nicht immer einen liberalen Ruf. Sie sind die erste Frau an der Spitze. Eine Zeitenwende?

Ja. Die ich aber auch meinen Vorgängern Thomas Böhle und Wilfried Blume-Beyerle zu verdanken habe. Ohne deren Vorarbeit wäre es undenkbar gewesen, dass eine Frau – jung und von den Grünen – das KVR führt.

Sie hatten angekündigt, die Ära Gauweiler – Stichwort Schwarze Sheriffs – aufarbeiten zu wollen. Wie dringlich ist das Thema?

Sehr dringlich. Es geht ja vor allem um den Bereich LGBTQ. Ich bin hier für totale Offenheit und Liberalität. Aber bevor wir am KVR eine Regenbogenfahne aufhängen, müssen wir die Vergangenheit aufarbeiten. Sonst wirkt das wie angemalt, wie ’rainbow washing’. Auch gegenüber Menschen, die Diskriminierung miterleben mussten. Wir müssen erst diese Zeit reflektieren und dann eine Zeitenwende einläuten.

Wie kann man sich die Aufarbeitung konkret vorstellen?

Thomas Böhle hat ja schon eine Stabsstelle für Diversity (Vielfalt, Anm. d. Red.) eingerichtet. Wir gehen der Frage nach, wie ist mit der Szene damals umgegangen worden? Welche Nachteile mussten Homosexuelle erleiden? Etwa beim Gewerberecht oder in der Gastronomie.

Gab es ein Gespräch mit Peter Gauweiler?

Nein, aber er hat mir vor meinem offiziellen Amtsantritt einen ganz lieben, handschriftlichen Brief geschrieben. Ich weiß nicht, ob er den jetzt noch so schreiben würde.

Aber von Thomas Böhle gab es eine Einarbeitung, wie wir gehört haben?

Das war ein Gänsehautmoment. Schließlich habe ich bei ihm – als er noch Personalreferent der Stadt war – mein Vorstellungsgespräch gehabt. Und jetzt bin ich seine Nachfolgerin im KVR. Er hat mir bei der Übergabe viele Informationen über die organisatorischen Abläufe und über das Personal gegeben. Ich betrachte Thomas Böhle wie einen Mentor.

Beim KVR ist ein Kommunaler Außendienst (KAD) angesiedelt, der als Hilfsarm der Polizei in altstadtnahen Gebieten patrouilliert. Die Grünen sehen das kritisch. Kommt der Außendienst unter Ihrer Leitung auf den Prüfstand?

Ich halte diesen Ordnungsdienst für sehr sinnvoll. Deshalb habe ich ihn auch in Freising eingeführt. Es gibt eine klare Abgrenzung: Das KVR ist präventiv tätig, die Polizei repressiv. Wir haben für den KAD viele Gestaltungsmöglichkeiten und Einsatzfelder in München.

Gibt es aus Ihrer Sicht problematische Plätze in der Stadt?

Der Alte Botanische Garten und der Nußbaumpark sind Orte, an denen man sich nachts nicht wohlfühlt, speziell als Frau. Da ist es unsere Aufgabe, diese Orte so zu öffnen, dass jeder Mensch sich dort wohlfühlt. Ein guter Hebel sind bauliche Veränderungen. Das hilft oft.

Wie kann man sich das vorstellen?

Hecken sind zum Beispiel nicht ideal. Und am Nußbaumpark gibt es schwer einsehbare Sechsecke – auch nicht gut. Das begünstigt eine bestimmte Klientel, die sich nachts trifft. Wir haben an beiden Orten Probleme mit der Rauschgiftszene, teilweise in Verbindung mit Prostitution.

Rund um den Hauptbahnhof gilt ein Alkoholverbot. Eine sinnvolle Maßnahme?

Das Verbot gilt noch bis Ende des Jahres, dann wird evaluiert. Letztlich geht es darum, wie viele Straftaten unter Alkoholeinfluss begangen worden sind. Ob wir das Verbot verlängern, hängt im Wesentlichen von der Statistik der Polizei ab. Alkohol zu trinken an sich, stört ja erst mal niemanden. Aber wenn man beginnt, jemanden zu bepöbeln oder zu bestehlen, dann sind die Grundrechte von Dritten tangiert.

Wie stehen Sie zum Thema zügige Ausweisung von Straftätern?

Im KVR gibt es eine eigene Abteilung in der Ausländerbehörde, die sich damit beschäftigt. Meine Linie hier ist ganz klar: Bei schweren Straftaten ab zwei Jahren Haft – insbesondere im Bereich Körperverletzung oder Sexualdelikten – sind wir sehr bemüht um eine zügige Ausweisung. Das wird sich auch unter mir nicht ändern.

Stichwort Digitalisierung: Wann wird Ihre Behörde endlich schneller, insbesondere im Passwesen.

Zuerst muss man den Bürger vermitteln, was alles digital erledigt werden kann. Das sind gar nicht so wenige Dienstleistungen. Aber bei einem neuen Pass wird jeder weiterhin ins KVR kommen müssen. Das kann auch keine künstliche Intelligenz ersetzen. Da geht es um sicherheitsrechtliche Fragen, die überprüft werden müssen. Aber die An- und Abmeldung des Wohnsitzes geht zum Beispiel schon digital. Das hat sich bloß noch nicht so herumgesprochen.

Ihr Mann sitzt im Stadtrat, noch dazu für eine andere Partei, die SPD. Ein Problem für Sie?

Wir haben das tatsächlich lange diskutiert. Aber wir sind uns einig, dass es keine Interessenskonflikte oder Überschneidungspunkte gibt. Mein Mann beschäftigt sich mit Planungs- und Verkehrspolitik.

Ein heiß diskutiertes Thema in München sind die Parkgebühren. Ein Jahrespass für Anwohner kostet seit zwei Jahrzehnten unverändert 30 Euro. Vielleicht weniger eine Frage an die KVR-Chefin, sondern an die Grünen-Politikerin Hanna Sammüller-Gradl: Welche Summe wäre künftig angemessen?

Wenn ich als Beispiel die Gebühr für einen Schanigarten nehme, das sind durchschnittlich 50 Euro pro Quadratmeter. Ein parkendes Auto braucht je nach Größe mehrere Quadratmeter Platz. 200 Euro pro Jahr hielte ich für angemessen.

Was halten Sie von den Schanigärten?

Die schnelle Umsetzung ist ein Glanzstück des KVR gewesen. Das war ja noch vor meiner Amtszeit. Wenn es nach mir geht, sollen die Schanigärten im Großen und Ganzen bleiben. Diese Umverteilung des Straßenraums finde ich gut.

Sind Sie bereits in allen Abteilungen Ihres Hauses vorstellig geworden?

Nein, überall war ich noch nicht.

Wo waren Sie als Erstes?

Im Standesamt.

Aha . . .

(lacht) . . . Na ja, ich habe mir zunächst Bereiche ausgesucht, die ich besonders spannend finde. Deswegen war ich im Standesamt, weil ja nun hoffentlich bald das Selbstbestimmungsgesetz kommt, das sehr große Erleichterungen für Menschen mitbringt, die im falschen Körper geboren wurden. Ich habe mich informiert, wie viele Fälle dort vorliegen. Dann war ich in der Ausländerbehörde. Und der Besuch beim Gabalier-Konzert in Riem war sozusagen die beste Hospitation am offenen Herzen.

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