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Wieder in München: Ali Güngörmüs in seinem Restaurant "Pageou".

Neues Restaurant

Vom Arbeiterkind zum Spitzenkoch

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Eine Lehrerin empfahl ihm, die Sonderschule zu besuchen – jetzt ist er Deutschlands einziger türkischer Sternekoch: Ali Güngörmüs ist nach Jahren in Hamburg nach München zurückgekehrt.

So also sieht er aus. Überraschend zierlich. Im ZDF, wo er die Sendung „die Küchenschlacht“ moderiert, wirkt er korpulenter. Und wie er sich bewegt! Als habe er eine Tanzausbildung absolviert. Ali Güngörmüs, 38, ist vor wenigen Wochen nach München zurückgekehrt. Nicht der Familie wegen – Arbeit geht vor. „Ich bin wegen der Location gekommen. Ich wollte sie immer schon haben.“

Die Location ist ein Altbau an der Kardinal-Faulhaber-Straße 10 nahe dem Hotel Bayerischer Hof. Hier hat Güngörmüs das Restaurant „Pageou“ eröffnet – ein teures, aber keineswegs steifes Lokal mit hervorragender Küche. Deutsch-französisch-orientalischer Küche. Güngörmüs’ Küche. Auf der Karte stehen Vanille-Sauerrahm-Soufflé mit Sharonfrucht, Türkischer Nougat mit Rosenwassereis, geschmorter Ochsenschwanz mit Teepflaumen, Vierländer Ente – eine Rasse aus der Hamburger Gegend.

Früher hatte Sternekoch Karl Ederer in den Räumen sein Restaurant , Güngörmus war vor zehn Jahren sein Küchenchef. Vor wenigen Monaten zog sich Ederer zurück – und bot Güngörmüs an, die Örtlichkeit zu übernehmen. Der sagte zu, obwohl er in Hamburg das „Le Canard“ führt, das der Michelin mit einem Stern bewertet. Viele kennen das „Le Canard“ aus dem Kino. Hier drehte Fatih Akin seinen Film „Soulkitchen“. Güngörmüs war Berater des Schauspielers Birol Ünel. Schließlich sollte dessen Rolle als exzentrischer Spitzenkoch authentisch wirken. „Berater? Ich hab’ ihm nur gezeigt, wie man Zwiebeln schneidet!“, sagt Güngörmüs. Der Typ ist tatsächlich völlig uneitel. Kochen ist für ihn keine Kunst, sondern Arbeit.

Güngörmüs ist der Sohn eines Schweißers. Im Alter von zehn Jahren kam er mit seiner Mutter und sechs Geschwistern aus Ostanatolien nach München, wo sein Vater malochte. Güngörmüs sprach kein Wort Deutsch. Aber er lernte schnell. „Ich stamme aus einer armen Gegend, da kann man nicht aus dem Vollen schöpfen“, sagt er. „In Deutschland war ich dankbar über die Möglichkeit, voranzukommen.“

Güngörmüs erhielt Begabtenförderung vom Freistaat. Eine seiner Lehrerinnen dagegen hatte Vorbehalte gegenüber dem türkischen Arbeiterkind: „So einer wie du gehört auf die Sonderschule!“, brüllte sie ihn an nach einem Streich. „Das hat mich getroffen“, sagt Güngörmüs. „Ich hab’ mir gedacht: Ich werde alles daran setzen, dass diese Frau nicht Recht kriegt!“

Mit 14 Jahren machte er den Hauptschulabschluss. Hätte er einen anderen Hintergrund gehabt, wäre er wohl aufs Gymnasium gekommen. Güngörmüs hadert damit nicht: „Wenn jeder Rechtsanwalt oder Betriebswirt wird, wer soll dann die Arbeit machen?“ Mit 17 Jahren hatte er seine Kochlehre abgeschlossen – nicht gerade zur Begeisterung seiner Eltern: „In unserer Kultur kochen die Frauen. Aber letztlich waren sie froh, dass ich nicht rumlungere.“ Auch er selbst hatte ursprünglich andere Pläne. Er tanzte in einer Hip-Hop-Formation, die er mit Kumpels im Jugendtreff nahe dem Hauptbahnhof gegründet hatte. „Das hätte ich gern gemacht. Aber mir war klar, dass das nicht ewig geht. Keiner will alte Leute tanzen sehen.“

Ob er jetzt, da er 40 Vollzeit-Mitarbeiter beschäftigt, Genugtuung gegenüber der Lehrerin verspürt? „Ich will ihr nichts Böses“, sagt er. „Aber sie hat bestimmt über mich gelesen. Und vielleicht kapiert, dass man niemanden aufgeben darf.

Von Bettina Stuhlweißenburg

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